"Sex Tape" (USA 2014) Kritik – Sex im synchronisierten Wolkenreich

Autor: Pascal Reis

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„Who has sex for three hours? That’s the length of the movie Lincoln. You did the full Lincoln.“

Die Welt steht ja bereits Kopf, wenn über Nacht plötzlich Nacktfotos von irgendeinem Hollywoodsternchen in den Weiten des World Wide Web auftauchen. Man möchte daher wohl auch gar nicht wissen, zu welch medialem Amoklauf geblasen wird, wenn man ein privates Sexvideo von Schauspielgrößen wie etwa Brad Pitt („Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“), Kate Winslet („Der Gott des Gemetzels“) oder auch Mark Wahlberg („Transformers 4: Ära des Untergangs“) vor die Augen bekommt. Aber was für Konsequenzen stecken denn eigentlich hinter so einem Video? Mal abgesehen davon, dass die Phantasien eines jeden dahergelaufene Ottos nun beim nächtlichen Handanlegen nochmal um einige Impressionen ausgebaut wurden, bedeutet dieser intime Einblick in die Privatsphäre womöglich auch das jähe Ende der eigene Karriere, da man sich von den daraus resultierenden Stigmatisierung einfach nicht mehr lösen kann. Und damit finden wir uns nicht nur in der Filmbranche wieder, sondern auch im Alltag von ganz „normalen“ Menschen.

Bevor wir einen solchen Vorfall nun aber auf die soziologischen Ausmaße abtasten, sollte besser der Tonfall geändert werden, denn „Sex Tape“ von Jake Kasdan ist kein seriöses Projekt, das sich auf die Agenda geschrieben hat, die existentiellen Ängste wie den möglichen Verlust des sozialen Stands zu beschreiben, sondern ein waschechtes R-Rated-Comedy-Vehikel, das durch seine schlüpfrige Thematik um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlt. Das lodernde Feuer der Ehe von Annie (Cameron Diaz, „The Counselor“) und Jay (Jason Segel, „Nie wieder Sex mit der Ex“) flackert nur noch auf Sparflammenniveau und nachdem sich auch noch zwei Kinder dazugesellt haben, wurde es um die früher so exzessiv betriebene Bettaktivität äußerst still. Um neuen Pfiff in ihre Beziehung zu bringen, entscheiden sie sich dazu, ein 3-stündiges Sexvideo mit ihrem iPad aufzunehmen und zu alter Stärke zurückzufinden. Blöd nur, dass vergessen hat, dass er sein iPad mit anderen iPads synchronisiert hat und das Video direkt in die Cloud hochgeladen hat, wo nun jeder nach Lust und Laune darauf Zugriff hat.

„Sex Tape“ schert sich nicht um erwachsene Themen, die das (post-)pubertäre Standardgeplänkel aus dem R-Rated-Jargon auch nur eine Sekunde überschreiten. Dass hier darauf hingewiesen wird, dass sich eine Beziehung mit den Jahren so manche Veränderungen gefallen lassen muss, tut nichts zur Sache, dient dieser Aspekt doch nur als reiner Mittel zum Zweck, um die große Hetzjagd nach den anderen iPads zu starten und von einem dumpfen Gag zum nächsten absehbaren Kalauer zu trotteln. Neben dem Voll-in-die-Fresse-Product-Placement, das „Sex Tape“ geradezu im Sekundentakt betreibt, wird sich kläglich um Nonchalance bemüht, um dann in hochnotpeinlichen Sequenzen zu kulminieren, in denen der obligatorische Gummidildo natürlich nicht fehlen darf. Es sind letztlich tatsächlich nur zwei Szenen, die „Sex Tape“ irgendwie als Komödie bestätigen, was der ansonsten doch erschreckend biederen Angelegenheit und ihren Ambitionen einen heftigen Schlag in die Weichteile erteilt: Rob Lowe ist als sich von Slayer beschallender und Koks ziehender Hank Rosenbaum äußerst amüsant, während Jack Black als Chef von YouPorn etwas Pepp generiert.

Ansonsten aber ist „Sex Tape“ so unterhaltsam und witzig, wie ein Best-of vom späteren Fips Asmussen und genauso romantisch wie der Kosename „Blitzständer“. Dass Cameron Diaz durchaus komödiantisches Talent besitzt, hat uns die Frau unlängst im Meisterwerk „Verrückt nach Mary“ bewiesen, und auch Jason Segel ist nicht ganz unfähig, was ihrem Zusammenspiel wenigstens zeitweise etwas Harmonie verleiht. Letztlich aber ist Jake Kasdan mit „Sex Tape“ nichts gelungen, was irgendwie relevant erscheint; nichts, was man sich nochmal zu Gemüte führen möchte, sondern nur ein biederes Abklopfen lahmarschiger Gags aus der Retorte.