"Rust and Bone" (FR 2012) Kritik – Jacques Audiard schlägt ein neues Kapitel auf

„Do you even realize what you say?“

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Der Aufstieg des Franzosen Jacques Audiard ist eine bewundernswerte Geschichte. Bereits seit 1974 ist er im Filmgeschäft tätig. Als sein erster großer Erfolg gilt das Drehbuch zum französischen Kultactioner „Der Profi“ mit Jean-Paul Belmondo. Danach wurde es leider ruhig um Audiard. Hier schrieb er ein Drehbuch zu einer Serie, dort zu einem unbedeutenden Film, aber in der Kinolandschaft richtig Fuß zu fassen gelang ihm nicht. 10 Jahre nach „Der Profi“ bekam er schließlich doch seinen ersten Film „Wenn Männer fallen“ finanziert, in dem bereits sein gutes Gespür für Charakterzeichnung erkennbar wurde. Nach ein paar weiteren sehr guten Arbeiten, darunter „Das Leben – Eine Lüge“ und „Der wilde Schlag meines Herzens“ stellte er 15 Jahre später schließlich „Ein Prophet“ auf den Filmfestspielen von Cannes vor. Von nun an galt Audiard als einer der größten Hoffnungsträger des europäischen Kinos. „Ein Prophet“ wurde gefeiert, wie nur wenige andere Filme der 2000er Jahre und hätte es sicherlich auch verdient, als bester französischer Film der letzten Jahre gesehen zu werden. Als Audiard ankündigte, er würde für einen neuen Film mit Marion Cotillard in Verhandlungen stehen, kannte die Neugier der Fans keine Grenzen mehr. Was würde uns Audiard als nächstes auftischen? Die erfreuliche Antwort: Nach „Ein Prophet“ ist Audiard ein weiterer Geniestreich gelungen.

In „Rust and Bone“ dreht sich alles um Stéphanie und Alain, die eines Tages durch einen unglücklichen Umstand zueinander finden und erkennen müssen, wie sehr sie sich gegenseitig brauchen. Sie war eine Orcadompteuse, die bei einem Arbeitsunfall ihre beiden Beine verloren hat, und Alain ist ein in Antibes gestrandeter Belgier, der sich und seinem Sohn hier und dort mit kleinen Nebenjobs gerade so das Überleben sichern kann. Wie bereits in „Ein Prophet“ repräsentieren diese beiden Menschen eine ganze Nation, die sich in Aufruhr befindet. Die Sozialkritik fließt aber so unterschwellig mit ein, dass sie nur beim genaueren Betrachten ersichtlich wird. Sie wird unaufdringlich zwischen den Zeilen, mit Hilfe der jederzeit einnehmenden Bilder vermittelt. Kapitalismus und Arbeitslosigkeit vor der herzerwärmenden Kulisse Antibes und Cannes, welche zu den schönsten Städten Südfrankreichs zählen – traumhafte Strände, teure Hotels, noble Restaurants – all das nimmt man als Tourist wahr. Nur nicht die Menschen dahinter, von denen viele dort, in einer der wohlhabendsten Regionen Frankreichs, tagtäglich ums Überleben kämpfen müssen. In solchen Momenten zeigt sich wieder einmal eine von Audiards großen Stärken. Kein gegenwärtiger Regisseur beherrscht das Körperliche im Medium Film so gut wie er. „Ums Überleben Kämpfen“ wird beispielsweise in einem Street Fight so nachhaltig dargestellt wie der Mord an einem Mithäftling in „Ein Prophet“.

In solchen Street Fights spielt aber noch viel mehr als nur der Überlebenswille eine Rolle. Daher bleiben Audiards Figuren auch nie eindimensional und lassen sich nicht auf diese naive „Forrest Gump“-Attitüde, dass mit dem richtigen Willen sogar der Dümmste überleben kann, zurechtstauchen. Stéphanie und Alain sind ebenso durch Glück und Unglück geprägt wie durch ihre Lebenserfahrung und ihre Mitmenschen. Platte Charaktere gibt es hier nicht, denn egal ob Stéphanie oder Alain, beide sind stets so authentisch wie nur möglich, was vor allem aber auch den beiden herausragenden, schauspielerischen Leistungen von Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts zu verdanken ist. Beide sind ebenso unantastbar wie nahbar, manchmal öffnen sie sich und man verarbeitet gemeinsam mit ihnen ihre Probleme, manchmal aber verlieren sie sich in ihrer eigenen Welt und bleiben für uns ein Rätsel. Mal möchte man sie hassen, im nächsten Augenblick wiederum hat man sie einfach nur lieb. Die Rollen der beiden Protagonisten sind dabei wie geschrieben für Cotillard und Schoenarts. Wenn man sie kennenlernt, dann entdeckt man eine neue Art von Humor und Eigenschaften, die kein anderer Mensch haben könnte. Man begleitet hier zwei unvergleichliche Individuen, wie sie es nie im Kino gab und nie mehr wieder geben wird.

Am Ende entlässt Audiard seine Schützlinge wie bereits in „Ein Prophet“ und „Der wilde Schlag meines Herzens“ in eine ungewisse Zukunft. Würden doch nur alle Regisseure den Zuschauer dazu auffordern, sich in diesem Maße seine eigene Meinung zu bilden, denn weder im Laufe noch am Ende des Films urteilt Audiard über Handlungen und deren Folgen. Die beliebte Aussage „Das Leben schreibt die besten Geschichten“ könnte nicht besser zu einem Film passen, denn Audiard erzählt ehrlich, lebensnah, urteilsfrei und ohne Klischees. Seine Figuren leben und sind keine Marionetten. All das macht „Rust and Bone“ zu einem emotionsgeladenen Drama, welches zudem umwerfend inszeniert und bis in die letzte Nebenrolle herausragend gespielt ist. Audiard kann hier in allen Belangen zum Ausdruck bringen, warum er der französische Paul Thomas Anderson ist. Bleibt also nur noch zu hoffen, dass „Rust and Bone“ nächstes Jahr bei den Oscars Beachtung finden wird, denn dieses Drama ist eine ebenso inspirierende wie erleuchtende Ausnahmeerscheinung.