"Romeo & Julia" (USA 1996) Kritik – William Shakespeare in modernem Gewand

Autor: Pascal Reis

null

„Um Hass geht es hier, doch mehr um Liebe noch. Zänkische Liebe, Liebe voller Hass, du alles aus dem nichts zuerst erschaffen. Oh schwere Leichtigkeit. Oh ärmste Tändelei. Entstelltes Chaos, scheinbar wohlgeformt.“

Wenn man sich mit den prägendsten und bekanntesten Personen der Weltliteratur beschäftigten will, dann stößt man auf die üblich Verdächtigen, was in diesem Fall jedoch in keiner Weise negativ gemeint ist, denn hier besteht die Ausnahme, das Popularität wirklich gleichbedeutend mit Qualität ist. Wir sprechen also von Menschen wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Lord Byron, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und John Keats. Männer, deren Ruf als Dramatiker, Philosophen, Lyriker, Dichter, Denker oder ganz einfach Autoren auf der ganzen Welt zu Recht bekannt ist. Jedoch wurde eine Person bewusst noch nicht genannt. Eine Meister, dessen Name und Werke überall ein Begriff sind, selbst wenn man sie nie gelesen hat. Die Rede kann natürlich nur vom Engländer William Shakespeare sein, und wenn man an Shakespeare denkt, dann kommt einem auch unweigerlich seine frühe Tragödie „Romeo und Julia“, geschrieben 1597, in den Sinn. Aber wen interessieren, nun aus der Sicht der Filmwelt, noch die Verfilmungen von Shakespeare? Wahrscheinlich nur die Literaturfanatiker und Shakespeare-Fans, doch auch die sehen der unzähligsten Verfilmung inzwischen schon mit einem genervten und gelangweilten Blick entgegen. Was muss ein Regisseur also tun, um den Stoff wieder Massentauglich zu machen? Baz Luhrmann hat mit seiner „Romeo & Julia“ Interpretation im Jahre 1996 einen mehr als ansprechenden Weg gefunden.

Die Geschichte rundum die beiden Liebenden sollte ja bekannt sein, deswegen darf die Inhaltsangabe in diesem Fall ruhig etwas knapper ausfallen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, so viel steht fest, als Romeo und Julia sich das erste Mal in die Augen sehen und gegenseitig ihre Herzen verschenken. Das Problem dabei ist nur, das Julia der Familie Capulet angehört und Romeo den Namen Montague trägt. Diese beiden Familien sind verfeindet und eine offene Liebe wäre unmöglich. Doch, auch wenn es Unterstützer gab, ist das nicht zu schaffen und die verbotene Liebe wird immer weiter aufgedeckt. Es kommt zur Katastrophe, in der Romeos Freund Mercutio und Julias Cousin Tybalt verwickelt sind. Die Folge bedeutet Verbannung für Romeo und Julia steckt mitten in der aufgezwungenen Hochzeit mit Paris, den ihre Eltern für sie bestimmt haben. Doch das ist noch lange nicht das Ende der problematischen Liebe und es soll noch viel schlimmer werden…

