Kritik: Side Effects (USA 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„Depression is the inability to construct a future.“

Es ist eher untypisch, dass ein Regisseur oder eine Regisseurin sich entschließt vorzeitig in „Rente“ zu gehen. Jedenfalls erst recht, wenn der- oder diejenige als fester Bestandteil des Weltkinos gilt und mit seiner/ihrer Arbeit mühelos die eigenen Brötchen verdienen kann. Steven Soderbergh, das amerikanische Indie-Urgestein, hat nun genau das getan. Mit fünfzig Jahren soll Schluss sein und dieser runde Geburtstag war bereits am 14. Januar. Die letzten Jahre waren auch eine einzige Hatz, die mit 10 Filmen in 6 Jahren einem Endspurt vor der Zielgeraden gleicht. „Side Effects“, Soderberghs 26. Film, markiert das (vorzeitige) Ende einer außergewöhnlichen Hollywood-Karriere.

Der Film erzählt die Geschichte von Emily (Rooney Mara), die nach der Rückkehr ihres geliebten Mannes (Channing Tatum) aus dem Knast in eine schwere Depression verfällt und von ihrem Psychiater (Jude Law) ein Psychopharmakon verschrieben bekommt, was bei ihr leider nicht nur positiv zu wirken scheint.

Anders als groß angekündigt, ist „Side Effects“ nicht die hollywoodeske Abrechnung mit der Pharmaindustrie, was sowieso ein Branding war, welches weniger von Soderbergh als mehr vom Tiefgang-süchtigen Feuilleton in die Welt getragen wurde. „Side Effects“ ist ein waschechter Unterhaltungsfilm im Thriller-Gewand, der mehr Spaß am Fabulieren seiner Story-Twists als an tiefschürfender Sozialkritik hat. Die Avantgarde-Zeiten des Steven Soderbergh scheinen offenkundig vorbei zu sein, zwar durchzieht „Side Effects“ immer noch der digital-synthetische Charme, aber die fast schon akademische Strenge von „Contagion“ oder die Videoclip-artige Fragmentierung von „Haywire“ vermeidet der Film tunlichst. Die Ocean’s-Trilogie oder „Out of Sight“ haben ja auch oft genug gezeigt, dass Soderbergh nicht immer nur der intellektuelle Hollywood-Auteur sein will, sondern ihn auch gerne mal die Lust am Spielen auf der Affekt-Klaviatur überkommt.

„Side Effects“ ist handwerklich schlicht ein makelloser Film. Die von Soderbergh, unter Pseudonym, selbst geführte digitale Kamera fotografiert aufregend beleuchtete und grafisch kadrierte Bilder, statische Gefängnisse mit geringer Tiefenschärfe in denen sich jegliche Konturen zunehmend auflösen. Neben David Fincher war und ist Soderbergh immer noch der spannendste Digital-Prophet, dessen Filme eine dem analogen Film ebenbürtige und eigene Bildsprache besitzen.

Scott Z. Burns stringentes Drehbuch hat sich offensichtlich Alfred Hitchcocks „Psycho“ zum Vorbild genommen und versucht auf Teufel komm raus seinem Publikum stets einen Schritt voraus zu sein, was ihm auch bis zum Schluss eindrucksvoll gelingt. Besonders die Besetzung hat ihren Spaß an Burns‘ undurchsichtigen Figuren. Jude Law, der schon in „Contagion“ eine Wahnsinnsrolle meisterte, darf nun wieder die Sympathie des Publikums auf eine harte Probe stellen und zelebriert seine Figur auf eine herrlich zwielichtige Weise. Channing Tatum, der schon seit einiger Zeit zum festen Soderbergh-Equipment gehört, hat dagegen allenfalls die Qualität eines Bauernopfers. Der Star dieses Films ist daher unbestritten Grand Dame Catherine Zeta-Jones, die mit Nerd-Brille und grauem Kostüm die Edith-Head-Verzerrung einer Psychiaterin spielt und den ganzen Fetisch zugespitzter Lippen und strenger Lehrerinnen auslebt.

Im Vergleich zu vielen vorherigen Soderbergh-Filmen ist „Side Effects“ also eher ein groß angelegter Thriller-Spaß mit Noir-Touch. Thomas Newmans subtiler Score sorgt darüber hinaus für den nötigen bedrohlichen Soundteppich. Schade ist nur, dass Soderbergh in den entscheidenden Momenten dann doch unter seinen Möglichkeiten bleibt, denn die motivische Dichte aus Verrat, Gier, Mord und modernem Kapitalismus hätte schon mehr hergegeben als für einen bloßen Unterhaltungsfilm nötig gewesen wäre. Hitchcocks „Psycho“ hatte jedenfalls keine Probleme damit tiefer in den Kaninchenbau zu steigen. „Side Effects“ bleibt dagegen an der Oberfläche.

Soll das nun Soderberghs großes Vermächtnis gewesen sein? Der Regisseur will sich jetzt mehr der Malerei widmen und allenfalls Fernsehfilme und Serien drehen. Sein aktueller HBO-Film „Behind The Candelabra“ mit Michael Douglas als Liberace wird dieses Jahr in Cannes im Wettbewerb laufen, wo Soderbergh vor 24 Jahren mit seinem Debütfilm „Sex, Lügen und Video“ die Goldene Palme gewinnen konnte. So einfach lässt sich ein künstlerischer Geist also nicht abstellen und ohne Steven Soderbergh wäre die Kinolandschaft ohnehin um ein kritische Stimme ärmer, von den Nebenwirkungen ganz zu schweigen.