"Rum Diary" (USA 2011) Kritik – Johnny Depp zwischen Sonne, Alkohol und Langeweile

„Do you smell it? It’s the smell of bastards!“

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Hunter S. Thompson ist der Inbegriff des Gonzo-Journalismus. Unzählige Menschen lagen und liegen dem exzentrischen Journalisten, der sich 2005 mit einem Kopfschuss das Leben nahm, zu Füßen. Thompson zeichnete sich durch seine unverwechselbare Schreibweise und ließ bei seinen Berichten oder Kommentaren die literarischen Ebenen immer ganz eigen verfließen, um sie dann irgendwo zwischen Fiktion und Tatsachenbeschreibung anzusiedeln. Seine Wortkreationen sind genau wie er selbst mehr als nur Kult, vielmehr besitzen sie schon einen gewissen Legendenstatus, auch wenn es natürlich genügend Leute gab, die seine Art, sowohl als Mensch und als Autor, nicht ausstehen konnten. Zu Thompsons besten Freunden zählte Superstar Johnny Depp, der reichlich Zeit mit ihm verbracht hat und 1998 auch die Ehre hatte, in Terry Gilliams „Fear and Loathing in Las Vegas“ Thompsons Alter Ego Raoul Duke zu verkörpern. Diese Odyssee war jedoch nicht das letzte filmische Aufeinandertreffen, denn im Jahr 2011 nahm sich Regisseur Bruce Robinson den Thompson-Roman „The Rum Diary“ vor und besetzte die Hauptrolle erneut mit Johnny Depp. Von der Genialität des Gilliam-Films ist „Rum Diary“ allerdings Lichtjahre entfernt.

Der amerikanische Journalist Paul Kemp reist von A nach B und erfüllt an den verschiedensten Orten seine Arbeit. Dieses Mal zieht es ihn im Jahre 1959 nach Puerto Rico, genauer gesagt nach San Juan, wo er ein gutbezahltes Angebot nur zu gerne annimmt und nun verantwortlich dafür ist, dem Magazin „The San Juan Star“ neuen Glanz zu verleihen. Allerdings hat Paul eigentlich gar keine Lust seinem journalistischen Job wirklich nachzugehen und kippt sich lieber einen Drink nach dem anderen in den Hals. In San Juan lernt er auf seinen Sauftouren die verschiedensten Menschen kennen, darunter auch die hübsche Cenault, die Paul beim ersten Treffen direkt den Kopf verdreht. Dumm ist dabei nur, dass Chenault schon an den Unternehmer Sanderson vergeben ist und dieser versteht in Bezug auf seine Freundin gar keinen Spaß. Doch Paul bekommt Chenault zwischen all seinen Exzessen einfach nicht mehr aus dem Kopf…

Die Kulisse der puertoricanischen Hauptstadt lädt schnell zum Träumen ein. Die weißen Strände, das türkis-klare Wasser und die exotische Flora der Insel lassen karibisches Urlaubsfeeling aufkommen. Dazu trägt auch die Kameraarbeit von Dariusz Wolski bei, der „Rum Diary“ in schwüle und ebenso einladend-klare Bilder verpackt und die Atmosphäre dabei hitzig aufladen kann. Auch Christopher Youngs Soundtrack, der sich auf entspannende Klänge mit Südsee-Flair konzentriert und das Feeling des sommergefluteten Inselstaates angemessen unterstreicht. In der Hauptrolle sehen wir Hollywoodliebling Johnny Depp, der hier Paul Kemp spielt und erneut in die Rolle von Thompson Alter Ego schlüpft. Depp ist natürlich nicht mehr der Jüngste, dementsprechend wurde auch Kemp auf ihn angepasst und aus einem haltlosen Energiebolzen wird ein entspannter Dauersäufer im mittleren Alter. Depps Schauspiel lässt sich als eine Light-Version seiner Captain Jack Sparrow Interpretation bezeichnen, mit der er dank seiner tollen Auftritte im „Fluch der Karibik“-Franchise wohl Zeit seines Lebens verbunden werden wird. Er weiß, dass er ein fantastisches Mienenspiel besitzt und lässt seine Figur voll darauf fallen. Zwar ist das nicht das große Schauspiel, aber für seine Rolle durchaus ausreichend. In den Nebenrollen wurden dann Darsteller wie Aaron Eckhart als aufbrausender Sanderson, Richard Jenkins als Magazinchef Lotterman und Michael Rispoli eingesetzt, die allerdings viel zu wenige Spielräume bekommen. Einzig Giovanni Ribisi als vollkommen durchgeknallter Moberg weiß in seinen Szenen zu überzeugen. Amber Heard gibt dann noch die 08/15-Schönheit und kann in ihrer belanglosen Rolle nur mit ihrem verführerischen Aussehen auffallen.

Eines muss man hier vorweg klipp und klar sagen: „Rum Diary“ ist kein Saufausflug im Stil eines „Fear and Loathing in Las Vegas“. Wer sich von diesen Erwartungen entfernen kann, den werden die enttäuschenden Tatsachen nicht allzu schwer treffen. Bruce Robinsons Inszenierung ist einfach gesagt viel zu zahm und langsam. Der Film kommt nicht ins Rollen, die Charaktere bewegen sich nicht aus ihren eindimensionalen Mustern und machen fast durchgehend dieselben Tätigkeiten: Ziellos durch San Juan irren und saufen, saufen, saufen. Während Thompsons Vorlage als Flucht vor den falschen Moralvorstellungen und dem verlogenen Realitätsverlust der vereinigten Staaten verstehen lies, wird die Verfilmung nicht zur Selbstfindung zwischen Hochprozentigen, sondern zur trägen Kneipentour ohne Höhepunkte. Sicher gibt es auch amüsante wie skurrile Momente, doch „Rum Diary“ reicht den vorhersehbaren Konventionen immer wieder die Hand und die Schrägheit Thompsons wird durchgehend, bis auf eine Szene, in der Paul mit einer überlangen Zunge konfrontiert wird, vermisst. Man wartet immer wieder auf eine ausufernde Situation, trifft allerdings nur auf die Mut- und Innovationslosigkeit des Geschehens, denen jede Straffheit fehlt. Sicher war auch das Leben von Thompson selbst nicht geordnet, doch das „Rum Diary“ haltlos von einem Moment zum anderen springt und dabei auf eine wirkliche Verknüpfung verzichtet, kann nicht Sinn der Sache sein, vor allem nicht, wenn die oberflächliche und oft einfach uninteressant Erzählweise so nur verdeutlicht wird.

Fazit: „Rum Diary“ hätte das Zeug zum modernen Kultfilm gehabt, verläuft sich aber in seiner verbindunglosen Belanglosigkeit, die weder wirklich ansprechende Charaktere serviert, noch eine Geschichte hat, die irgendeine ausgearbeitete Aussage besitzt. Die Menschen hier sind immer besoffen, stolpern von einem Ort zum anderen und sind dabei so handzahm, dass die Dialoglastigkeit des Films das brave Treiben nahezu erdrückt. Über die einfallslose Liebesgeschichte, die Regisseur Bruce Robinson in seinen Film einfügt, braucht man erst gar keine Worte verlieren, denn die Vorhersehbarkeit des Ganzen ist nicht zu schlagen. Was bleibt sind einige lustige und skurrile Augenblicken, gute Schauspieler die sich nicht von ihrer besten Seite zeigen und eine ansprechende Karibik-Atmosphäre. Das reicht sicher nicht und „Rum Diary“ ist in jedem Fall eine klare Enttäuschung.

Bewertung: 4/10 Sternen