Der interessanteste Aspekt ist die Aufmachung des Films. Luhrmann hat das Setting, die Kulissen und den äußeren Ton vollkommen in die Moderne verlegt. Wir finden uns in der fiktiven südamerikanischen Küstenstadt Verona Beach wieder. Die Sonne brennt, die Stadt ist schmutzig und die brodelnden Schwingungen, ob der Gewalt oder Liebe wegen, liegen standhaft in der Luft. Luhrmann entfernt sich von jeder Altertümlichkeit und der frische Stil weiß in seiner Ungewöhnlichkeit voll zu überzeugen. Kameramann McAlpine hält das Geschehen in knallbunten Fotografien fest und lässt den Film nicht selten, auch dank seiner schnellen Schnitte und Überzogenheit, wie ein typischen Musikvideo aussehen, wobei dabei auch der gemischte Soundtrack seinen Teil zu dem Eindruck beiträgt, denn der Mix aus Rock, Pop und kraftvoller Oper ist schon eine Sache für sich, mit der man sich natürlich erst mal anfreunden muss. Schauspielerisch wurden dementsprechend auch reine und unverbrauchte Gesichter gesucht, die genau in die neue Form passen. Mit Leonardo DiCaprio als Romeo hat man schon einmal den richtigen Schauspieler auf der männlichen Seite und auch Julia wurde mit Claire Danes passend besetzt. Dabei kommt es gar nicht unbedingt auf das Schauspiel selbst an, sondern auf die Harmonie zwischen Danes und DiCaprio, und die ist durchgängig so glaubwürdig, dass man ihnen die Gefühle einfach abkauft. Auch John Leguizamo als Tybalt, Dash Mihok als Benvolia, Pete Postlethwaite als Pater Laurence, Paul Sorvino als Fulgencio und Brian Dennehy als Ted sind durchaus interessant und gut besetzt. Die Rolle des Mercutio darf Harold Perrineau Jr. ausfüllen und an seiner Interpretation werden sich die Geister scheiden, doch wer sich auf seine Performance einlassen kann, findet auch in ihm einen gewissen neuen Charme.

Man muss natürlich von vornherein wissen, worauf man sich mit Baz Luhrmanns „Romeo & Julia“ einlässt. Wer hier eine steife Verfilmung erwartet, der wird nach wenigen Minuten bereits verschreckt die Augen aufreißen. Die hastigen Schnitte, die knalligen Farbtöne, die luftigen Outfits, die 9MM-Pistolen mit goldener Umrandung und die ständige MTV-Ästhetik sind klare Geschmackssache. Wer sich dem Shakespeare-Stoff allerdings in neuer Form nähern will, sich dabei mit der Originalsprache aus der Vorlage abfinden kann und ebenso die quietschenden 90er Jahre als Hintergrund akzeptiert, der ist hier genau an der richtigen Adresse. „Romeo & Julia“ wird zum überlangen Musikvideo, verknüpft den Charme einer gegenwärtigen Operette mit kitschiger Gewaltästhetik und findet sich schlussendlich im Schmerz der pathetischen Aufopferung. Zwar schrammt Luhrmanns Inszenierung immer an der Grenze zur Albernheit, doch seine Führung und Entblätterung hat einen ganz eigenen Reiz, dem man sich, wenn man sich draufeingelassen hat, kaum entziehen kann. Ebenfalls kann die Emotionalität der unausweichlichen Tragödie nicht ganz ausgereizt werden, was auch daran liegt, das einem als Zuschauer rauschartig die Modernität um die Ohren gehauen wird und die Augen keinen Stillstand kennen, doch die Romantik, die Poesie und die lyrische Symbolik wissen sich dem Wechselspiel aus leichten und erdrückenden Versen toll anzupassen.

Fazit: Ob William Shakespeare seine Verse gerne in Verbindung mit Hawaiihemden, Blue Jeans und Punkoutfits gesehen hätte, lassen wir besser unbeantwortet, genau wie er es wohl alles andere als gut befunden hätte, wenn seine Romanfiguren die dicken Knarren aus den Halftern ziehen, anstatt sich mit dem Degen zu duellieren. Aber sicher nicht nur Shakespeare hätte wahrscheinlich seine Probleme mit Luhrmanns „Romeo & Julia“ gehabt, bei dem das Prädikat „Geschmackssache“ passender denn je ist. Das moderne Auftreten mit den Texten aus der Vorlage ist schon eine Sache für sich, doch wer damit umgehen kann, der bekommt einen knallbunten Tanz aus fiktiver Erneuerung, unumgänglicher Romantik und poetischer Schwere, unterstützt von frischen Gesichtern, einer mehr als interessanten Optik und einem schönen Soundtrack. Ein überaus mutiger Film für die lesefaule Teenie-Generation und auch genauso für die interessierten Leseratten wie Filmfreunde.