"Rubinrot" (D 2013) Kritik – Von Schundliteratur und der Rolle des Kapitalismus in der Kunst

Autor: Florian Feick

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„Alle Augen werden auf dich gerichtet sein“

Film-Adaptionen erfolgreicher Belletristik-Romane gelten schon seit längerer Zeit als Garant für klingelnde Kino-Kassen; und dass Qualität nicht gleich mit finanzieller Fortune einhergeht, ist auch kein Geheimnis. Woran liegt es aber, dass Fantasy-Romane derzeit so erfolgreich wie noch nie sind?

Das Zauberwort lautet „Eskapismus“: Kaum eine andere Literatur-Gattung lädt so sehr zur fesselnden Weltenflucht ein wie ein kreativ durchkomponierter Mikrokosmos an fiktiven Schauplätzen und Figuren, deren Atem man im Idealfall auf jeder Seite spüren kann; thematische Komplexität oder innovative Subtexte sollte man dabei aber von den wenigsten kommerziellen Vertretern erwarten. Diese bauen sich lediglich aus den elementaren Kern-Charakteristiken wie Atmosphäre und simpelsten Emotionen ihr kurzweiliges Roman-Konstrukt.

Ein eben solcher Vertreter ist auch RUBINROT. Bereits die knappe Synopsis der mehr als eine Million Mal verkauften Bücher liest sich wie eine dreiste Kopie der Kopie – offensichtlich und nüchtern kalkulierend auf eine weibliche Zielgruppe im Alter von neun bis fünfzehn Jahren zugeschnitten.

Die 15-jährige Gwendolyn Shepherd (solide: Maria Ehrich) lebt in wohlhabenden Verhältnissen zusammen mit ihrer Mutter (vor sich hinnuschelnd: Veronica Ferres) und einer großen Familie, die unzählige Geheimnisse vor ihr zu haben scheint; alles dreht sich um ein ominöses Zeitreise-Gen, das ausschließlich weibliche Mitglieder der Familie in sich tragen könn(t)en und welches beim sechzehnten Geburtstag einer jeden Shepherd droht an die Oberfläche zu treten. Zu diesem Zweck wurde auch Gwendolyns insolente Cousine Charlotte (herrlich karikierend: Laura Berlin), die das Gen vermeintlich in sich trägt, zusammen mit dem männlichen Genträger einer ähnlich veranlagten Familie, Gideon de Villiers (halbwegs überzeugend: Jannis Niewöhner), bereits lange Zeit auf Ihre nahende Gabe vom obskuren Geheim-Bund der sogenannten Loge vorbereitet und trainiert.

Es kommt, wie es schon in unzähligen Literatur-Auswüchsen zuvor kam: Die Familie hat sich verrechnet: Die Gen-Trägerin ist nicht die unsympathische Charlotte, sondern die unscheinbare Gwendolyn selbst und so geschieht es, dass sie kurz nach ihrer Geburtstagsfeier bei einem Schwindelanfall plötzlich mitten im London des frühen 19. Jahrhunderts landet und auf einmal des vermeintlichen Diebstahls bezichtigt wird…

Hat man alles irgendwo schon mal gesehen oder gelesen, meint der geneigte Beobachter da? Nun, damit hat er nicht ganz Unrecht: Sämtliche Charaktere bleiben unsympathische und überzogene Abziehbilder, bei denen nicht einmal ein winziger Hauch Originalität auszumachen ist und die einzig und allein zur Identifikation des adoleszenten Publikums existieren. Von stümperhafter Geheimbund-Kritik bishin zum zelebrierten Finanz-Pragmatismus sind sogar im flachen Subtext einige kleine Hässlichkeiten enthalten. Grundsätzlich ist es ein nachvollziehbarer Schritt, das Große Ganze zunächst im Verborgenen zu belassen, bei einer derart schwammig erzählten und konventionellen Geschichte aber eindeutig die falsche Entscheidung. So geschieht es, dass die am Ende als großer Aufhänger geplante Wendung bereits nach einer halben Stunde entlarvt ist, wonach sich der Zuschauer permanent fragen darf, was dieses zeitverschwendende Rumgeplänkel eigentlich noch soll. Der durchaus löbliche Versuch, auf eintönige Schwarz-Weiß-Malerei zu verzichten, endet in einem deprimierend-nihilstischen Kampf der sinnlosen Pseudo-Kritik, der sich deutlich sträubt, zur sonst so kitschigen Hauptgeschichte zu passen. Dazu auserkoren, als einziges Element des Films fähig zu sein, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, scheitert die vorhersehbare Liebesgeschichte sofort an ihrer amateurhaften Künstlichkeit; banale Momente werden derart hölzern romantisiert, dass man als Zuschauer vor Fremdscham am liebsten im Boden versinken würde. Lediglich das stereotypische Medium, Großtante Maddy (smeagolesk: Katharina Thalbach) als charmant-übertriebener Sidekick, und zwei bis drei Momente der überraschend gut pointierten Situationskomik vermögen es, dem Publikum die paar Schmunzler abzugewinnen, über welche der Film des Jung-Regisseurs Felix Fuchssteiner sonst nur spärlich verfügt.

Der erste Teil der geplanten LIEBE GEHT DURCH ALLE ZEITEN-Trilogie präsentiert sich als unnötig-aufgedunsener Prolog einer weiblich-naiven Freiheitsfantasie, der mit erheblichen Längen zu kämpfen hat und dramaturgisch mehr als unausgegoren daherkommt. Schon am optischen Gerüst des Films erkennt man, an welch trauriger Ideen-Armut die nichtsdestorotz erfolgreiche Vorlage der Autorin Kerstin Gier litt – glattgebügelt, beliebig, uninteressant. Es bleibt zu ersehnen, dass RUBINROT auf längere Sicht nichts weiter als ein Negativ-Beispiel einer Roman-Adaption ist, vor denen der Zuschauer hoffentlich zukünftig bewahrt wird. Ich persönlich glaube voller Optimismus daran, dass der Faktor der Qualität irgendwann mehr als monetäre Quantität wiegt. Die Autorin macht ihrem Namen alle Ehre: RUBINROT fühlt sich in jeder Sekunde wie ein seelenloses Pamphlet der unerbittlichen Geld-Gier an, das nur dafür existiert, unerfahrene Mädchen finanziell ein klein wenig ärmer zu machen.