"Sideways" (USA 2004) Kritik – Der etwas andere Junggesellenabschied

„Kaust du etwa Kaugummi?!“

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Alexander Payne hat sich schon unlängst seinen ganz eigenen Namen in der Filmwelt gemacht. Sowohl als Regisseur und auch als Drehbuchautor. Mit ‚About Schmidt‘ brachte Payne 2002 einen Film ins Kino, der gleichermaßen berührt und unterhält. 2 Jahre später toppte er seine tolle Arbeit und die wunderbare Tragikomödie ‚Sideways‘ wurde von allen Seiten mit Lobeshymnen überschüttet. Völlig zu Recht.

‚Sideways‘ lebt von seinen warmen und umarmenden Farben. Phedon Papamichael fängt den Film in völlig unaufgeregten und entspannenden Bilder ein und von hektischen Schnitte und wackeligen Kameraaufnahmen ist zum Glück keine Spur. Die gefühlvolle und melancholische Musik von Rolfe Kent passt sich dem ruhigen Erzähltempo und den tollen Aufnahmen an und begleitet den Film exzellent. Die herzerwärmende Atmosphäre fängt den Zuschauer schnell ein und eröffnet ihm einen der schönsten Filmausflüge überhaupt.

Nach ‚American Splendor‘ bekam Paul Giamatti wieder die Möglichkeit, sein riesiges Talent endgültig unter Beweis zu stellen. Als Miles Raymond, ein neurotischer Weinkenner mit emotionalen Problemen, fährt er zu Höchstleistungen auf und spielt jede Facette seines vielschichtigen Charakters präzise aus. Thomas Haden Church als Jack, der kurz vor seiner Hochzeit steht und es noch einmal so richtig krachen lassen will, füllt seinen Proll sympathisch und charmant aus. Virginia Madsen als Kellnerin Maya kann ihre Figur ebenfalls toll verkörpern und harmoniert toll im Zusammenspiel mit Giamatti. Sandra Oh als Bedienung Stephanie kann zwar nicht viel zeigen, füllt ihre kleine Rolle aber glaubwürdig aus.

Der seit zwei Jahren geschiedene Lehrer, Weinfreund und Autor Miles reist mit seinem Freund Jack, ein mäßig erfolgreichen Werbespotschauspieler, durch die Weinbaugebiete in Kalifornien. Ein gesitteter und kultivierter Junggesellenabschied soll es werden. So plant Miles es jedenfalls. Jack will da nur bedingt mitziehen und bevor geheiratet wird, will er sich nochmal richtig austoben. Dazu gehören auch einige Abenteuer mit Frauen. Währenddessen lernt Miles die hübsche Kellnerin Maya besserkennen, die ebenfalls Weinliebhaberin ist und sich auch noch für Miles zu interessieren scheint. Er jedoch verrät versehentlich, dass Jack bald unter der Haube ist, obwohl er die ganze Zeit mit Mayas Freundin Stephanie unterwegs ist. Beide müssen wieder zurück in ihr normales Leben. Doch Miles muss endlich einen nächsten Schritt in seinem Leben wagen…

Mit Miles bekommen wir direkt einen der interessantesten Charaktere überhaupt vorgestellt. Seit seiner Scheidung befindet er sich in einem emotionalen Loch. Nachdem er auch noch erfährt, dass seine Ex-Frau wieder geheiratet hat, fällt er nur noch tiefer. Die Medikamente die er nimmt, halten ihn zwar in der Bahn, doch der Alkohol gibt ihm nicht selten den Rest. Als Weinliebhaber weiß er alles und genießt jeden einzelnen Schluck. Nur leider weiß er viel zu oft nicht, wann genug ist und ein Alkoholproblem ist vorprogrammiert. In Maya findet er jedoch jemanden, mit dem er reden kann und eine Person, die endlich an ihn glaubt. Doch sein Glück scheint wieder einmal ausgebremst zu werden. Und neben ihm Jack. Eigentlich zwei völlig verschiedene Menschen. Durch Werbespots hält er sich gerade so über Wasser und nach seiner Hochzeit hat er schon einen Job in der Firma seines Schwiegervaters sicher. Doch in der gemeinsamen Zeit, die nicht nur aus Golf spielen, Wein trinken und gut essen besteht, stellt er die Heirat immer mehr in Frage und die Probleme häufen sich.

Payne zeichnet seine Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten. Die Schwächen und Fehler werden offen und mit viel Ehrlichkeit aufgedeckt. Miles und vor allem Paul verhalten sich sicher nicht immer richtig. Doch beide machen sich zu keinem Zeitpunkt unsympathisch und stehen unter einem negativen Schatten. Dazu sind sie einfach viel zu menschlich. Keine Helden, einfach nur ganz normale Menschen, wie frisch aus dem Leben gegriffen. Die Sympathien haben sie sich so schnell gesichert und der gemeinsame Weg wird zur Herzensangelegenheit.

‚Sideways‘ ist einer dieser Filme, die immer wieder auf den Zuschauer zu gehen, egal wie bitter manche Szenen auch sein mögen. Ein Film, der niemanden im Stich lassen will oder auch wehtut. Payne erzählt uns eine ruhige Geschichte, die sich weder dem Zuschauer aufdrängen will, noch in irgendeiner Weise überschlägt und sich zu viel aufbrummt. Paynes Film behandelt die Höhen und Tiefen des Lebens. Die ewigen Aufs und Abs. Manchmal überstehen wir sie, manchmal brauchen wir Hilfe und nicht selten unterliegen wir diesen Augenblicken. Es geht um Lebensabschnitte, die man abharken muss, auch wenn sie so unendlich viel bedeutet haben, aber in Wahrheit nur Ballast sind. Der nächste Schritt zählt, irgendwie einen neuen Sinn finden.

Paynes Film ist durchzogen von purer Lebenswärme und Leichtigkeit und lebt dabei von vielen Dingen. Die zarte Melancholie, die er fast durchgehend ausstrahlt und jeder Szene so einen nachdenklichen Grundton verschafft. Die Komik, die genauso vertreten ist, dabei aber immer auf unterschiedlichen Weisen. Mal unscheinbar leise und versteckt in den geschliffenen Dialogen oder auch vollkommen frei durch die Situationskomik. Zum Beispiel die Szene, in der Miles mal wieder Probleme wegen Paul bekommt und von einem nackten und wütenden Ehemann über die Straße gejagt wird. Natürlich sind es auch die köstlichen Momente, in denen Miles den Weinbanausen Jack belehren will, die unheimlich viel Spaß machen.

So finden wir uns in ‚Sideways‘ irgendwo zwischen Tragik und Komik wieder. Nichts davon überwiegt. Dabei ist er aber immer charmant, absolut herzlich und voller Menschlichkeit. Achja, die FSK 6 ist völlig fehl am Platz, denn für die Kleinen ist der Film allein schon vom Thema her sicherlich rein gar nichts.

Fazit: ‚Sideways‘ ist ein schöner, warmer, lustiger, berührender und auch tiefgründiger Film. Mit fantastischen Schauspielern besetzt, sonnigen Bildern, tollem Score, hervorragenden Dialogen und Paynes feinfühliger Inszenierung wird ‚Sideways‘ zu einem Film, den man immer wieder sehen kann und immer wieder sehen sollte. Ein kleiner und ruhiger Film mit großer Wirkung.

Bewertung: 9/10 Sternen