"Shutter Island" (USA 2010) Kritik – Im Angesicht des Wahnsinns

„Was wäre schlimmer, zu leben wie ein Monster, oder als guter Mann zu sterben?“

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Die gemeinsamen Jahre zwischen Martin Scorsese und Robert De Niro sind lang vorbei. Doch der Meisterregisseur hat einen neuen Stammschauspieler gefunden: Leonardo DiCaprio. Die Qualität von De Niro hat er zwar noch nicht ganz erreicht, doch das ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Nach ‚Gangs of New York‘, ‚Aviator‘ und ‚Departed‘ kam es 2010 zur vierten und bis lang letzten Zusammenarbeit des Traumgespanns in ‚Shutter Island‘. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane erweist sich als nervenzerrender und äußerst vielschichtiger Psycho-Thriller.

Kameramann Robert Richardson leistet vorzügliche Arbeit. Die Bilder sind unheimlich düster und ein unwohles und angespanntes Gefühl tritt durchgehend ein. Fast wie ein Gruselfilm aus goldenen Zeiten erscheint der erste Eindruck des Films. Dazu der kräftige und dröhnende Soundtrack von Robbie Robertson, der die Boxen zum Brodeln bringt und ‚Shutter Island‘ eine hervorragende musikalische Begleitung schenkt. Atmosphärisch spielt der Film also in der aller ersten Liga und fesselt den Zuschauer über die gesamte Laufzeit.

Was ich schon zu Anfang erwähnte, Leonardo DiCaprio darf wieder in der Hauptrolle glänzen. Als U.S.-Marshal Teddy Daniels zeigt er nicht nur eine seiner besten Leistungen überhaupt, sondern schafft es auch seine Mimik nah an die Perfektion zu bringen. DiCaprio wird natürlich die große Bühne geschenkt, aber auch die Nebenrollen sind sehr gut besetzt. Ben Kingsley als Dr. John Cawley kann wie immer allein durch seine undurchsichtige Ausstrahlung voll punkten. Mark Ruffalo als Teddy Daniels‘ Gehilfe Chuck Aule darf sich zwar kaum entfalten oder Impulse setzten, überzeugt aber an der Seite von DiCaprio mit seriösem und unaufdringlichem Schauspiel. Auch die kleinsten Rollen sind hier mit Max von Sydow, Michelle Williams und Jackie Earle Haley stark besetzt.

Der U.S. Marshal Teddy Daniels reist mit seinem Partner Chuck Aule auf die Insel Shutter Island. Auf dieser Insel befindet sich eine Einrichtung für psychisch gestörte Patienten, denen nicht der Ansatz von Ausbruchsmöglichkeiten geboten wird. Dennoch ist ein Patient verschwunden und Daniels soll den mysteriösen Fall um die mehrfache Mörderin aufklären. Doch Daniels wird zunehmend von seinen Alpträumen und Wahnvorstellungen geplagt, die ihm nach und nach mehr Wahrheiten über die Insel offenbaren, als vorher angenommen.

Die Qualität von Martin Scorsese steht schon lange außer Frage. Das Wasser können ihm nur wenige reichen und seinen Stand in der Filmwelt genießen nur eine Handvoll weiterer Regisseure. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an Scorseses neuste Filme. Mit ‚Shutter Island‘ begibt er sich wieder in das Psycho-Thriller-Genre, allerdings mit völlig neuen Ansätzen als 1991 in ‚Kap der Angst‘.

Die Charaktere, oder besser gesagt Teddy Daniels Charakter, ist ab dem ersten Moment direkt hochinteressant. Daniels ist ein standhafter und angesehen U.S. Marshal, dessen Vergangenheit ihm in jeder Nacht aufs Neue einholt. Diese Traumsequenzen und Rückblicke zu deuten, erweist sich als schwierig und schleierhaft. Wir sehen Daniels im zweiten Weltkrieg und sein Handeln bei der Befreiung von Dachau. Das Grauen klar im Visier, Leichen von Frauen und Kindern erfroren auf dem Boden. Dann sehen wir ihn wieder, wie er seine Frau Dolores in den Armen hält und sie langsam vor ihm, wie ein zerbrochener Gedanke, verschwimmt. Diese Rätsel, die nicht nur den Fall rundum das spurlose Verschwinden einer Patientin betreffen, sondern auch den Charakter von Teddy Daniels, sind gleichermaßen eindrucksvoll gegenüber gestellt und man darf sich als Zuschauer jedes Puzzleteil selber zurecht legen, um dann im nächsten Augenblick festzustellen, dass das eigentlich passende Stück vollkommen fehl am Platz ist.

Bei der Suche nach Wahrheit lebt der Film durchgehend von der tragenden Darstellung DiCaprios und von der bedrückenden Atmosphäre. Eine Flucht von der Insel ist unmöglich. Zu weit ist der Weg zum Festland und zu hoch sind die Klippen. Man kann sich zwar verstecken, doch das Entkommen selbst ist unmöglich. Sobald der Sturm aufzieht und die Insel kontrolliert, zeigt sich nicht nur die unbändige Kraft der Natur, sondern auch Teddy Daniels Charakter wird immer weiter verschoben und verdreht, um sich immer tiefer in sein eigenes Chaos zu stürzen. Seine Vergangenheit wird zum Gegenwartsgefühl. Realität und Traum werden vermischt und das Fünkchen Wahrheit, welches an jedem dieser Momente haftet, muss Stück für Stück sorgfältig zusammengefügt werden.

Wir tauchen in die komplexe Psyche eines traumatisierten Ermittlers, die sich mit jeder erneuten Sichtung des Films weiter eröffnet. Wer ist Patient 67, obwohl nur 66 Patienten in der Anstalt verzeichnet sind? Was befindet sich wirklich in der alten Bürgerkriegsfestung, in der angeblich die schwierigen Patienten hausen sollen? Wer ist Andrew Laddies und mit was für einer Verschwörung mit politischen, als auch medizinisch unkorrekten Hintergründen sieht sich Daniels von nun an konfrontiert? Scorsese gibt uns durchgehend winzige Details auf die Antwort des Rätsels und versteht es, nebulöse Hinweise an allen Ecken und Enden zu verstreuen. Das alles beim ersten Sehen zu entdecken ist schier unmöglich.

Wenn ‚Shutter Island‘ sich der Auflösung nähert und den Zuschauer mit einem genialen Twist belohnt, dann wird die Spannung auf den Höhepunkt getrieben. Das Ende selbst setzt dann noch den wahrhaft herausragenden Schlusspunkt und als Zuschauer sieht man sich der Grausamkeit des Wahnsinns und dem Scheitern der Heilung näher denn je. Im Film gibt es dazu noch einige harte Szenen, die mit Sicherheit noch lange in den Köpfen bleiben werden und zartbesaitete Zuschauer verstören könnten.

Fazit: Martin Scorsese ist mit ‚Shutter Island‘ mal wieder ein fantastischer und hochspannender Film gelungen. Mit Sicherheit ist es nicht sein bester Film, aber die tollen Darsteller, vor allem natürlich der beeindruckende DiCaprio, die exzellenten Aufnahmen, die packende Atmosphäre und der kraftvolle Score machen ‚Shutter Island‘ zu einem Psycho-Thriller, den man immer und immer wieder sehen kann, ohne dass der Film auch nur minimal etwas von seiner Wirkung verliert. Ganz großes Kino.