"Shame" (GB 2011) Kritik – Im Schatten der Sucht

Autor: Pascal Reis

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„We’re not bad people. We just come from a bad place.“

Immer wieder hat er, Brandon (Michael Fassbender), es seiner Schwester, Sissy (Carey Mulligan) versprochen, zu einem ihrer Auftritte zu kommen – Und immer wieder hat er sie enttäuschen müssen. Nicht jedoch diesen Abend, hat sich seine Schwester doch nach einigen unbeantworteten Nachrichten auf dem Anrufbeantworter in einem Appartement einquartiert. Zusammen mit seinem Kumpel und Chef David (James Badge Dales), der es mit der Treue nicht ganz so eng sieht, frequentiert er die Bar, in der seine Sissy eine faszinierende Neuinterpretation des Frank Sinatra Klassiker „New York, New York“ zum Besten gibt. Fragiler hat man die Zeilen dieses Liedes noch über keine Lippen kommen hören, und wie uns „Shame“ später verdeutlicht, fungierte ihre zarte Präsentation auch als Seelenstriptease, der ihre labile Persönlichkeit bis auf das Exakteste einfängt. Nicht minder interessant an dieser Szene ist Brandons Reaktion: Eine heimliche Träne rollt seine Wange hinunter, sein ungestümer Chef wird in Anwesenheit von Sissy noch einige Scherze darüber machen.

Für Brandon jedoch ist das ein Moment gewesen, der ihm inzwischen fremd geworden ist: Lebendigkeit. Ein Anzeichen dafür, dass er innerlich noch nicht vollständig abgestumpft ist und tatsächlich noch in der Lage scheint, Emotionen auszudrücken. Brandon nämlich ist sexsüchtig, ein Sklave seiner körperlichen Begierden, seiner unersättlichen Libido. Für ihn steht Geschlechtsverkehr nicht mehr in Relation mit dem ‚Akt der Liebe‘, es ist einzig und allein die zwanghafte Befriedigung einer pathologischen Triebhaftigkeit. Da wird es dann schließlich auch zur Zerreißprobe, wenn Sissy seinen Chef David, einen Familienvater, mit in seine Wohnung nimmt und das lustvolle Stöhnen der Beiden durch die Räume hallt. Brandon wirft sich in die Sportmontur und versucht in einer formidabel arrangierten Plansequenz seinem Frust beim Laufen zu entweichen. „Shame“ ist eines dieser Werke, die einen memorablen Augenblick an den nächsten Reihen, die nur die höchste Stufe an Intensität erlauben und den Zuschauer so tief in sich hineinziehen, dass man glaubt, die inszenatorische Prägnanz würde einen langsam erdrücken.

Das New York, in dem Brandon seinen Alltag bestreitet, ist ein Ort der Tristesse, wolkenverhangen, immer grau und von einer zwischenmenschlichen Leere signiert, die sich folgerichtig in Brandon reflektiert. Sein Tagesablauf ist repetitiver Natur: Masturbation unter der Dusche, zur Arbeit fahren, einem sterilen Großraumbüro, so charakterlos wie die Menschen, die durch die Straßen ziehen, Masturbation auf der Bürotoilette. Nach Dienstende geht es nach Hause, Laptop an, Pornos konsumieren, Webcam-Live-Chats und dann noch die ein oder andere Professionelle in das Haus bestellt, wenn er nicht mit mehr mit David um die Häuser zu ziehen gedenkt. Wenn Sissy sich wieder zurück in sein Leben kämpft, besteht nicht nur die Gefahr darin, seiner Besessenheit an ihr auszuleben, er ist eben auch komplett überfordert mit der körperlichen Nähe, die Sissy ihm entgegenbringt, für ihn gibt es eben keine „familiäre“ Wärme mehr, sondern Berührungen werden nur noch mit dem schnellen, bedeutungslosen Fick assoziiert. Deswegen kann er seiner verantwortungsvollen Rolle als Bruder nicht gerecht werden, was katastrophale Folgen nach sich zieht.

Die Ausdrucksstärke von „Shame“ basiert auf dem Schauspiel von Michael Fassbender („12 Years a Slave“), der nicht nur buchstäblich die Hüllen fallen lässt, sondern mit seiner Figur nahezu verschmelzt und sich in seiner herausragenden Darstellung aufopferungsvoll über jede Grenze hinaus manövriert. Mit Carey Mulligan („Drive“) steht Fassbender eine Schauspielerin entgegen, die seinen Qualitäten nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern in ihrer zarten, zerrütteten Art Paroli bietet. Wenn sich bei einem Dreier später der gesamte Weltschmerz in den Gesichtszügen von Brandon anzusammeln scheinen, dann wird für den Zuschauer in erschreckendem Ausmaß deutlich gemacht, mit welch innerer Leere dieser Mann zu kämpfen hat, welch ungemeine Gefangenschaft von seiner maßlosen Sucht ausgeht, die letzten Endes wieder in Scham mündet. Steve McQueen webt „Shame“ in unheimlich ästhetische Aufnahmen, ohne dumpfe Kunstonanie betreiben zu wollen. Die Form akzentuiert die Pein seines ambivalenten Hauptdarstellers, dessen Versuche sich an die gesellschaftliche Norm anzupassen längst gescheitert sind. Ein erschütterndes, kühles Mammutwerk.