"Der schmale Grat" (USA 1998) Kritik – Schönheit, Grauen und unmenschliche Menschlichkeit

„Ist diese Dunkelheit auch in dir?“

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Die Kriegsthemen sind in der Filmwelt genauso gefragt wie die Tatsachenuntersuchungen von Historikern. Inzwischen hat man allerdings das Gefühl, dass das Kinopublikum und die Kritiker eher genervt die Nase rümpfen, wenn sich ein beliebiger Regisseur wieder einem bestimmten Krieg annimmt und in die Lichtspielhäuser schickt. Gehen wir durch die Jahrzehnte der Filmgeschichte, dann stolpern wir in jedem Jahr über unzählige Kriegsfilme, von denen heutige als klare Klassiker gelten. Einige hochklassige Beispiele wären ‚Im Westen nichts Neues‘, ‚Der längste Tag‘, ‚Die durch die Hölle gehen‘, ‚Apocalypse Now‘ oder ‚Das Boot‘. Aber nicht alle Regisseure gehen das Thema mit dem nötigen Realismus an und verlieren sich in fragwürdigem Patriotismus, der im schlimmsten Fall sogar noch den Krieg selbst verharmlost und verstellt. Aber es ist nicht erst heute so, dass man nicht mehr auf jeden kommenden Kriegsfilm gespannt ist, sondern war es auch schon in den 90er Jahren nicht mehr unbedingt. Denken wir auch an die Kriegsfilme in den 90ern, dann stoßen die meisten Gedanken direkt auf Steven Spielbergs Oscar prämierten ‚Der Soldat James Ryan‘, der jedoch auch mit den Problemen des amerikanischen Pathos zu kämpfen hatte. Viel besser machte es Poet Terrence Malick 1998, in dem er sein Anti-Kriegs-Meisterwerk ‚Der schmale Grat‘ herausbrachte.

Als Handlungshintergrund nahm sich Malick dem Kriegs-Roman „Insel der Verdammten“ an, geschrieben von James Jones, der selber als Soldat ein Teil der Schlacht um die Salomonen-Insel Guadalcanal war und seine Erfahrungen und Erlebnisse in dem Buch schilderte, wenn auch zum Teil auf fiktiven Fundamenten gestützt. ‚Der schmale Grat‘ beginnt im Jahre 1942, in dem die Charlie-Kompanie der 25. US-Infanteriedivision auf Guadalcanal im pazifischen Ozean landet. Von dort kämpfen sie sich durch den mächtigen Regenwald mit dem Ziel, die Salomon-Insel aus den Händen der Japaner wieder zurückzugewinnen. Unter den Soldaten sind auch der Kompanieführer Staros und sein Vorgesetzter Lieutenant Colonel Tall, der einen Sturmangriff auf einen bewachten Hügel verlangt, aber Staros will seine Männer nicht in den sicheren Tod führen. Neben diesem Streit schlagen sich die anderen Soldaten auf ihre ganz eigenen Weisen durch den Krieg. Vor allem Private Witt flüchtet vor dem Kriegsschrecken und zieht sich zurück in den Einklang der Ureinwohner der Insel, mit denen er seine Zeit in Frieden verbringt und genießt. Jeder Soldat kämpft mit seinen Erinnerungen und steckt dabei mitten im Grauen, das die Männer nur noch tiefer in sich hineinzieht…

Schaut man sich einen Film von Malick an, dann kann man sich in einem Punkt immer vollkommen sicher sein: visuell sind seine Werke immer auf dem höchsten Stand. Da dürfen wir gerne in den Bildern von ‚The New World‘ oder ‚In der Glut des Südens‘ schwelgen, die einen in die erschaffene Welt hineinziehen, einatmen und ebenso wieder loslassen, um einen eigenen Stand zu in der Grenzenlosigkeit zu finden. In ‚Der schmale Grat‘ war Kameramann John Toll für die Aufnahmen verantwortlich und leistete in jeder Szene großartige Arbeit. Seine beeindruckenden Naturaufnahmen, die immer im Kontrast zum Kriegschaos stehen, sind einfach geprägt durch atemberaubende Schönheit und kräftezehrendem Grauen. Den Score trägt der deutsche Komponist Hans Zimmer bei, dessen beste Zeiten, wie wir heute wissen, vergangen sind. In ‚Der schmale Grat‘ lässt sich jedoch kein schlechtes Wort über den gefühlvollen Soundtrack finden, denn seine unaufdringliche Musik passt sich den hervorragenden Fotografien perfekt an. Eine Hauptrolle gibt es hier allerdings nicht, viel mehr besetzte Malick jede noch so kleine Nebenrolle mit hochkarätigen Schauspielern und konnte die Vielfalt der Charaktere und Eigenschaften der Menschen genau herauskristallisieren. Da hätten wir Sean Penn, Adrien Brody, George Clooney, John Cusack, Nick Nolte, John Travolta, James Caviezel, Ben Chaplin, Woody Harrelson, Jared Leto, John C.Reilly, Elias Koteas. Mehr braucht man an dieser Stelle nicht sagen, denn die Namen sprechen für sich.

