"Shining" (GB/US 1980) Kritik – Jack Nicholson im Rausch des Wahnsinns

„Ich fasse dich nicht an. Ich werde dir nur den Schädel zertrümmern.“

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5 Jahre nach seinem Historienepos ‚Barry Lyndon‘ meldete sich der britische Regisseur Stanley Kubrick mehr als eindrucksvoll zurück. Mit ‚Shining‘, der auf dem gleichnamigen Roman von Autorenlegende Stephen King basiert, bewies Kubrick mal wieder seine schier endlose Vielschichtigkeit und sein Talent, wirklich in jedem Genre ein Meisterwerk abliefern zu können. ‚Shining‘ ist vordergründig ein Horrorfilm, doch hinter dieser Fassade einer der komplexesten Filme der Geschichte.

Die wahrhaft idyllischen Naturaufnahmen wurden von John Alcott, ein Meister seines Fachs, in überwältigende Bilder verpackt und sind gleich zu Anfang ein wahrer Augenschmaus. Sein ganz großes Können entfaltet Alcott aber bei den Kamerafahrten durch die mehr als unheimlichen und nie enden wollenden Gänge des riesigen Overlook-Hotels. Jede Szene bekommt ihren ganz eigenen bedrohlichen Unterton und hält den Zuschauer fest im Griff. Der grandiose Soundtrack legt sich wie ein grauer Schleier über jede Szene und perfektioniert die erschreckend anspannende Atmosphäre.

Für die Hauptrolle hat Kubrick eine ganz vortreffliche Wahl mit Jack Nicholson getroffen. Nicholson, der einige Jahre zuvor erst den Oscar für ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ entgegen nehmen konnte, legt hier sogar nochmal eine Schippe drauf. Als Familienvater Jack Torrance, der langsam dem Wahnsinn verfällt, fährt er zu einer unvergesslichen und extrem angsteinflößenden Höchstleistung auf. Stück für Stück dreht er immer weiter auf und wird zum erschreckenden Psychopathen. Verständlicherweise ist es dementsprechend schwer neben der unglaublichen Präsenz von Nicholson zu glänzen. Shelley Duvall als Jacks Ehefrau Wendy kann natürlich nicht mithalten und geht mit ihrem Verhalten auch gelegentlich auf die Nerven. Größtenteils schafft sie es jedoch, ihre Angst glaubwürdig auf den Zuschauer zu übertragen. Danny Loyd als kleiner, von Visionen geplagter Sohn Danny, kann für sein Alter eine beachtliche Leistung zeigen.

Jack Torrance reist mit Frau Wendy und Sohnemann Danny in das abgelegene Woodcock Hotel, mitten in der Idylle. Dort will Jack über den Winter den Tätigkeitsbereich des Hausmeisters abdecken und sich seinem Roman endlich in Ruhe widmen. Doch Jack wird zunehmend seltsamer und Danny sieht immer wieder eigenartige Gestalten und Bilder. Irgendetwas scheint mit dem Hotel nicht zustimmen. Ist die Familie Torrance doch nicht allein im großen Hotel und ist Jack etwa schon vorher mal in dem Hotel gewesen?

Zuerst hat ‚Shining‘ mit der Tatsache auf sich aufmerksam gemacht, dass Stephen King äußerst verärgert über Kubricks-Version war und reichlich gegen seinen Film gepoltert hat, um sich schlussendlich auch ganz von ihm zu entfernen. Genauso wie die Romanfans, die dem Film ebenfalls erbost den Rücken kehrten. King selbst konnte das nicht auf sich sitzen lassen und rief sein eigenes ‚The Shining‘-Projekt in den 90er Jahren ins Leben. Zwar orientiert sich der Film stärker an seiner Buchvorlage, kann aber in keinem Stück mit Kubricks Interpretation mithalten.

Wenn uns der Film mit seinen wunderschönen Landschaftsaufnahmen empfängt, dann ist ab dem Moment klar, dass man nie nur das sieht, was man fühlt. ‚Shining‘ mischt direkt den unterschwelligen Bedrohungston unter die Aufnahmen, der zu Anfang sicher nur im Ansatz spürbar ist, aber immer weiter und weiter aufbauen kann und immer größere und nachhaltigere Wellen schlägt. Wellen, die voller hypnotischer Wucht und zitternder Elektrizität steck, die wirklich jeden erreichen und das Fürchten lehren wird.

Jack macht einen standhaften und verantwortungsbewussten Eindruck. Doch der Schein trügt wie so oft. Mit der Zeit verändert sich, wie im Leben, einfach alles. Wie wir vom Hotelbesitzer erfahren konnten, steht das Woodcock Hotel auf ehemaligem Indianerland. Ein Stamm, der von den Amerikanern vertrieben und vernichtet wurde und ein Hotel, das auf getrockneten, aber gegenwärtigen Blut gebaut wurde. Dieser Aspekt, der sicher nicht beiläufig erwähnt wurde, lässt sich auf Jack und Afroamerikaner Dick Hallorann übertragen, der sich in die Familienverhältnisse einfügen will, es aber nicht böse meint, dafür aber trotzdem bezahlen muss.

Wenn Wendy zur Schreibmaschine von Jack geht und dessen Roman findet, aber mit erschrecken feststellen muss, dass Jack unzählige Seiten mit ein und demselben Satz beschrieben hat, steht der Wahnsinn im Haus. Jack will Macht über seine Familie ausüben und gleichzeitig die Rolle des Beschützers einnehmen. Er nimmt die Machtstellung auch ein und selbst wenn er nicht im Bild ist, ist er immer anwesend und fühlbar. Jack ist natürlich nicht mehr die Person, die wir vorgestellt bekamen. Sein klarer Menschenverstand wurde ausgestellt und alles was er anfasst wird zum abstoßenden Schrecken. Die Abgründe des Terrors werden aufgedeckt und wir entdecken neue, unergründliche Welten, die sich mit unwirklicher Realität und halluzinierender Illusion verbinden.

In ‚Shining‘ ist alles deutlich und doch so fremd. Blutwellen donnern durch die Korridore, Kinder erscheinen schlagartig vor den Augen des kleinen Dannys und ein eigenartiger Mann im Bärenkostüm wird beim Oralverkehr mit einem anderen Mann beobachtet. Wo befinden wir uns? In einem Traum oder in einer erschreckend realen Vision, aus dem es kein Entkommen gibt? In allem und das gleichzeitig. Wer ist Jack und was er schon mal in diesem Hotel? In einem früheren Leben? Ist er die Reinkarnation seiner selbst aus einer vergessenen Vergangenheit? Das Finale im Irrgarten wird zum Symbol der Verzweiflung und Angst. Der einzige Weg von Jack zu fliehen wird eingeschlagen und ein minimaler Funke von Hoffnung darf im Schneechaos der Nacht aufblitzen. Doch jeder Weg, und das hat ‚Shining‘ uns auf intensiven Art und Weise vorgeführt, zeigt in Richtung Tod.

Fazit: ‚Shining‘ ist einer der Filme, die man im Leben gesehen haben muss. Man muss ihn natürlich mehrere Male schauen, um jedes Detail zu erfassen, zu entdecken und einfach zu würdigen. Die fantastischen Darsteller, die wirklich undurchdringliche Atmosphäre, der feine Score, die hervorragenden Fotografien und Kubricks einmalige Inszenierungen machen ‚Shining‘ nicht nur zu einem zeitlosen Meisterwerk, sondern auch zu einem Alptraum aus Einbildung, Wahrheit und erschreckend wirklichen Träumen, mit viel Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen.

Bewertung: 10/10 Sternen