"Silver Linings" (USA 2012) Kritik – Bradley Cooper im Wechselbad der Gefühle

Autor: Stefan Geisler

„It can still be a date, even if you order Raisin Bran.“

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Wenn sich in „Three Kings“ drei amerikanische Soldaten inmitten des Iraks auf eine Schatzsuche begeben, oder Jason Schwartzman sich in „I Heart Huckabees“ einer existenzialistischen Durchleuchtung unterzieht, wird klar: Regisseur David O. Russell ist kein Thema zu absurd, um daraus einen Film zu machen. In diesem Punkt ähnelt der Regie-Sonderling vor allem seinem Kollegen Wes Anderson („Der fantastische Mr. Fox“), doch anders als Anderson lässt sich Russell lange nicht so eindeutig festlegen. Schließlich sticht gerade sein größter Erfolg, das 2010 angelaufene Boxer-Drama „The Fighter“, durch seinen ernsteren Grundton deutlich aus Russells bisheriger Filmografie heraus und doch schlug gerade dieser Film bei Publikum und Kritikern ein, wie die Faust von Mark Wahlberg. Dementsprechend gespannt erwartete man nun den neuen Film vom Regie-Sonderling, der auf den verheißungsvollen Namen „Silver Linings“ getauft wurde. Und im wahrsten Sinne des Wortes ist „Silver Linings“ wirklich ein Hoffnungsschimmer in der grauen Hollywood-Tristesse geworden.

Nachdem Pat Solatano (Bradley Cooper) seine Frau Nikki (Brea Bee) in flagranti mit ihrem Liebhaber unter der Dusche erwischt hat, bricht für den High-School-Lehrer eine Welt zusammen. Völlig außer Kontrolle schlägt er den fremden Mann krankenhausreif. Doch diese Aktion soll für Pat nicht folgenlos bleiben, denn bei ihm wird daraufhin eine bipolare Störung diagnostiziert und er wird für acht Monate in eine Psychiatrie überwiesen. Obwohl Pat auch nach Ablauf dieser Frist noch mit schweren Wutausbrüchen und seiner Vergangenheit zu kämpfen hat, beschließt seine Mutter (Jacki Weaver), ihn gegen den Rat der Ärzte aus der Anstalt zu holen. Doch im Haus seiner Eltern angekommen, fällt es Pat nicht leicht, sich wieder ein richtiges Leben aufzubauen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Zu sehr trauert er seiner verlorenen Liebe hinterher. Erst als er die ebenfalls psychisch labile Tiffany (Jennifer Lawrence) trifft, verändert sich sein Leben nach und nach zum besseren…

Mit „Silver Linings“ kehrt Regisseur David O. Russell wieder zu seinen Wurzeln zurück und inszeniert eine lebensbejahende Dramödie mit einem leichten Hang zum Wahnsinn. Im Mittelpunkt des Films stehen wie so oft bei David O. Russell Außenseiter, Sonderlinge, die unfähig sind, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Doch Sportjunkie Pat Solatano (Bradley Cooper) wird gerade diese Bürde von seinen Eltern auferlegt. Denn gegen das Anraten der Ärzte holt ihn seine Mutter aus der Psychiatrie und quartiert ihn wieder in seinem alten Zimmer ein. Dabei hätte er ärztliche Aufsicht dringend nötig, denn Pat leidet unter einer bipolaren Störung, gepaart mit heftigen Wutausbrüchen und ist somit nicht nur für sich, sondern ebenso für seine Umwelt eine erstzunehmende Gefahr. Doch auch sein Gegenpart Tiffany (Jennifer Lawrence), ist kein unbeschriebenes Blatt, denn ähnlich wie Pat versucht sie die Dämonen der Vergangenheit mit Psychopharmaka unter Kontrolle zu halten.

David O. Russell beweist ein äußerst feinfühliges Händchen, wenn er seine „kranken“ Protagonisten in Szene setzt. Er offenbart die Krankheit, ohne sie zum Mittelpunkt der Handlung zu machen. Äußert sich Pats Leiden anfangs noch in einzelnen Macken und Ticks, gelegentlichem exzentrischen Verhalten und dessen sozialer Inkompetenz, die für die ein oder andere amüsante Szene sorgt, wird erst im späteren Verlauf so richtig klar, was der gehörnte Ehemann eigentlich durchleiden muss. Wenn Pat plötzlich mitten in der Nacht sein verschwunden geglaubtes Hochzeitsvideo zu finden versucht und darüber immer mehr in Rage gerät, Zeter und Mordio schreit und das Ganze letztendlich sogar in physische Gewalt ausarten lässt, spätestens dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Denn in dieser Szene wird dem Zuschauer nicht nur die Hilflosigkeit des Protagonisten, sondern auch die Hilf- und Ratlosigkeit seiner Mitmenschen erschreckend deutlich vor Augen geführt.

Wer oder was gilt in unserer Gesellschaft eigentlich als geistig gesund? Diese Frage stellt sich einem fast zwangsläufig in „Silver Linings“, denn auch wenn im näheren Umfeld von Pat und Tiffany fleißig über deren momentanen Geisteszustand getuschelt wird, kämpft doch eigentlich fast jeder mit seinen eigenen Zwängen einen aussichtslosen Kampf. Wenn Pats Vater – großartig gespielt von Schauspiel-Legende Robert De Niro – Woche für Woche die Football-Übertragung als fast religiöses Event zelebriert und darüber hinaus für eine, gelinde gesagt, dämliche Doppelwette Haus und Hof aufs Spiel setzt, dann ist das ein schädlicher, ein krankhafter Zwang. Genauso Pats bester Freund Ronnie (John Ortiz), der bedingungslos unter dem Pantoffel seiner Frau steht, ihr aber am liebsten an die Gurgel gehen würde und sich permanent in Scheidungs-Fantasien flüchtet. Von einem ausgeglichenen Gefühlshaushalt kann hier wohl kaum die Rede sein. David O. Russell zeigt deutlich, dass die Grenze zwischen geistig gesund und krank eine schmale ist, und zumeist nur durch ein ärztliches Attest definiert wird.

Fazit: Regisseur David O. Russell lässt von vornherein kein Zweifel daran aufkommen, wie seine Feel-Good-Dramödie „Silver Linings“ ausgehen wird. Wenn sich Pat in einer Szene über das negative Ende von Hemingways „In einem anderen Land“ echauffiert und lauthals brüllt: „I mean, the world’s hard enough as it is, guys. Can’t someone say, hey let’s be positive? Let’s have a good ending to the story?“, kann dies durchaus als Leitmotiv für den Film genommen werden. Russell entlässt seine Protagonisten mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus dem Film und auch wenn der Weg bis zu diesem Punkt manchmal hart war, hat sich die Mühe letzten Endes doch gelohnt.