"Schindlers Liste" (USA 1993) Kritik – Wenn Rettung zum Alibi wird

Autor: Pascal Reis

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„This is very cruel, Oskar. You’re giving them hope. You shouldn’t do that.“

Mit „Schindlers Liste“ konnte Steven Spielberg jede Aufmerksam der (Film)Welt lückenlos auf seine Person und das große Holocaust-Werk fokussieren. „Schindlers Liste“ entpuppte sich in Deutschland als einer der größten Kassenschlager. Ob Schulklassen, Cineasten oder Interessierte an der Thematik – alle rannten sie in die Lichtspielhäuser und waren hellauf begeistert von Spielbergs inszenatorischer Brillanz, die dem ergreifenden Kapitel der abstoßenden Kriegsgeschichte einen durch und durch würdigen Vertreter überreichte. Und zweifelsohne: Spielbergs Absichten waren/sind löblich, schließlich wollte er den Menschen auf aller Welt das Entsetzen, den Horror der inhumanen Judenverfolgung näherbringen, und zeigt dabei auch die Gewalt in einer schonungslosen Unmittelbarkeit. Wenn Spielbergs Nazis die Pistolen aus den Holstern ziehen, dann spritzt das schwarze Blut auf den grauen Boden des gepeinigten Krakaus. In „Schindlers Liste“ hegt die offene Brutalität, die sich natürlich auch genauso abgespielt hat bzw. noch viel schlimmer war, nicht die Intention auf eine realistischen Illustration des Umganges mit den Juden, sondern dient vornehmlich der Selbstdarstellung, die sich natürlich auch als reiner Selbstzweck verstehen lässt.

Das lässt sich an dem Beispiel erklären, in dem Amon Göth (gespielt von Ralph Fiennes, der übrigens die mit Abstand beste Leistung bringt und seinem Charakter ein Profil verleiht) von Begnadigung redet, um sich dann auf seinen Balkon zu setzen und den jüdischen Jungen, der seine Badewanne mit Seife anstatt mit Lauge geputzt hat, zu erschießen. Derartiges hat sich so nie abgespielt, aus dem einfachen Grund, weil Göths Balkon nicht in der Nähe des Lagers war. Ein anderer Punkt ist da die „Beziehung“ von Göth zu der Jüdin. Damit will ich den sogenannten „Schlächter von Plaszow“ kein Stück entdemonisieren, doch die Richtung, in die Spielbergs Inszenierung gehen wird, lässt sich an dieser Szene bereits ablesen. Der nächste Aspekt, der dem Zuschauer gehörig gegen den Strich gehen sollte, ist die Tatsache, dass Spielberg hier aus seinem subjektiven Antrieb heraus einen Film führte, nicht um den Holocaust in seinen grauenhaften Grundlagen durch objektive Nüchternheit zu entfalten und ihn so mit Fakten und Ehrlichkeit zu erschüttern, sondern die persönliche Relevanz in den Vordergrund stellt.

Sein Vorhaben wird schnell deutlich: Er sucht die menschliche Nähe zum Betrachter, um ihn durch Emotionen gefügig zu machen und ihn in das Geschehen mitfühlend eintauchen zu lassen, dabei sollte natürlich möglichst wenig zu hinterfragt werden – und das obwohl Spielberg den dokumentarischen Stil mit Schwarz/Weiß-Bildern und Texttafeln bewusst als visuelle Schale nutzt. Es spricht nichts dagegen, den Zuschauer in seine Geschichte einzubinden, ihn zu berühren und zum Nachdenken anzuregen, doch „Schindlers Liste“ schwimmt immer deutlicher in hollywoodscher Melodramatik, die dank dem Faktum, dass Spielberg genau weiß, welche Strippen erziehen muss um den Zuschauer zu erreichen, großzügig in ihrer eigentlich brüsken Evidenz schnell übersehen wird. Den Rest erledigt die flüchtige Charakterisierung, die Oskar Schindler vom industriellen Opportunisten zum heiligen Samariter stilisiert und mit dem Abschlussbild zum distinguierten Übermenschen macht. Ja, Spielberg hat dem Zwittauer ein Denkmal gesetzt, wenn man den Regisseur allerdings darauf anspricht, dass es Schindler selbst nie um das Wohl der Juden ging, sondern nur um den Profit, den er IMMER aus den billigen Arbeitskräften ziehen wollte, stößt man schnell auf taube Ohren. Im Ganzen ist die Charakterwandlung undifferenziert und rechtfertigt die moralische Extremveränderung zu keiner Zeit. Oskar Schindler hat sich jedenfalls über das Alibi gefreut, von da an auf der ganzen Welt als verehrter Retter erkannt zu werden.

Das Grundvorhaben von Spielberg muss weiterhin lobend anerkannt werden und er hat damit wahrscheinlich auch vielen Menschen zur Weiterbildung verholfen, doch seine Inszenierung ist nicht mehr als amerikanische Unterhaltungskino, verpackt als erschreckendes Dokument grauenhafter Historie. Wenn dazu noch John Williams – für sich genommen großartiger Score – alle zwei Minuten seinen Einsatz bekommt, dann siegt die Duselei, doch Klarstellung bleibt vergessen. Präferieren sollte man – um nicht zu weit in die Vergangenheit zu reisen – ganz klar Roman Polanskis „Der Pianist“.