"Singapore Sling" (GR 1990) Kritik – Willkommen in der Hölle der familiären Perversionen

Autor: Pascal Reis

null

„Don’t leave me now.“

Seine Spur führt ihn zu einer riesigen Villa, den namenlosen Detektiven, der sich auf die Spur der verschwundenen Laura gemacht hat. Mit einer Kugel in der Schulter ist er jedoch handlungsunfähig und schleppt sich mit Mühe von seinem Auto zur Eingangstür der pompösen Anlage. Ihm wird die Tür von einer jungen Frau geöffnet, die, wie sich kurz vorher herausstellte, Laura zusammen mit ihrer Mutter bestialisch getötet hat. Ein Hobby des familiären Gespanns, die Menschen zu Spielzeugen degradieren und für ihre perversen Gelüste missbrauchen. Nun ist auch der Detektiv in ihren Händen und wird dank einiger Notizen auf den Namen Singapore Sling getauft. Die Tour de force beginnt…

Nur wenige Regisseure sind in der Lage mit der Intention kompetent zu arbeiten, einen Film allein der Provokation wegen zu inszenieren. Michael Haneke ist mit seiner demaskierenden Parabel über die Auswirkung von medialer Gewalt „Funny Games“ eine der wertvollen Ausnahmen geglückt. Natürlich wird dort zweifelsohne Feuer mit Feuer bekämpft, nur liegen die Weichen des gezeigten Horrors und das Ziel, das Michael Haneke durch diesen katalytischen Effekt erreichen möchte, konträr zueinander. Doch die Vorwürfe der stupiden Zelebration und dem hämisch grinsenden Sadismus musste sich der österreichische Regisseur dennoch anheften lassen. Festzuhalten ist, dass ein wirklich kontroverser Film eben auch nur dann in vollem Umfang aufgeht, wenn das Drehbuch wie die Umsetzung nicht nur auf Grenzüberschreitungen und Regelbrüche aus sind, sondern sich hinter den alarmierenden Extremen auch etwas Substanzielles verbirgt.

Das absolute und unerschütterliche Paradebeispiel ist und bleibt Pier Paolo Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“. Ein Film wie mehrere Messerstiche in den Brustkorb des Rezipienten; eine abstoßende, ekelerregende Tortur sondergleichen – Nur ist diese nie wieder erreichte Härte kein Selbstzweck, ging es Pasolini in erster Linie um das Partagieren von totalitären Denkweisen und der Konsequenzen eines faschistischen Machtmissbrauches. Darüber hinaus war, die Similarität zwischen der biblischen Stadt und dem italienischen Salò ist unbestreitbar, „Die 120 Tage von Sodom“ auch ein radikales Werk über die Entmenschlichung und damit auch geprägt von aversiver Aktualität. Viele Filmemacher versuchten den Schmerz von Pasolinis Meisterwerk zu überbieten, verirrten sich aber nur in plumpen Torture-Porn-Konstellationen. 15 Jahre sollte es dauern, bis ein Film weltweit wieder für den Aufruhr sorgte, den Pasolini 1975 entfachte: Der griechische Hybrid „Singapore Sling“ von Nikos Nikolaidis.

„Singapore Sling“ beginnt vielversprechend, allein die Exposition ist eine grandiose Rekonstruktion der Film Noir-Atmosphäre: Die kontrastreiche Schwarz-Weiß-Fotografien, der prasselnde Regen, die grauen Trenchcoats und die inneren Monologe unseres Detektivs, der sich eine Kugel eingefangen hat bei dem Versuch, seinen Fall (Und seine Liebe) aufzuklären. Man merkt innerhalb dieser Minuten, dass Nikos Nikolaidis das Medium liebt und lebt. „Singapore Sling“ ist nicht umsonst als Hommage an den legendären Klassiker „Lara“ von Otto Preminger angelegt, dessen künstlerische Versatzstücke, sei es die Musik, Dialoge oder gewisse Szenenbilder, Nikolaidis sogar hin und wieder 1 zu 1 kopiert. Wird die Einstellung dann auf die beiden Frauen gelenkt, die gerade dabei sind ihr letztes „Spielzeug“ in einem schlammigen Grab im Garten zu entsorgen, spielt ein nächster genreorientierter Faktor in die Inszenierung des Filmes ein: Slapstick. Denn wo die Mutter gerade den ehemaligen Chauffeur unter die Erde gebracht hat, bekommt sie im nächsten Moment direkt selber die Schaufel an den Schädel und kullert ebenfalls in die ausgehobene Grube.

Wenn sich zu diesen beiden tendenziellen Richtungen, die eine natürlich fortwährend als Noir-Schleier verwendet, die Slapstick-Elemente eher reduziert eingeschoben, dann noch die sexuelle Komponente in das anormale Geschehen schleicht, entzieht sich „Singapore Sling“ endgültig jeder Rezension. Diese krankhafte Visualisierung der sexuellen Neigungen, wie sie die beiden Frauen ausleben, ist dem Freud’schen Persönlichkeitsmodell wie auf dem Leib geschneidert, denn genau da wo sich Lust und Begierde befindet, besteht auch immer der Drang nach Zerstörung und Erniedrigung. Und Nikolaidis kennt in diesem physischen Zwiespalt weder Grenzen, noch Respekt: Eine Kiwi dient dort der Masturbation, Urophilie ist dieser Welt genauso fester Bestandteil wie Inzest oder der ausufernder Sadomasochismus. Tatsächlich aber gelingt es Nikolaidis nie, im Zuschauer den erhofften Ekel zu evozieren, denn sein Film möchte sich als Kunstwerk vermarkten und verschreibt sich vollständig den Ästhetizismen seiner Vorbilder.

Interessant ist „Singapore Sling“ nur, wenn man ihn aus einem ähnlichen Blickwinkel wie Alfred Hitchcocks „Vertigo“ betrachtet: Der Detektiv, der einer Toten hinterher eifert und ihr Ableben seelisch nicht akzeptieren kann. Auch hier bekommt „Singapore Sling“ eine nekrophile Interpretationsmöglichkeit zugestanden, in dem er, ohne zu viel verraten zu wollen, etwas verlauten lässt, was den Hauptdarsteller letztlich genau zu dem Menschen macht, den er eigentlich gesucht hat und seine Laura genau in den Zustand wirft, vor dem er sie doch immer bewahren wollte. Man darf den Unkenrufen der Filmwelt in diesem Fall keine Aufmerksamkeit schenken, denn ein Schlag in die Magengrube ist „Singapore Sling“ wahrlich nicht, selbst bei dem ganzen Überdruss an in Körperflüssigkeiten badenden Perversionen und zu Tode penetrierten Damen. Sein Extrem ist nur Fassade, unter ihr steckt eine glatte, rabenschwarze Komödie mit sympathischer Zitierwut, die weder schockiert, noch bleibenden Eindruck hinterlässt, auch wenn es schon mutig ist, einen solch ungreifbaren Bastard aus Stilelementen und Genreübergriffen zu modellieren.