"Auf der anderen Seite" (DE/TR 2007) Kritik – Fatih Akins Ballade über Leben und Tod

„Woher wussten Sie eigentlich, dass ich es bin?“ – „Sie sind die traurigste Person in diesem Raum.“

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Es kann für ein Kind eigentlich nur von Vorteil sein, wenn man eine zweisprachige Erziehung genießen konnte, denn so werden nicht nur in bestimmten Fällen die Sprachbarrieren durchbrochen und man kann sich auch in Urlaubsländern ohne Probleme verständigen. Auf der anderen Seite hat es natürlich auch in der Schule einen Vorteil, wenn man ein Fach für Fremdsprachen belegt hat und seine Kenntnisse ohne Sorgen ausspielen kann, auch wenn sprachlich und grammatikalisch zwei ganz verschiedene Dinge sind. Doch nicht nur in diesen Punkten kann es von Nützlichkeit sein, dass man mehrere Sprache beherrscht, sondern auch im Filmbereich kann es so manche Effizienz haben. Allerdings sollte man nicht nur verschiedene Sprachen beherrschen, sondern auch die unterschiedlichen Kulturen kennen, um sich wirklich in die Lagen versetzen zu können. Fatih Akin ist so ein Regisseur, der sowohl Deutschland, als auch die Türkei bestens kennt und das in seinen Filmen immer wieder grandios enthüllt. In seinem mehrfach ausgezeichneten Episoden-Drama „Auf der anderen Seite“ aus dem Jahre 2007 wird das ganz besonders deutlich und Akin liefert damit auch gleichzeitig sein ganz persönliches Meisterwerk ab.

Ali verbringt seine Nachmittage in Bremen meist im Rotlichtviertel, schlendert durch die Straßen und lernt die Prostituierte Yeter kennen. Eine Türkin. Nach anfänglichem Zögern lässt er sie dennoch ihren Job tun und bietet ihr daraufhin an, zu ihm zu ziehen, für ihn zu kochen und ihren Körper immer dann bereitzustellen, wann Ali es von ihr verlangt. Sie stimmt ein, doch es kommt zu einem schlimmen Unfall. Alis Sohn Nejat ist Professor für Germanistik an der Hamburger Universität. Er erfährt von Yeter, dass sie den Job als Prostituierte nur macht, um ihrer Tochter Ayten ein Studium in der Türkei zu ermöglichen. Nejat muss nach dem Unfall in die Türkei fliegen und Ayten finden, doch Ayten ist ein Teil einer politisch-radikalen Gruppe und flieht nach Deutschland, wo sie Charlotte trifft und bei ihr einziehen darf. Ihre Mutter Susanne ist damit jedoch gar nicht einverstanden und die nächsten schweren Probleme stehen schon bevor…

Das Fatih Akin seine Schauspieler nicht selber wählt, sondern zumeist Familienmitgliedern diese Bereich erfüllen lässt, wirkt sich nie nachteilig auf seine Filme aus, denn wie schon in „Gegen die Wand“ von zwei grandiosen Hauptdarstellern getragen wurde, kann auch „Auf der anderen Seite“ voll und ganz überzeugen. In diesem Fall war es übrigens Akins Frau Monique, die sich um die Besetzung gekümmert hat. Wer hier nun die beste Leistung bringt, ist unmöglich festzumachen, da eigentlich alle auf dem gleichen hohen Niveau agieren. Ob Baki Davrak als Nejat, Tuncel Kurtiz als Ali, Nursel Köse als Yeter, Nurgül Yesilcay als Ayten, Patrycia Ziolkowska als Lotte und Hanna Schygulla als Susanne. Jeder von ihnen steht für sich selbst und allesamt bringen sie nicht nur starke Leistungen, sondern sind in jedem Moment vollkommen authentisch und glaubwürdig. Das ist jedoch auch ein Verdienst des wirklich perfekten Drehbuchs von Fatih Akin selbst, das auch in Cannes mit dem Drehbuchpreis vollkommen zu Recht ausgezeichnet wurde. Mit welcher Sorgfalt Akin seine Geschichte ausbalanciert hat, ist schon ganz große Kunst.

