"Running Scared" (USA 2006) Kritik – Eine brutale Nacht

„Es tut mir Leid, dass ich dich nicht richtig getroffen habe.“

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Das Gangster-Kino hat inzwischen viele Gesichter. Früher trugen sie Trenchcoats und die Hüte saßen tief im Gesicht. Von der geheimnisvollen Ausstrahlung ganz zu schweigen. Heute sind es die lockeren Klamotten und das noch lockere Mundwerk. Zeitgenössisch ist das schon, aber ob es nun unbedingt besser ist, sei mal dahingestellt. Mit dem Thriller ‚Running Scared‘ inszeniert Regisseur Wayne Kramer einen dieser neumodischen Gangster-Thriller, der zwar spannend und kurzweilig daherkommt, aber leider dann doch im Gesamteindruck zu oft enttäuscht.

‚Running Scared‘ schafft es schnell, durch seine irren Kameraschwenkt und rasanten Schnitte die Aufmerksamkeit des Zuschauers voll auf sich zu ziehen. Hier gibt es dann wirklich alles, was sich heutzutage als cool bezeichnen lässt. Deplatziert oder unnötig wirkt das Ganze zum Glück auch nur selten. Von der Handkamera, über Bullet Time bis zu Kamerafahrten direkt durch die Häuserwände. Alles ist dabei. Jim Whitaker leistet durchaus gute Arbeit und verschafft dem Film durch seine groben Bilder auch streckenweise, leider nicht durchgehend, eine düstere Atmosphäre. Der Score von Mark Isham macht sich dagegen leider weniger bemerkbar und bleibt nicht im Kopf. Zwar wird der Film sicherlich akzeptabel von ihm begleitet, mehr aber nicht.

Paul Walker darf den Drogendealer und Familienvater Joey spielen. Walker ist, wie wir alle wissen, kein guter Schauspieler und von Wandlungsfähigkeit braucht man bei ihm gar nicht sprechen. Als Joey zeigt er aber dennoch eine solide Leistung und spielt seinen Charakter gut aus, auch wenn er es an manchen Stellen übertreibt (Kniefall am Sandkasten.) Vera Farmiga als Joeys Frau Teresa ist Walker zwar eigentlich überlegen, kann hier aber leider nicht so richtig punkten. Ihre Figur bleibt Oberflächlich, bekommt aber trotzdem eine der besten Szenen des Films zugesprochen. Der junge Cameron Bright als Nachbarsjunge Oleg Yugorsky bringt ebenfalls eine akzeptable Leistung. Nichts tolles, aber sicher auch nicht schlecht. Wie der restliche Cast eben auch. Die Bösen im Film kann man gut verallgemeinern und nicht detailliert auf sie eingehen. Sie sind eben wie sie sein müssen: hassenswert, schmierig und abgründig. Für Entfaltung wird ihnen eh kein Raum gelassen.

Bei einer Schießerei zwischen Joey, seinen Komplizen und einigen Polizisten, gibt es einige tote Cops. Doch das ist gar nicht das Problem. Joey soll die Tatwaffe schnellstmöglich verschwinden lassen. In seinem Keller hat er ein eigentlich gutes Versteck, wäre da nicht sein Sohn Nicky und dessen Freund Oleg. Die beiden beobachten Joey dabei, wie er die Waffe versteckt. Von dort an wandert die Pistole durch verschiedenste Hände. Oleg schießt auf seinen psychopathischen Vater und eine brutale Kettenreaktion wird so ausgelöst. Joey muss die Waffe wiederbekommen und sein Leben wird von Stunde zu Stunde gefährdeter.

In ‚Running Scared‘ wird zu keiner Zeit Wert auf eine Charakterisierung gelegt. Die Figuren tun eben das, was sie müssen und wir folgen ihnen. Identifizieren können wir uns dabei zwar eher nicht, das Handeln aus Verzweiflung ist jedoch durchaus nachvollziehbar. Kramer will uns vielmehr einen unaufhaltsamen Thriller zeigen und eine Jagd quer durch die Straßen der Nacht. Das klappt sogar größtenteils, denn das bunte Treiben und die Suche nach der Pistole erweist sich als äußerst unterhaltsam.

