Kritik: Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (USA 2010)

„Spüre den Zorn der Liga der teuflischen Ex-Lover!“

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Scott Pilgrim (Michael Cera) ist 22 Jahre alt, lebt in Toronto und weiß nichts mit sich anzufangen. Als er auf Ramona Flowers (Elizabeth Winstead) trifft, verliebt er sich Hals über Kopf in sie, doch mit ihr zusammen zu sein, muss er zuerst ihre 7 teuflischen Ex-Lover besiegen. Fight!

Was haben Filme wie die Prequel-Trilogie von „Star Wars“ oder Doug Limans „Jumper“ gemeinsam? Sie alle ähneln in ihrer Dramaturgie dem Level- oder Missionsdesign eines Videospiels. „Jumper“ war dazu noch so schlecht, dass man sich den Film nur als besseres Computerspiel denken konnte. Lucas Filme dagegen trugen noch den ursprünglichen Geist des Blockbuster-Kinos inne und hatten genug Kult-Basis, um nicht vollends filmisch zu versagen, wobei der dritte Teil mit seiner Aneinanderreihung von Endgegner-Kämpfen frappierend wie die Blaupause zum gleichnamigen Videospiel wirkte.

Dass Videospiele einen enormen Einfluss auf das Kino haben, lässt sich nicht mehr leugnen, respektive der umgekehrte Weg. „Alien“ und „Predator“ waren mal ursprünglich Filme, aus denen in den 90er der erfolgreiche Ego-Shooter „Alien vs. Predator“ entstanden ist. Dem Kult der Filme oder der Spiele (so genau kann man das gar nicht mehr sagen) ist es dann zu verdanken gewesen, dass uns Hollywood einen „Alien vs Predator“-Film schenkte. Eine Möbiusschleife? Es passt zur postmodernen Auffassung des Blockbuster-Kinos, was sich ganz dem Recycling verschrieben hat, und seine einst originellen Ideen mit endlosen Reboots, Remakes und Sequels verschandelt.

Dennoch, Hollywood macht das nicht ohne Grund, es geht immer nur ums Geld, in erster Linie und wenn der 10. „Spiderman“ nicht geguckt werden würde, dann würde man sich auch überlegen überhaupt einen 11. zu drehen. Was ist denn z.B. aus den Fortsetzungen der „Dark Materials“-Reihe geworden? „Der goldene Kompass“ wird wohl ohne filmische Zukunft auskommen.

Verwertungsketten sind das A und O geworden. Erfolgreiche Bücher werden verfilmt und dann als Videospiel portiert und dann wird vielleicht irgendwann die Fortsetzung vom Videospiel zum Film zum Buch verfilmt und spätestens zum Kinostart gibt es den Roman dazu. Klingt absurd, aber denken wir doch nochmal an das „Alien vs. Predator“-Beispiel.

Videospiele scheinen allerdings nicht so die Hit-Lieferanten zu sein und mir fällt ehrlich gesagt keine erfolgreiche Videospielverfilmung ein. Gut, „Tomb Raider“ wurde fortgesetzt und „Alien vs. Predator“ auch, aber das liegt ja rückführend an den Urfilmen bzw. die Sequels waren billig. Da rentieren sich ja Kinderspielzeug („Transformers“) und Freizeitparkattraktionen („Pirates of the Caribbean“) sogar mehr.

Doch neben Bestsellern und Küchenutensilien scheint Hollywood seine wahre Goldgrube in Comicverfilmungen gefunden zu haben. Während sie in den 90er noch recht selten waren und Filme wie „Tank Girl“ für leere Portmonees sorgten, fing spätestens mit „X-Men“ die Erfolgswelle an und sie hält bis heute und nachdem man fast jede bekannte Comicreihe auf Zelluloid gebannt hat, ist es in letzter Zeit Mode geworden weniger bekannte Graphic Novels zu verfilmen und sie dem unwissenden Publikum als originäre Ideen unterzujubeln. Die wenigsten wussten doch, dass „Watchmen“, „The Spirit“ und zuletzt „Kick-Ass“ auf Comics beruhen und trotzdem hatten diese Filme Erfolg, während „Super Mario Bros.“ alle seine Leben beim ersten Sprung verlieren musste.

Das Erfolgsrezept bleibt schwammig, besonders wenn man an „Inception“ denkt, der sich einer klaren Vorlage verweigert und an das originelle Hollywood erinnert, ebenso „Avatar“, der zwar nicht originell war, aber wenigstens auf ein „Based on…“ im Vorspann pfeift.

Es ist leidig über die Gewinnchancen eines Films zu sinnieren. Du kannst neu, alt oder erst auf der Hälfte der Verwertungskette sein, manchmal klappt es und mal wieder nicht und im nach hinein wissen wieder alle, was der Grund für den Misserfolg war.

