"Der Schaum der Tage" (FR 2013) Kritik – Gondry lässt die Bilder sprechen

Autor: Stefan Geisler

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„Ich will mich auch endlich verlieben!“

Regisseur Michel Gondry ist wohl der große Träumer unter den französischen Filmemachern. Nichts scheint in seinen Filmen unmöglich und das, obwohl es sich bei seinen Helden zumeist um absolute Durchschnittstypen ohne besondere Fähigkeiten handelt. Nur eins haben fast alle seiner Figuren gemein: Einen ausgeprägten Hang zur Fantasie. So flüchtet sich Stéphane in „Science of Sleep – Anleitung zum Träumen“ aus seinem grauen Büroalltag in die aufregende Welt der Tagträume, während Jack Black und Mos Def in Gondrys „Abgedreht“ große Kinoklassiker mit viel Herz und wenig Budget zu neuem Leben erwecken. Eine solche Realitätsflucht müssen die Figuren in Michel Gondrys neuem Film „Der Schaum der Tage“ nicht bewerkstelligen, denn diese leben bereits in einer cartoonesken Welt, in der unsere Naturgesetze nicht gelten. „Der Schaum der Tage“ ist in seiner verspielten Überschwänglichkeit wohl Gondrys konsequentester Film und dürfte damit wohl wie keiner seiner Filme zuvor das Publikum spalten.

Das Leben scheint sonnig für Colin (Romain Duris), denn der junge Mann lebt in Wohlstand in den Tag hinein und lässt es sich dabei an nichts fehlen: Musik, Geld und Frauen sind die drei Dinge, die ihn glücklich machen. Auf einer Party trifft der Junggeselle jedoch auf eine Frau, die ihm auf Anhieb den Kopf verdreht: Chloé (Audrey Tautou). Für Colin steht fest, dass er mit dieser Frau seinen Lebensabend verbringen will und so macht er prompt Nägel mit Köpfen und bittet die bezaubernde Chloé schon bald nach dem ersten Treffen um ihre Hand. Doch das junge Glück wird früh getrübt, denn in den Flitterwochen befällt die Braut eine seltsame Krankheit: Eine Seerose hat sich in Chloés Lunge eingepflanzt. Ein Problem, auf das nicht einmal die besten Ärzte eine Antwort wissen.

Wenn sich Michel Gondry („Vergiss mein nicht“) einem Roman der französischen Schriftsteller-Legende Boris Vian annimmt, kann man sich sicher sein, dass das Endprodukt in jedem Fall einzigartig wird. Gondry erweckt mit einer solchen Liebe für das Detail Boris Vians Kultroman „Der Schaum der Tage“ zu neuem Leben, dass einige Szenen eine regelrechte Reizüberflutung für den Zuschauer darstellen. Laufendes Mobiliar, lebendige Aale, die in Wasserleitungen leben und vernunftbegabte Mäuse sind in diesem Sammelsurium der Sonderlichkeiten keine Seltenheit.

Anders als man es vielleicht von einem romantischen Drama erwarten würde, verzichtet Gondry auf konventionelle Charakterzeichnung und lässt seine Figuren zunächst als dauergrinsende Fassaden von Szene zu Szene stolpern. Ein emotionaler Zugang zu der Gefühlswelt der Charaktere erfolgt für den Zuschauer, wie in klassischen Disney-Cartoons aus den dreißiger Jahren, nicht über die Charaktere selbst, sondern über deren direkte Umgebung, denn diese lässt Gondry zu einem Spiegel ihrer Emotionen werden. Selten wurde dabei die Macht der subjektiven Wahrnehmung so brillant zur Schau gestellt wie in „Der Schaum der Tage“. Doch Gondry bestimmt nicht nur über eine wandelbare Umwelt das emotionale Geschehen, sondern nutzt geschickt sämtliche technischen Möglichkeiten, wie Farbgebung und Bildformat, um den Zuschauer am Innenleben der Figuren teilhaben zu lassen. Kann man sich auf diese ungewohnte Erzählform einlassen, wird „Der Schaum der Tage“ zu einer emotionalen Grenzerfahrung, bei der jedes Bild seine ganz eigene Sprache spricht.

Auch wenn „Der Schaum der Tage“ als großer Traum der vollkommenen Glückseligkeit beginnt, lässt Gondry schon kurz darauf mit aller Unerbittlichkeit die Realität in das Filmgeschehen einbrechen und macht klar, wie vergänglich sich selbst das größte Glück gestalten kann. Denn auch wenn man noch in einem Moment mit Chloé und Colin über den Dächern von Paris zu schweben scheint, kann sich selbst ein endlos erscheinender Glücksmoment in nur wenigen Wimpernschlägen in Luft auflösen und was dann bleibt, ist lediglich die Erinnerung an eine schönere Zeit.

Fazit: Mit „Der Schaum der Tage“ hat Michel Gondry die Tagträumerei aufgegeben und sich vollends dem Wahnsinn des Alltags hingegeben: Verspielt, verrückt, aber auch ungewohnt konsequent führt der französische Filmemacher die Liebesgeschichte zu einem unbarmherzigen Ende, das der Realität näher kommt, als man es eigentlich wahr haben möchte.

Zu unserem Interview mit Michel Gondry und Audrey Tautou geht es hier.