"Sieben" (USA 1995) Kritik – David Finchers erster Geniestreich

„Überall an jeder Straßenecke sehen wir Todsünden. In jeder Wohnung und wir nehmen es hin. Wir tolerieren es, weil es schon zur Gewohnheit geworden ist. Es ist trivial. Wir tolerieren es morgens, mittags und nachts. Nun ab jetzt nicht mehr.“

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David Fincher konnte mit seinem Debütfilm ‚Alien³‘ zwar an den Kinokassen einen Erfolg landen, jedoch blieb die Begeisterung, im Gegensatz zu den großartigen ersten zwei Teilen, klar zurück. 3 Jahre später, 1995, meldete sich Fincher mit dem Thriller ‚Sieben‘ zurück im Filmgeschäft und zeigte was wirklich in ihm steckt, denn ‚Sieben‘ ist einer der spannendsten und besten Thriller aller Zeiten.

Bei der Jagd auf einen grausamen Mörder, der seine Opfer nach den sieben Todsünden auswählt, werden zwei Detectives – Somerset, der kurz vor dem Dienstende steht und der junge Mills, vor die härteste Aufgabe ihrer Karriere gestellt. Denn der brillante Mörder scheint den beiden Polizisten nicht nur immer einen Schritt voraus zu sein, sondern der Fall droht auch ihre eigenen Existenzen zu zerstören.

‚Sieben‘ besticht durch eine der düstersten Atmosphäre des Thriller-Genres. Hier scheint keine Sonne, aber fast durchgehend Regnet es. Alles wird in trostlosen wie farblosen Bildern eingefangen. Hier leistet Kameramann Darius Khondji ganze Arbeit und auch die ab und zu eingesetzte Wackelkamera geht nicht ansatzweise auf die Nerven. Howard Shore, einer der großen Komponisten, steuert hier wie von ihm gewohnt einen grandiosen Soundtrack bei, der die Szenen in ihrer Trostlosigkeit und Verzweiflung perfekt untermalt.

‚Sieben‘ hätte mit Morgan Freeman, Brad Pitt und Kevin Spacey gar nicht besser besetzt werden können. Morgan Freeman spielt Somerset, den alten Hasen des Polizeireviers. Er steht kurz vor dem Ruhestand und will sich mit keinem großen Fall mehr beschäftigen. Brad Pitt als Mills gibt den jungen Detective voller Übermut und Kraft, der die Welt zu Anfang noch viel optimistischer sieht als Somerset. Und Kevin Spacey, der den überlegenen Serienmörder John Doe spielt. Alle drei bringen unglaublich starke und mitreißende Leistungen und zeigen mitunter eine ihrer besten Leistungen der Karriere. Gwyneth Paltrow als Mills‘ frische Ehefrau kriegt zwar keine großen Szenen, füllt ihre kleine Rolle aber überzeugend aus.

David Fincher inszeniert mit ‚Sieben‘ einen der Filme, die nach unzähligen Malen immer noch fesseln, auch wenn man schon längst weiß wie sie ausgehen werden. Das liegt zuerst an den interessanten Charakteren. Somerset freut sich auf seinen Ruhestand, wird aber nochmal in einen nervenaufreibenden Fall eingebunden und muss gleichzeitig als Mentor für seinen neuen Kollegen Mills agieren. Mills der frisch verheiratet ist und in seinem Job ganz nach oben will, aber durch seinen manchmal doch zu großen Elan von Somerset an der kurzen Leine gehalten werden muss. Mit beiden Figuren kann sich der Zuschauer zu jeder Zeit identifizieren und anfreunden und bilden so starkes und authentisches Duo. John Doe, der mit der schrecklichen Gesellschaft nicht mehr leben kann und will, beginnt eine bestialische Mordserie und geht strickt nach den sieben Todsünden vor. Habsucht, Hochmut, Neid, Zorn, Wollust, Trägheit, Maßlosigkeit. Alle die den Film bereits gesehen haben, werden sich jetzt vor allem bei der „Neid und Zorn-Szene“, an einen der besten Filmmomente überhaupt erinnern.

John Doe bestraft die Menschen für ihre Taten, denn Todessünden gibt es heute überall. Wenn man sich selber anschaut und überlegt welche dieser Sünden man allein am heutigen Tag schon begangen hat, wird das überaus deutlich. Und genau damit beschäftigt sich Finchers Film. Müssen die Sünder für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden und wie weit kann man John Doe in seiner Grundaussage verstehen? Das Doe natürlich ein kaltblütiger Mörder ist und ebenfalls bestraft werden muss, braucht man nicht nochmal erwähnen. Ebenso wie die ganze Atmosphäre des Films, sind die Tatorte dargestellt. Die Morde selbst werden (mit einer Ausnahme) nie gezeigt, lassen dem Zuschauer aber in Anbetracht der Opfer und den genialen Vorgehensweisen des Mörders eine Gänsehaut entstehen. Zwar ist ‚Sieben‘ fast durchgehend düster, aber auch eine der harmonischen Szenen des Films wirkt fast wie Balsam für die Seele. Die Rede ist von der Szene, in der Mills mit seiner Frau und Somerset zusammen zu Abend isst und sich über die Wohnung, die immer durch die Bahngeräusche ins vibrieren gerät, unterhalten und in Lachanfälle ausbrechen. Eine der ausnahmsweisen kurzen und ruhigen Momente des Films.

Dann wäre da, das einmalige Ende, auf das ich natürlich nicht eingehen werde. Es sei nur so viel gesagt: Selten gab es einen genialeren und spannenderen Schlusspunkt, der mit einer derartigen Kraft, Verzweiflung und Tragik dargestellt wird, als in diesem einmaligen Meisterwerk.

Fazit: David Fincher ist mit ‚Sieben‘ ein unvergesslicher Geniestreich gelungen. Das geniale Drehbuch, die meisterhafte Inszenierung, die hervorragenden Schauspieler und die fantastische Atmosphäre machen ‚Sieben‘ zu einem der spannendsten und atemberaubendsten Thriller aller Zeiten, der zwar oft kopiert, aber niemals erreicht wurde. Ein perfekter Thriller eben, bei dem einfach alles stimmt.

„Ernest Hemingway hat mal geschrieben: die Welt ist so schön, und wert, dass man um sie kämpft. Dem zweiten Teil stimme ich zu.“

Bewertung: 10/10 Sternen