"RoboCop" (USA 2014) Kritik – Der wahre Man of Steel

Autor: Jan Görner

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„What kind of suit is this?“ – „It’s not a suit, it’s you.“

Detroit im Jahr 2028: Während die intelligenten Roboter-Drohnen der Firma OmniCorp im „befreiten“ Iran und anderen Krisenherden weltweit längt die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten dürfen, wehren sie die US-Bürger immernoch standhaft gegen einen Einsatz der Ordnungsautomaten vor der eigenen Haustür. Dass so ein lukrativer Markt unerschlossen bleiben soll, kann der ambitionierte Unternehmer Raymond Sellars (Michael Keaton) nicht akzeptieren. Er ersinnt eine Strategie, um seinen Landsleuten die Verbrechensbekämpfung des 21. Jahrhunderts schmackhaft zu machen: Die Roboter müssen ein menschliches Antlitz erhalten. Da kommt ihm der bei einem Bombenanschlag schwerstverletzte rechtschaffende Polizist Alex Murphy (Joel Kinnaman) gerade recht. Er soll fortan als RoboCop glänzender Werbeträger für OmniCorp spielen. Doch Sellars und sein Partner, der brillante Kybernetiker Dr. Norton (Gary Oldman), haben nicht damit gerechnet, wie viel
von Murphy die Explosion überlebt hat.

Atomschrecken, „Killer-„Yuppies und ein nie versiegender Schwall an verkleisterter TV-Propaganda: Paul Verhoevens („Starship Troopers“, „Basic Instinct“) Sci-Fi-Actioner „RoboCop“ von 1987 liest sich als Fundamentalkritik auf die Achtziger. Eine Dekade, deren kalte Ästhetik, Trends und gesellschaftliche Ausdifferenzierung bis in die kleinste Niesche Grundnahrungsmittel für eine mit heißer Nadel gestrickte Satire en masse bereithielt. In diesem Sinne ist auch die maßlos daherkommende Gewalt in „RoboCop“ zu interpretieren. Übersteigerung als Stilmittel um die Lächerlichkeit, aber mitunter auch Gefahr eines entfesselten Kapitalismus darzustellen, sind für Verhoevens geharnischten Spott essenziell.

Groß war daher auch das Echo bei Fans des Originals als ruchbar wurde, dass José Padilhas („Tropa de Elite“) Version mit einer familienfreundlichen US-Freigabe ab 13 Jahren aufwarten würde. Als ob die Bissigkeit von Verhoevens Dystopie sich lediglich am Blutgehalt der Action festmachen ließe. Die 2010er Jahre finden den kybernetischen Schutzmann in einer grundlegend anderen Sozialkonstellation wieder. Statt der Angst vor einem nuklearen Schlagabtausch, ist es der Albtraum einer gläsernen Post-Privacy-Gesellschaft, die das 2014er Remake umtreibt. Illustriert wird das an Szenen, in denen RoboCop ohne richterlichen Auftrag auf Anruflisten zugreifen kann oder die Tatsache, dass er allein durch Blickkontakt biometrische Daten seines Gegenübers abgleichen kann. Auch die Überwachung durch Drohnen und CCTV scheint lückenlos möglich. Allein, ein bisschen mehr Biss hätte der Satire geholfen, schließlich muss man kein allzu großer Pessimist sein, um zu vermuten, dass sich unsere Gesellschaft tatsächlich in eine ähnliche Richtung bewegt.

Padilha, der mit „Tropa de Elite“ und insbesondere dessen Fortsetzung aus dem Jahr 2010 auf sich aufmerksam gemacht hatte, scheint man ein Projekt von der Größe von „RoboCop“ (geschätztes Budget: 130 Mio. Dollar) noch nicht zuzutrauen. So fühlt sich das Endprodukt oftmals an als würde der Brasilianer mit angezogener Handbremse inszenieren. Was überaus schade ist, denn die Ansätze, die das Remake zeigt sind trotz aller Unkenrufe vielversprechend. Padilha findet interessante Bilder für den Blechmann, sei es in häuslicher Umgebung oder leblos in einem Reisfeld liegend. Auch die Action ist durchaus ansprechend in Szene gesetzt und angenehm dosiert. Die Musikauswahl beweist zudem einen eigenen Witz, beginnend mit Basel Poledouris‘ epischem „RoboCop“-Thema bis zu The Clashs Version von „I Fought The Law“. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht.

Mehr noch als Verhoevens Original, das sich, wie bereits dargestellt, eher als Grundlagenattacke verstehen lässt, stellt Padilha die Geschichte seiner Hauptfigur Alex Murphy in den Mittelpunkt. Murphy, vom Archetyp des einzigen sauberen Cops, ist ein liebender Vater, dessen Fortleben in der OmniCorp-Rüstung mehr Qual als Erlösung ist, eben weil er anders als Peter Weller 1987 die Erinnerung an sein früheres Leben bewahrt. Ein Szene, die Murphy ohne den Anzug zeigt, der traurige Rest eines Menschen, geben einem stoisch agierenden Joel Kinnaman auch die Gelegenheit zu glänzen. Ansonsten nämlich zieht der in Stockholm geborene 34-Jährige gegen seine Kollegen Oldman und Keaton meist den Kürzeren, ist seine Rolle doch auch mehr als Archetyp denn als eigenständiger Charakter angelegt.

In vielerlei Hinsicht gleicht „RoboCop“ 2014 der Origin Story eines Superhelden. Ein rechtschaffender Mann, wiedergeboren als ultimativer Gesetzeshüter. Mit der Tragik geschlagen, nie in sein altes Leben zurückkehren zu können. Zum Glück verzichtet Padilha jedoch auf die plakative Christus-Symbolik eines „Man of Steel“. Tatsächlich legt „RoboCop“ zahlreiche Fährten, schafft so viele Konflikte, dass das Endprodukt im besten Sinne wie ein vielversprechender TV-Pilot wirkt. Dies mag auch mit der zurückgenommenen Ästhetik Padilhas zusammenhängen, dem der Realismus seiner Welt viel bedeutet. Doch muss der Streifen als in sich abgeschlossene Geschichte funktionieren, was den Effekt hat, dass sie doch recht durchschnittliche Story ohne allzu große Überraschungen auskommen muss. Wie man ein ähnliches Projekt deutlich schlanker und effektiver gestaltet, hat 2012 Pete Travis‘ Genre-Perle „Dredd“ gezeigt als dessen gesellschaftsfähigerer Cousin „RoboCop“ durchgehen könnte.

Fazit: Wenn es schon ein Remake von Klassikern wie „RoboCop“ geben muss, dann bitte so wie Padilha es umsetzt. Es gelingt dem Regisseur die Geschichte auf gegenwärtigen Diskursen fußen zu lassen und ein recht eigenständiges ästhetisches Konzept zu verfolgen. Etwas mehr Mut von Seiten der Produzenten und „RoboCop“ hätte richtig gut werden können. So ist er immer noch mehr als solide.