„Wir. Wir beide. Ein Wesen. Wir fließen zusammen wie Wasser, bis ich dich nicht mehr von mir unterscheiden kann. Ich trinke dich. Jetzt. Jetzt…“

Terrence Malick erzählt uns mit ‚Der schmale Grat‘ sicherlich nichts neues über den Krieg, doch die Art, wie er seinen Film entfaltet und dem Zuschauer offenbart, ist eine Besonderheit der Extraklasse. Malicks Sprache ist wie immer die der Bilder, denn er kommuniziert durch jede Einstellung, jede weite Aufnahme, und eröffnet dem Zuschauer ein philosophisches Gespräch der Stille, umwandert von den inneren Monologen der Soldaten. Die unberührte Natur wird zum Hauptdarsteller in ‚Der schmale Grat‘ und die Menschen, in ihrer ganzen Dummheit, zerbrechen die unbeschreibliche Schönheit in ihrer getriebenen Sinnlosigkeit. Das Gras wiegt sich Sanft im Wind, die mächtigen Bäume, in denen die exotischen Vögel in den Kronen ihr Heim einnisten, strecken sich dem Himmel entgegen und die Zerstörungswut des Krieges pocht haltlos an jeder Ecke. Hier trifft das Paradies auf die Hölle, der Tod auf das schönste Grün und die Ketten auf die Freiheit. Menschen werden geprägt und vernichtet, ihre Seelen vergiftet und erdrückt, Existenzen wird die Zukunft genommen und die Heimat verkommt zur unerreichbaren Erinnerung. Malick verzichtet auf jeglichen Patriotismus und zeigt die Soldaten in keiner Sekunde als heroische Kampfmaschinen, sondern als Menschen, die mit der Liebe, dem Leben und der inneren Versteinerung dieser Zeit ringen und niemals vergessen oder verdrängen werden können. Hoffnung, Einsamkeit und auf ewig verankerter Schmerz verknüpfen sich mit der natürlichen Überwältigung, die durch Menschenhand ihrem Ende entgegensteuert. Malick verdeutlicht in seiner poetischen Ruhe die schmerzhaft eindringliche Wahrheit über den Krieg und geht jeglichen schwarz-weiß Zeichnungen aus dem Weg.

Fazit: Krieg ist kein Spiel, Täter und Opfer unterscheiden sich nicht, die Wahrheit verliert sich in jedem Gefecht und Menschen mit einer Zukunft vergessen sich im Grauen der verlogenen Tatsachen. Die Natur ist die unbeschreiblich schöne Unschuld und nur wir Menschen tragen die Schuld an ihrem Untergang, auch durch den sinnlosen Krieg, der sowohl Leben als auch Lebensräume vernichtete und sich alles nahm, was ihm in die Quere kam. Licht und Schatten, Blut und Tränen, Liebe und Hass, Abschied und Heimkehr. ‚Der schmale Grat‘ ist eines der großen Meisterwerke des Antikriegskinos, mit traumhaften Naturaufnahmen, ehrlichen wie schonungslosen Kriegs- und Charakterzeichnungen, einem sensiblen Score und Darstellern, die über jeden Zweifel erhaben sind. Ein wichtiger Film, der philosophische Schönheit mit haltlosem Verderben paart und nicht nur bedeutungsvoll und tiefgründig ist, sondern auch dem letzten Menschen endlich die Augen öffnen sollte, denn Krieg und Spaß könnten kaum unterschiedlicher sein.

Bewertung: 9/10 Sternen