Dass „Scott Pilgrim vs. The World“ so erfolglos startete, kann zum einen an der eng-begrenzten Zielgruppe oder an der grundsätzlichen Weirdness liegen, die bei Edgar Wrights neuem Film aus allen Poren dampft. Dass der Film auf einer Graphic Novel beruht hat ihm jedenfalls nicht geholfen, zumal der Comic hier nur Insidern bekannt sein sollte. Dennoch hat sich Hollywood das erste Mal getraut seine ekelhafte Verwertungsstrategie ordentlich zu reflektieren, denn wer „Scott Pilgrim“ sieht, der sieht nicht nur einen Film, sondern ein Geflecht aus Referenzen, die vom ursprünglichen Comic bis hin zur Videospielgeschichte reicht. Vielleicht war das auch die Crux, wieder diese unbeliebten Videospiele, die im Kino niemand sehen will, während die wenigsten bemerken, dass fast alle großen Produktionen zurzeit der Videospieldramaturgie folgen. Kommt aber ein Film daher, der ganz offen und ehrlich seinen Hintergrund offenbart, dann verweigern die meisten den Kauf der Kinokarte.

Edgar Wright hat jedenfalls alles richtig gemacht. „Scott Pilgrim“ ist sein bisher bester Film und was Wright mit seinen beiden vorherigen Filmen üben konnte, dass reift hier nun endgültig zur Perfektion. Seine Kunst ist weniger Film- als Medienkunst. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten, ein Mediator, jemand dem es mühelos gelingt ein Medium ins andere zu übersetzen.

Warum sollte man nicht auch das „Ding Dong“ der Türklingel, eben wie im Comic, typographisch in den Film mit einbinden? Natürlich hört man das echte Geräusch gleichzeitig. Hier küssen sich schließlich zwei Künste und wenn ein Teil der Kritiker solche Dopplungseffekte als puren Selbstzweck abstempelt, dafür aber Godard-Filme ala „Week-End“ lobt, dann haben sie etwas nicht verstanden. Während Godard das Kino mit neuen Formen bereichert und modernisiert hat, gehört Wright nun zu der Generation, die aus dieser Masse an „Regelbrüchen“ schöpft und sie in ihre Filme übersetzt. Es gibt natürlich einen Haufen an Negativ-Beispielen, wo Godards Formen ungenutzt im Raum stehen, „Scott Pilgrim“ gehört aber definitiv nicht dazu, seien es die Texteinblendungen, die selbstreferenzielle Inszenierung oder die Demontage von sämtlichen Realismus.

Beeindruckend bei diesem Potpourri aus Videospiel, Comic und Musikfilm ist der rote Faden, der scheinbar nie aus den Augen gelassen wurde. Hier geht es letztendlich auch nur um die älteste Geschichte der Welt, Junge trifft Mädchen. Wright hatte bereits in seinen letzten Filmen gezeigt, dass er bei all den Gags nicht die Figuren aus den Augen verliert. Die Titelfigur wird hier von Michael Cera gespielt, der mit dem Wort „Nerd“ auf der Stirn wohl bereits schon auf die Welt gekommen zu sein scheint. Allerdings, Scott ist kein Nerd. Er ist ein kleiner Frauenheld und ein Slacker, der durch sein mangelndes Verantwortungsgefühl auch unsympathisch sein kann. Diese feine Besetzung gegen den Strich und Ceras typische Darstellung helfen Scott nicht zum Klischee zu geraten, ebenso Ramona Flowers, Scotts „Love Interest“, gespielt von Elizabeth Winstead, die viele wahrscheinlich noch als heißes Cheerleader-Chick aus Tarantinos „Death Proof“ kennen. Die Rolle der Ramona wirkt weitaus jünger, unreifer und weniger sexy. Winssteads Aura läuft auch hier der Rolle zuwider, was zum gleichen positiven Effekt wie bei Ceras Figur führt.

Die schauspielerischen Leistungen lassen die Liebesgeschichte erst glaubhaft werden und Wright drosselt gezielt da das Tempo seiner ansonsten fabulös-schnellen Inszenierung um der Romanze der Beiden genügend Luft zum Atmen zu lassen. Dass dazu noch der restliche Cast brilliert, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Von all den Nebenfiguren, hat mir aber am besten Kieran Culkins Figur gefallen. Scotts bester Freund ist so herrlich lakonisch und ehrlich, dass er Cera teilweise die Show stiehlt.

Unterm Strich ist „Scott Pilgrim“ einer der besten Filme des Jahres, der leider zu wenig gehypet wurde, um kommerziell in der Liga eines „Inception“ zu spielen, obwohl Wright den besseren Film gemacht hat. So einen Film hat es noch nicht gegeben. Er ist wirklich originell und gleichzeitig ein herrlicher Kommentar zu Hollywoods Adaptionsterrorismus. Zugleich ist es auch feuriges Plädoyer zur Rehabilitation der Videospielkunst, die zuletzt dank „WoW“ und „Killerspielen“ öffentlich geächtet wurde. Es wird nochmal an die Ursprünge erinnert, an das NES, Super Mario Bros., Amiga, Atari, C64, Pac-Man, GameBoy, Space Invaders, Dance Dance Revolution, Zelda, Tetris, Pong und viele viele mehr.

Bewertung: 8/10 Sternen