"Savages" (USA 2012) Kritik – Oliver Stone und der immer wiederkehrende Drogenkrieg

„It started here in paradise, Laguna Beach, where they say God parked himself on the seventh day, but they towed him on the eighth.“

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Oliver Stone steht seit eh und je für optischen Genuss. Nur was macht den Unterschied zwischen dem 80er und dem 2000er Stone aus? Ganz klar seine Art und Weise des Geschichtenerzählens. Vor 20 Jahren war Stone noch einer der konsequentesten Kinovirtuosen, dem kontroverse Gewalt ebenso egal war wie ein mainstreamtauglicher Erzählgestus. Das war für die einen zu viel des Guten, aber zumindest konnte sich Stone damit von der breiten Masse abheben. Spätestens seit der Jahrtausendwende muss man sich jedoch im Klaren sein, dass man von Stone nichts mehr erwarten sollte. Er scheint dem Kino nichts mehr Neues abgewinnen zu können, denn auch von ihm hat die Altersmilde schon vor längerem Besitz ergriffen. Nach Fiaskos wie „World Trade Center“ und „Alexander“ kann er auch mit „Savages“ diesen Eindruck nur verstärken.

Und das, obwohl „Savages“ gar nicht so schlecht anfängt. Die Geschichte dreht sich um die beiden Freunde Chon (Taylor Kitsch) und Ben (Aaron Johnson), die im amerikanischen Drogengeschäft mit ihrer selbstkreierten Droge groß Geld machen, aber recht bald mit einem mexikanischen Drogenkartell konfrontiert werden, welches in die USA expandieren möchte. Da die beiden jedoch mit der Anführerin des Drogenkartells (Salma Hayek) keine Kooperation eingehen wollen, wird O (Blake Lively), die gemeinsame Freundin der beiden, kurzerhand entführt. Nun gilt es, einen Weg zu finden, um O schadlos aus der Affäre zu ziehen. Eine unmögliche Mission nimmt ihren Lauf, die umso verzwickter wird, als sich auch noch eine dritte Partei in das Geschehen einmischt.

Eiskalte Killer, traumhafte Drehorte, eine Ménage à trois mitten im undurchschaubaren Drogendschungel, seit „Scarface“ wurden die beiden Facetten „Drogengeschäft“ und „das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ inszenatorisch nicht mehr so gekonnt gegenübergestellt. Ein Lebensgefühl und die Hölle auf Erden zu vereinen, das war schon immer Stones Stärke und auch „Savages“ steht für eine spektakuläre Optik. Nur wo Stone in Brian De Palmas Mafiadrama „Scarface“, zu dem er ja ebenfalls das Drehbuch verfasst hat, den amerikanischen Traum in seine Kleinteile zerlegte und diesem am Ende jedwede Hoffnung nahm, so bedient er sich nun eindimensionaler Charakterzeichnung und einem Handlungskonstrukt, das vor lauter Naivität und Klischees irgendwann nur noch schwer zu ertragen ist.

Zum Glück entscheidet sich Stone an einem Punkt dafür, sich voll und ganz der Unterhaltung hinzugeben, wodurch man zumindest einen kurzweiligen Drogenthriller geboten bekommt. Brillant inszenierte Actionpassagen, die zwischenzeitig ausufernde Gewalt und die ein oder andere hübsche Wendung können die Schwächen in der Story stellenweise gut kaschieren, und auch Benicio Del Toro und Blake Lively gehen in ihren Rollen voll auf. Der restliche Cast hingegen ist dann doch eher ein Garant für die goldene Himbeere, vor allem John Travolta fällt dabei tief. Das kommt ganz besonders in einem Streitgespräch mit Del Toro, der Travolta in Sachen Präsenz haushoch überlegen ist, zur Geltung. Wie interessant kann ein Film also schon sein, wenn gerade einmal zwei Schauspieler in diesem Versagerdickicht überzeugen können.

Tatsächlich ist „Savages“ teilweise sogar semi-interessant und kann nicht als kompletter Reinfall gesehen werden. Wie bereits erwähnt ist das vorrangig Stones überragendem Gespür für dreckige Inszenierung und den atemberaubenden Handlungsorten zu verdanken, wobei er monatelang mit den Behörden um eine Drehgenehmigung kämpfen musste. Abgesehen davon bleiben allerdings viel zu viele Fragen im Raum stehen: Warum muss man sich schon wieder des Voice-overs bedienen? Wie kann es sein, dass jemand wie Stone einen Film in ein dermaßen schlechtes Finale münden lässt? Und womit würde er das „Raison d’être“ des Films begründen, denn solch vorhersehbare Drogengeschichten haben wir schon zig Male gesehen. Nur eine Woche später startet mit „Miss Bala“ beispielsweise ein mexikanisches Kartelldrama in den Kinos, welches Stones neuester Arbeit in allen Belangen überlegen ist. Wer sich also für den Drogenkrieg interessiert, der sollte sich unbedingt Letztgenannten anschauen und um „Savages“ einen weiten Bogen machen.

Fazit: Originelles Kino sieht anders aus. Für eingefleischte Fans von Oliver Stones technischen Spielereien und kurzweiligen Thrillern noch annehmbar, erweist sich „Savages“ für alle anderen als bedeutungsarmes Genrekino, welches nach einem starken Anfang einen Rekordsturzflug hinlegt, der nur noch durch das saudämliche Finale übertroffen wird.