Man könnte denken, sechs vielschichtige Charaktere, drei Drehorte und drei verschiedene Sprachen wären eine zu hohe Hausnummer für den gebürtigen Hamburger, doch Akin stemmt diese Vielfalt nicht nur mit Leichtigkeit, er schafft es auch, das Maximum aus jeder einzelnen Episode heraus zu kitzeln, ohne sich in seiner angenehmen Ruhe auch nur im Ansatz zu verlieren. Wir begleiten unsere verschiedenen Charaktere durch bestimmte Lebensabschnitte, die sich auf ihre Weise immer überschneiden und kreuzen, aber doch nie wirklich berühren. Nejat reist in die Türkei um eine Trauerbotschaft zu überbringen, doch als er angekommen ist und keinen Erfolg hat, bleibt er im Land seines Vaters und eröffnet einen Buchladen. Sein Vater ist durch eine unüberlegte Tat im Gefängnis gelandet und Ayten, die von Nejat gesucht wird, ist eine politische Aktivistin, illegal in Deutschland bei Lotte untergetaucht, wo eine zarte Liebesbeziehung entsteht. Ayten muss jedoch zurück ins Gefängnis in die Türkei, Lotte folgt und scheitert in jedem Punkt. Und Lottes Mutter Susanne, die schon vornherein nicht mit der Bekanntschaft zwischen Lotte und Ayten wirklich einverstanden war, fährt ebenfalls in die Türkei, nachdem sie der Schicksalsschlag erreicht hat. Der Kreis scheint sich zu schließen, Susanne und Nejat laufen sich über den Weg, ohne zu wissen, wer die andere Person ist. Doch hier entsteht etwas ganz neues, ein neues Kapitel im Leben eröffnet sich, der Beginn einer anderen Geschichte.

„Auf der anderen Seite“ als Ballade über das Leben und den Tod zu bezeichnen, trifft es eigentlich ganz genau. Akin entfaltet seine komplexe Geschichte mit einer Ruhe, die man so heute im Kino nur noch viel zu selten vorfinden kann. Sein Erzähltempo bleibt über zwei Stunde durchgehend unaufgeregt und sachlich, ohne sich aber in einem Moment der aufgesetzten Rührseligkeit hinzugeben. Hier genügen leise Andeutungen und zarte Berührungen, die jede emotionale Facette offenbaren und die Lebensabschnitte der Personen in kraftvoller Art und Weise verdeutlichen. „Auf der anderen Seite“ ist ein Film über familiäre Bindungen, sei es Vater und Sohn oder Mutter und Tochter, doch es ist auch ein Film über zwischenmenschliche Beziehungen, Frau zu Frau, Vater zu Prostituierter und genauso geht es um das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen, um das Schicksal, die Bigotterie, die Migration und Immigration. „Auf der anderen Seite“ ist authentisches, zutiefst menschliches und intensives Erzählkino für Erwachsene. Eine Reise in das bebende Innere verschiedenster Menschen, die alle gegenseitig eine Rolle in ihrem Leben spielen, ohne es selber zu wissen.

Fazit: Was Fatih Akin mit „Auf der anderen Seite“ geschaffen hat, ist wohl der beste deutsche Film seit langer Zeit, denn der Regisseur versteht es auf jeden seiner Charaktere einzugehen, ohne sich auch nur einmal zu überschlagen oder in unnötiger Sentimentalität zu verlaufen. Alles ist realistisch, glaubwürdig und vor allem in jedem Punkt ehrlich. Das hervorragende Drehbuch zählt zu den vollkommensten der deutschen Filmgeschichte, die Schauspieler zeigen sich von ihrer besten Seite und die Geschichte rundum Leben und Tod wird zu einer emotionalen, schmerzhaften und menschlichen Offenbarung, die der erzählerischen Perfektion beinahe in die Augen blickt.

Bewertung: 9/10 Sternen