Kritik: Rubber (FR 2010)

„No Reason.“

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Anhand einer Synopsis zu erklären was in „Rubber“ passiert, ist so sinnvoll wie ein lebendig gewordener Autoreifen mit telekinetischen Fähigkeiten. Nein, für einen Einblick in Quentin Dupieuxs Film eignet sich nur der hervorragende Teaser.

Nach dieser kurzen und intensiven Einführung bleiben dem Leser nur zwei Möglichkeiten. Wer vom Gesehenen fasziniert war, wird mir sicher mit voller Bereitschaft tiefer in den Kaninchenbau folgen. Wer verstört mit dem Kopf schüttelte, liest diesen Absatz wohl bereits nicht mehr und dreht schon seine Runden auf YouPorn oder sonstwo.

Na gut, bleiben nur wir übrig. Ohne ein großes Geheimnis darum zu machen, will ich schon mal anmerken, dass „Rubber“ der beste Film der letzten Jahre ist. Quentin Dupieux alias Mr. Ozio ist eigentlich ein französischer Musiker. Auf der einen Seite ist es verwunderlich, dass „Rubber“ so abgeklärt und selbstbezogen daher kommt. Filmemacher hinterfragen selten das Kino an sich bereits am Anfang ihrer Karriere. Andererseits ist das in der Postmoderne wahrscheinlicher geworden und vielleicht liegt es auch an Dupieuxs Außenseiter-Perspektive, dass „Rubber“ ein Kommentar und kein Beitrag zum Kino geworden ist.

Ähnlich wie bei „Funny Games“ hat auch bei „Rubber“ das Publikum seine Unschuld verloren. Doch wo Haneke den Zuschauer direkt anklagt und quasi das Sehen des Films selbst moralisch hart verurteilt, geht „Rubber“ nicht so radikal vor und versucht eher die Kommunikation zwischen Leinwand und Zuschauerschaft zu thematisieren. Denn obwohl Dupieux und seine fiktiven Helden sich oftmals lustig über das Publikum machen und der Oberschurke des Films letztendlich das Publikum selbst ist, bleibt „Rubber“ stets eine Liebeserklärung an die Imagination des Zuschauers, denn er ist es, der den Film zum Leben erweckt.

Aus einem leblosen Gummireifen wird Robert, aus einer bloßen Abfolge von Bildern entsteht ein Film. Es ist wie mit dem bekannten Baum im Wald, der umfällt, aber nicht gesehen und gehört wird. Ist er dann überhaupt umgefallen? Genauso inexistent ist ein Film, der in einem leeren Kinosaal gezeigt wird.

Ich finde es immer sehr leidlich, wenn hoch gebildete Bildungsbürger mit reichlich Bildung das Kino als Kunst zweiter Klasse bezeichnen, als passive Kunst, wo sich der Zuschauer nur berieseln lassen braucht, während das geschriebene Wort dem Leser einiges an Fantasie abringt. Dabei zeigt „Rubber“ auf sogar sehr lustige Weise, wie viel der Zuschauer dem Film hinzufügen muss um ihn zum Leben zu erwecken. Selbst seltsamsten Wendungen und Schnitten versucht das Publikum mit Kraft seines Geistes einen Sinn zu geben und selbst wenn ein Film so unverschämt ist und uns bereits zu Beginn sagt, dass dies alles gar keinen Sinn haben wird, versuchen wir weiterhin zu verstehen, zu interpretieren und zu analysieren. Die von „Rubber“ gestellte Herausforderung kann man entweder als schamlose Arroganz begreifen oder als Kompliment an sein Publikum. Ich entscheide mich für letzteres.

„Rubber“ ist das Werk eines äußerst kritischen Künstlers, der dem Kino gleichzeitig hoffnungslos verfallen scheint. Eigentlich kann man sich gar nicht vorstellen welchen Film Dupieux als nächstes drehen wird, da er das Kino bereits bis in seine tiefsten Provinzen erkundet hat. Vielleicht war dies aber auch sein letzter Film. Andererseits würde ich mich über mehr Filme dieses neuen Talents freuen.

Ähnlich wie Nolan bei „Following“ hat auch Dupieux mit einem geringen Budget drehen müssen und Regie, Buch, Kamera, Schnitt und Musik selbst in die Hand genommen. Das Resultat ist nie unfreiwillig billig, bietet tolle Darsteller, abstrakte Bilder und einen starken Score, doch kann man „Rubber“ schlecht an seinem Handwerk und ihren Komponenten beurteilen. Dieser Film ist mehr als die Summe seiner Teile.

Bewertung: 9/10 Sternen