"Ronin" (USA 1998) Kritik – Robert De Niro rast durch Frankreich

„Schon mal jemanden umgebracht? – Ich habe höchstens mal jemandem das Herz gebrochen.“

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Der 2002 verstorbene John Frankenheimer war einer der Regisseure, die in der Filmwelt immer vertreten waren, das über Jahrzehnte, doch so wirklich im Vordergrund stand er eigentlich nie. Einigen wird der Name sicher noch ein Begriff sein und im Hinterkopf klingelt etwas bei der Erwähnung, aber einer der Topmänner war Frankenheimer zu keiner Zeit. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen heute Sachen wie ‚Der Gefangene von Alcatraz‘ oder auch ‚Der Regenmacher‘, die in jedem Fall überdurchschnittliche Genrefilme sind. Seinen besten Film inszenierte Frankenheimer mit ‚Ronin‘ allerdings erst im Jahre 1998.

Deirdre und eine Handvoll käufliche Agenten bekommen den Auftrag, einen Koffer zu stehlen, bevor der jetzige Besitzer diesen an den KGB weiterleiten kann. Niemand kennt sich, alle sind sie verschieden und doch müssen sie zusammen diesen Job ausführen. Die Tasche verschwindet jedoch kurz nach dem geglückten Coup und alle Ex-Agenten befinden sich nun in einem Spiel, in dem jeder ein Verräter sein könnte.

Mit seiner Darstellerwahl bewies Frankenheimer hier ein ganz besonderes Händchen und konnte jeden Charakter toll besetzen. Angefangen mit Charaktermime Robert De Niro als Ex-CIA-Agent Sam. De Niro füllt seine coole Figur ohne Mühe toll aus und könnte sich schon fast als knallharten Actionhelden bezeichnen lassen, wobei das dann doch etwas übertrieben wäre. An De Niros Seite überzeugt auch der Franzose Jean Reno als Vincent, der sich mit seinem Schauspiel äußerst angenehm zurücknimmt, aber nie gehen lässt, sondern immer präsent wirkt. Natascha McElhone als Deirdre gibt den weiblichen Part als Leiterin der Mission und lässt sich keinesfalls von De Niro & Co. wegdrängen, sondern bietet Parole und hält mit. Auch die kleineren Rollen, die trotzdem ihre nötige Zeit zugesprochen bekommen, sind mit Stellan Skarsgard, Sean Bean, Jonathan Pyrce und Feodor Atkine gut besetzt.

Der Filmtitel ‚Ronin‘ lässt sich auf einen mystischen Ursprung zurückführen. Als Ronin bezeichnete man die sagenumwobenen Samuraikrieger, deren Lehnsherr verstorben ist. Diese Samurai, nun eben Ronin genannt, müssen sich nun eigene Faust als Diebe oder Auftragsarbeiter durch die Welt schlagen. Mit einer Art herrenloser Kämpfer bekommen wir es also auch hier zu tun, wenn auch nicht so legendär wie die disziplinierten Meisterkämpfer. Hier sind es Agenten, die nach dem Ende des kalten Krieges keinem direkten Land mehr zugehören und sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten. Die sechsköpfige Crew um Sam, Vincent, Deirdre, Spence, Gregor und Larry sind Könner in verschiedensten Bereichen, ob Waffen, Fluchtfahrten, strategische Planung oder Organisation von bestimmtem Equipment. Spezialisten sind sie alle. Nun wurden sie zusammen in einen Topf geworfen und die unterschiedlichen Menschen müssen zusammenarbeiten und durch die genauste Planung und Vorbereitung einen Koffer entwenden, bevor er in die „falschen“ Hände gerät. Das ist jedoch nur das Grundgerüst der Handlung, denn ‚Ronin‘ richtet seinen Blick die meiste Zeit auf ganz andere Dinge.

In ‚Ronin‘ geht es um die verschiedenen Persönlichkeiten und Gefühlslagen innerhalb der Gruppe und der Mission. Wer ist hier noch ehrlich, wer spielt mit gezinkten Karten und denkt nur an den eigenen Gewinn? Intrigen, Verrat und Misstrauen sind die Schwerpunkte der undurchsichtigen Situation, aber es geht hier auch um Zusammenhalt und wachsende Freundschaft, auf die man sich stützen und zurückgreifen kann. Sicher ist ‚Ronin‘ recht ruhig erzählt, doch gerade durch dieses unaufgeregte Tempo entwickelt der Film viel Spannung, die in den fantastisch gefilmten Verfolgungsjagden durch Nizza oder Paris ihre Höhepunkte erreichen und den Zuschauer einfach mitreißen. Das altmodische Suspense-Flair, die lockere, aber dennoch packende Inszenierung und natürlich die tollen Darsteller halten den Zuschauer durchgehend bei Laune. Zwar ist die Story nicht komplex-verstrickt und an manchen Stellen hat Frankenheimer es sich auch zu leicht gemacht, doch ‚Ronin‘ fesselt ohne Probleme und spielt gekonnt mit den Erwartungen. Eines stimmt nämlich in jedem Fall: nicht selten ist es besser, wenn man nicht alles weiß und Fragen unbeantwortet bleiben.

Fazit: Die Schießereien sind realistisch, die engen Verfolgungsjagden krachend und die Spannung immer oben. Aber ‚Ronin‘ beherrscht auch die ruhigen Zwischentöne, die uns die Charaktere noch verdeutlichen. Die starken Darsteller, der unterstreichende Score, die tolle Kameraführung, so wie Frankenheimers ausgefeilte Inszenierung machen ‚Ronin‘ zu einem ausgezeichneten Thriller, weit über jedem Genre-Durschnitt und mehr als nur sehenswert.

Bewertung: 8/10 Sternen