Vom Film selbst werden wir erst mal mit der besagten Schießerei konfrontiert, also der Grundstein und Auslöser des Chaos. Hier wird uns mit konsequenter Deutlichkeit klargemacht, in welche Richtung der Film geht. Die Kugeln peitschen durch die Luft und das Blut spritzt ohne Halt. Dabei kennt die Kamera keinen Stillstand. So sollte man sich nun darauf einstellen, dass man es hier klarer Gewaltdarstellung zu tun bekommt, die sich sicher nicht als blutarm bezeichnen lassen können.

Wenn wir uns dann mit unseren Protagonisten auf die Reise durch die Nacht begeben, kriegen wir es mit allerhand eigenartigen Gestalten zutun. Von dreckigen Prostituierten, schmierigen Zuhältern, korrupten Cops, kompromisslosen Gangstern und auch einem pädophilen Pärchen. Joey ist diese Welt durch seine Job natürlich allzu bekannt. Schocken kann ihn nur noch wenig. Kramer will uns aber viel zu oft diese beklemmend finstere Atmosphäre aufzwängen. Immer wieder versucht er es, wenn es eh schon dreckig genug wurde, noch etwas draufzusetzen und zerstört damit nicht nur die eigentlich gute Atmosphäre, sondern schießt durch dieses unnötige übertreiben auch über das Ziel hinaus.

Einen der klaren Höhepunkte bekommt ‚Running Scared‘ in dem Moment, wenn Oleg sich vor seinem Vater verstecken will und direkt in die Hände der beiden Pädophilen läuft. Nicht wissend was ihn nun erwartet, findet er sich in einer bunten Spielzeughölle wieder. Der Boden ausgelegt mit Folie und in der Mitte des Raumes ist eine Kamera platziert. Eine ausweglose Lage, die nur mit Glück überlebt werden kann. An dieser Stelle wird dem Zuschauer deutlich, dass das wahre Böse in ‚Running Scared‘ immer nur als Randnotiz aufatmet, dafür aber umso nachhaltender.

Mit seinen Wendungen schafft der Film es aber immer wieder, in neue Richtungen zu gehen und den Zuschauer bei der nötigen Laune zu halten. Das jedoch ist das kleinste Problem um das sich Kramer Sorgen machen müsste. Unterhaltsam ist der Film durchweg, Längen gibt es auch keine Schwerwiegenden und spannend ist er auch. Wäre da nicht dieses gewollte Stempelaufdrücken der trostlosen Welt. Dazu kommt auch, dass ‚Running Scared‘ zwischendurch immer stylischer und cooler sein will, als er eigentlich ist. Mal extrem konsequent und erfrischen. Mal überzogen und viel zu gewollt. Das drückt ihn leider ziemlich runter. Der Showdown ist natürlich rein optisch sehr anschaulich und der Zuschauer kriegt endlich rotes Eis. Wenn man allerdings ehrlich ist, weiß man, dass hier viel mehr drin gewesen wäre.

Fazit: Viele Regisseure würden gerne wie einst Tarantino und Ritchie mit ihren Gangsterfilmen einschlagen, zeigen aber leider immer wieder Sachen, die wir schon oft genug gesehen haben. Kramer behält zwar seine eigene Handschrift, schnappt sich aber immer wieder das, was bei anderen Regisseuren vom Teller gefallen ist. ‚Running Scared‘ ist sicherlich spannendes und brutales Thriller-Kino, mit soliden, aber oberflächlichen Darstellern, feinen Bildern und streckenweise wirklich dichter Atmosphäre. Die Schwächen wiegen dennoch viel zu schwer und machen ‚Running Scared‘ zu einem Film, den man sich durchaus mal angucken kann, aber nicht muss. Nicht mehr und nicht weniger.