"Schoßgebete" (D 2014) Kritik – Familientragödien und Würmer im Arsch

Autor: Stefan Geisler

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„Kann ich mal dein Poloch sehen?“

Eine der größten Kinoüberraschungen des vergangenen Kinojahres war für mich die Leinwand-Adaption des Skandalromans „Feuchtgebiete“ von Ex-VIVA-Moderatorin Charlotte Roche. Regisseur David Wnendt („Kriegerin“) inszenierte mit „Feuchtgebiete“ eine kleine Oase der verspielten Perversion in der sonst so drögen deutschen Kinolandschaft. Die ungezwungene Freizügigkeit, mit der im Film sämtliche „Kneifzangen-Themen“ angesprochen wurden, die großartige Leistung der tabulosen Darstellerin Carla Juri und der tiefschwarze Humor waren Balsam für jede Kinoliebhaber-Seele, die sonst mit belanglosen ARD-Eigenproduktionen gefoltert wird. Der Erfolg von „Feuchtgebiete“ an den heimischen Kinokassen musste natürlich unweigerlich dazu führen, dass auch Charlotte Roches zweites, nicht minder schlüpfriges Buch „Schoßgebete“ seinen Weg auf die Leinwand finden sollte. Diesmal natürlich mit namhaften Cast. Unter der Regie von Sönke Wortmann („Das Wunder von Bern“) sollten nun Jürgen Vogel und Lavinia Wilson im Schafzimmer das Dildo-Karussell bedienen und beim Ü-50-Publikum für Herzrasen sorgen. Doch Pustekuchen: „Schoßgebete“ ist generische deutsche Kinoware in massentauglicher Schweiger-Optik, bei der selbst die sexuellen Ausschweifungen und kleinen Widerlichkeiten zumeist nichts weiter als reiner Selbstzweck bleiben.

Elizabeth Kiehl (Lavinia Wilson) hatte in den letzten Jahren wenig zu lachen. Ein tragischer Unfall reißt drei geliebte Familienmitglieder aus ihrem Leben uns stürzt die junge Frau in ein tiefes Loch. Ticks und Spleens bestimmen fortan ihr Leben. Alles muss von nun an geregelt sein und nach ihrem Willen laufen. Selbst ihre Tochter, der Lebenspartner (Jürgen Vogel) und der eigene Tod sollen nach ihren Wünschen funktionieren. Eine Therapeutin (Juliane Köhler) soll Elizabeth helfen, mit dem Erlebten umzugehen, doch eigentlich vermittelt der beklemmten Frau nur eine einzige Sache ein Gefühl der Freiheit: Sex…

Wer mit „Schoßgebete“ einen spielerisch-verrückten Kino-Trip erwartet, der ist schief gewickelt. Sönke Wortmann schlägt in der Roman-Adaption ernstere Saiten an. Die ruhigen Töne mögen verwundern, sind dennoch nachvollziehbar, denn immerhin verarbeitete Autorin Charlotte Roche in ihrem Buch eine persönliche Tragödie. Bei einem Unfall kamen 2001 ihr Bruder und ihre zwei Stiefbrüder ums Leben und auch ihre Mutter wurde schwer verletzt. Dennoch ist „Schoßgebete“ weit ab davon, wirklich heftige Drama-Kost zu sein, denn natürlich müssen auch irgendwie die Erwartungen erfüllt werden, die an ein Werk mit „Charlotte-Roche-Ekel-Siegel“ gestellt sind. Herausgekommen ist ein missglückter Spagat zwischen Drama und Unterhaltungsfilm. Der zaghafte Versuch, aus dem zwanghaften Sexleben der Protagonisten so etwas wie eine sexuelle Selbsttherapie zu machen, klingt zwar an, wird von Wortmann jedoch nie radikal genug umgesetzt und verkommt so lediglich zur unbedeutenden Fußnote. Stattdessen gibt es immer wieder belanglose Ekel-Sequenzen und müde Sex-Witzchen, die anders als bei „Feuchtgebiete“ keinen Mehrwert innehaben. Ekel um des Ekels Willen sozusagen. Ein müder Tabubruch, der höchstens Rentner und Spätpubertierende in Erregung versetzen dürfte.

Eigentlich hätte gerade der gestandene Regisseur Sönke Wortmann mit all seiner Film- und Theatererfahrung den Unterschied machen können, doch dessen Inszenierung erweist sich als unangenehm künstlich und bisweilen geradezu kitschig. Gerade die Rückblenden-Szenen (unnötig hervorgehoben durch den Einsatz von Farbfiltern), die dem Zuschauer einen Einblick in das Leben vor dem Unfall werfen lassen, verkommen unter Wortmanns Regie zu einer Zurschaustellung eines völlig überzogenen Heile-Welt-Gefühls, wodurch eine emotionale Bindung zu den einzelnen Figuren nahezu unmöglich gemacht wird. Die Tragik des nachfolgenden Unfalls ergibt sich dementsprechend nicht durch den Film als solchen, sondern lediglich durch das Wissen, dass das hier Gesehene weniger Fiktion als Charlotte Roches persönliche Aufarbeitung eines schrecklichen Unglücks ist.

Wenn es inhaltlich und inszenatorisch nicht läuft, dann sollte doch wenigstens der Cast noch einige Pluspunkte herausholen können, oder? Leider enttäuscht auch die Darstellerriege, vom herrlich stoischen Jürgen Vogel einmal abgesehen, auf ganzer Linie. Gerade Hauptdarstellerin Lavinia Wilson („Der letzte schöne Tag“) scheint komplett überfordert mit der eigenwilligen Hauptfigur Elizabeth Kiehl, die nicht nur unter etlichen Spleens leidet, sondern auch noch ihre Familientragödie zu verarbeiten versucht. Lavinia Wilson schafft es dabei selten, die richtigen Töne zu treffen. Meist erstickt sie jedwedes Gefühl unter gnadenlosem Over-Acting, wobei dies besonders in den emotional aufgeladenen Szenen nicht nur unbeholfen, sondern bisweilen unfreiwillig komisch wirkt.

Fazit: „Schoßgebete“ ist nicht „Feuchtgebiete 2.0“, dennoch hätte die Roman-Adaption durchaus das Potenzial gehabt, ein ähnlich originelles Leinwand-Drama zu werden. Letztlich kränkelt „Schoßgebete“ jedoch an Sönke Wortmanns ideenleerer Inszenierung und einer überforderten Hauptdarstellerin.