"Requiem for a Dream" (USA 2000) Kritik – Eine unvergessliche Drogenstudie

„Ich hab bei dir das Gefühl ein Mensch zu sein…“

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Nach seinem eindrucksvollen Debütfilm ‚Pi‘ stand Darren Aronofsky direkt als Ausnahmetalent bei vielen hoch im Kurs. Ob er diesem aufgesattelten Ruf überhaupt gewachsen war, musste er mit seinem zweiten Film erst noch beweisen. Mit ‚Requiem for a Dream‘ aus dem Jahre 2000 war es dann klar. Darren Aronofsky kann was. Und zwar so richtig. Er inszeniert eines der wohl schmerzhaftesten, nachhaltigsten und eindringlichsten Meister wie Kunstwerke über den Drogenkonsum.

Schnelle, aneinandergereihten Schnitte und wirre, aber kräftige Bilder komplettieren die visuelle Wucht. Kameramann Matthew Libatique leistet geniale Arbeit und zieht den Zuschauer ohne Kompromisse direkt ins Geschehen. Ein Bilderregen sondergleichen. Nicht minder grandios ist auch der Soundtrack von Clint Mansell, der inzwischen zu den ganz großen Komponisten unserer Zeit zählt. Wenn seine Version von Lux Aeterna den Film unterstreicht, dann wird eine absolut unheimliche Stimmung aufgebaut. Kein Lied hätte auch nur ansatzweise besser zu ‚Requiem for a Dream‘ gepasst. Die Atmosphäre zählt hier nicht zu einer der bedrückendsten, sondern ist erschreckend bedrängend und extrem unbehaglich, doch man kann sich ihr in keinem Moment entziehen.

Einen klaren Hauptdarsteller gibt es hier nicht. Jeder einzelne Charakter bekommt seine Aufmerksamkeit und wird gleichermaßen hervorgehoben. Angefangen mit der Oscar und Golden Globe nominierten Ellen Burstyn. Burstyn spielt die alleinlebende Mutter Sara, die immer mehr ihrer Pillensucht verfällt. Ihre Darstellung ist so authentisch, das man es streckenweise wirklich mit der Angst zu tun bekommt. Genau wie ihre deutliche äußere Veränderung, die einfach nur schockierend ist. Des weiteren Jared Leto, auch bekannt als Frontsänger der Band 30 Seconds to Mars. Leto kann als Sohn Harry durchgehend überzeugen und mit aufopferungsvollem Schauspiel glänzen, aber auch verstören. Genau wie Jennifer Connelly als Harrys Freundin Marion, die den anderen Schauspieler in nichts nach steht und ihre Rolle fantastisch ausfüllt. Selbst Zotenheini Marlon Wayans kann als Tyrone überzeugen und gibt als Harrys Kumpel durchgehend eine gute Vorstellung ab.

Harry ist drogensüchtig und immer auf der Suche nach dem nächsten Trip. Als er mit seinem Kumpel Tyrone auch noch durch das Dealen die große Kohle machen will, nimmt das Chaos seinen Lauf…
Sara wurde in ihre Lieblingsshow eingeladen. Dafür möchte sie natürlich besonders schick aussehen, doch sie passt einfach nicht mehr in ihr schönes rotes Kleid. Also muss sie abnehmen. Eine Diät kommt nicht in Frage, denn die kostet zu viel Zeit. Also verschreibt ihr Arzt ihr Appetitzügler und das Chaos nimmt seinen Lauf…
Dann wäre da noch Marion, die Freundin von Harry. Ebenfalls drogensüchtig und längst schon so weit, dass sie ihren Körper für den nächsten Schuss verkauft und schließlich in einem abgefuckten Hinterzimmer landet, in dem sie für andere Männer nur noch ein Spielzeug ist. Das Chaos nimmt auch hier seinen Lauf…

Aronofsky lädt uns nicht mit seiner Geschichte ein. Er will uns nichts erzählen oder uns informieren, wie schlimm die Welt doch manchmal ist. Er knallt uns seinen Film ohne Gnade vor den Kopf. Zu Anfang kriegen wir sogar noch einen lockeren, recht unbekümmerten Eindruck vermittelt. Doch alles ist nur Fassade und eine grausame Lawine ist schon längst auf dem Weg zu uns. Wenn für unsere Hauptakteure das Leben selbst nicht mehr zählt, sondern nur noch der nächste Schuss um sich aus diesem Leben zu katapultieren, dann sind wir als Zuschauer ebenfalls schon längst gefangene dieses Abgrundes. Die Charaktere werden dabei nie als Identifikationsfiguren offenbart, nicht mal Sympathien können sie sich gutschreiben lassen. Doch wir leiden. Wir leiden mit ihnen, ihren Umständen und damit, was aus ihnen geworden ist. Wir hoffen auf Besserung, wünschen uns, dass alles doch irgendwie ein gutes Ende nehmen möge. Dafür haben wir uns jedoch den falschen Film ausgesucht und jeglicher Gedanke an Besserung ist bloße Verschwendung. Wir zerfallen in der blanken Berührung mit dieser schier unendlichen Radikalität.

Das Eiswasser, in das uns der Film geschubst hat, lässt uns durchgehend zittern. Aronofsky will uns in diesem grauenhaften Zustand behalten und steigert sich immer mehr. Wenn man denkt, schlimmer kann es nun nicht mehr werden, beweist er uns das Gegenteil und nimmt uns Stück für Stück auseinander. Die Menschen im Film sind fesselt in ihrer Sucht. Eine Sucht, die immer schrecklichere Ausmaße nehmen und man als süchtiger selbst nicht mehr weiß, wo man steht. Die eigene Sucht fällt nicht auf. Alle sind sie ohne Vergangenheit und ohne Perspektive, genauso wie ihnen keine Zukunft vorausbestimmt sein wird. Jeglicher Bezug zur Realität und jede Bindung zum Echten ist verloren und vergessen.

Aronofsky führt uns eine Welt voller gescheiterter Existenzen vor. Eine Welt, ohne Hoffnungen, Lachen und ohne Freude. Wir werden selbst zum Teil dieser Trostlosigkeit und versinken im Sumpf aus Abhängigkeit, Kälte und falschen Hoffnungen. Dabei will der Film uns zu keiner Sekunde belehren oder den unnötigen Zeigefinder erheben. Es sind pure Standortsaufnahmen von fallenden Menschen. Menschen, die nicht mehr aufstehen werden. Wir wandeln fast wie in Trance durch das Verderben und die Finsternis. Abgründe eröffnen sich und der sichere Weg Richtung Ende wird eingeschlagen. ‚Requiem for a Dream‘ ist einer der Filme, die man sich immer und immer wieder anschauen muss. Egal wie sehr uns der Film auch schon verletzt hat. Jedes Mal aufs Neue weiß er, den Zuschauer zu zerstören und zu erdrücken und jede Szene, bis zum qualvollen Schluss, brennt sich ins Gedächtnis und lässt einen wie ein Trauma nie wieder los.

Fazit: Darren Aronofsky inszeniert mit ‚Requiem for a Dream‘ einen erschreckend ehrlichen, realistischen und extrem emotionalen Film über die Auswirkung der Drogensucht und schlägt uns damit nicht nur mit voller Kraft ins Gesicht, sondern trifft uns auch genau in die Herzen. Da, wo es am meisten schmerzt. Die grandiosen Darsteller, die visuelle Klasse, der perfekte Soundtrack, so wie die packende und harte Atmosphäre machen ‚Requiem for a Dream‘ einfach unvergesslich und zu einem Film, der nie etwas von seiner zermürbenden Wirkung verlieren wird.