"Slumdog Millionär" (USA 2008) Kritik – Ein enttäuschender Ausflug nach Indien

„Woher soll ein Slumdog das alles wissen?“

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Danny Boyle hat in der Vergangenheit mit ‚Trainspotting‘, ’28 Days Later‘ und ‚Sunshine‘ drei erstklassige Filme inszeniert. In der Filmwelt war er so immer vertreten, eine Oscar Nominierung sprang jedoch noch nie dabei raus. 2008 war es dann endlich soweit und Boyle ging mit seinem Liebes-Drama ‚Slumdog Millionär‘ ins Oscar Rennen und räumte gleich so richtig ab. 8 Trophäen gewann sein Film, darunter auch für den Film und die Regie. Verdient hat er die aus meiner Sicht auf keinen Fall, denn ‚Slumdog Millionär‘ ist weder Fisch noch Fleisch, zwar nicht richtig schlecht, aber eine große Enttäuschung.

Wenn man sich einen Film von Danny Boyle anschaut, kann man sich in einer Sache vollkommen sicher sein: visuell sind sie immer absolut überwältigend. Kameramann Anthony Dod Mantle fängt die brodelnde Metropole Mumbai in einer berauschenden und intensiven Farbenvielfalt ein, die in jedem Fall im Kopf bleibt und die klare Stärke von ‚Slumdog Millionär‘ ist. Dabei ist auch der Wechsel zwischen beeindruckenden Einstellungen über den Dächern der indischen Großstadt und den verwinkelten wie ungewöhnlichen Handkameraaufnahmen gekonnt. Der feine Soundtrack von A.R. Rahman begleitet die fantastischen Bilder stark und dichtet die recht brüchige Atmosphäre stellenweise gut ab.

Schauspielerisch setzt Boyle hier in den Hauptrollen auf Laiendarsteller. Angefangen mit Dev Patel als Halbwaise, Slumdog und schließlich Quizshowkandidat Jamal. Sein Schauspiel ist für den ersten großen Einsatz solide, nichts tolles, aber akzeptabel und passend. Madhur Mittal als Jamals krimineller Bruder Salim, bringt ebenfalls eine annehmbare Leistung. Dann wäre da noch Freida Pinto, als Jamals geliebte Latika, die so gar keine Akzente oder Impulse setzen kann, zwar durch ihr Äußeres glänzt, mehr aber leider nicht. Das reicht noch lange nicht. Dazu hat Boyle noch zwei Stars aus den Bollywood-Filmen engagiert. Zum einen Anil Kapoor als indischer Günther Jauch Prem Kumar und Irrfan Khan als Polizeikommissar. Beide füllen ihre Rollen glaubwürdig und gut aus und holen das Nötigste aus ihren unrealistischen Charakteren.

Danny Boyle erzählt uns hier vom amerikanischen Traum. Dabei verlegt er seine Geschichte nach Indien. Vom Straßenkind zum Millionär. Vom Namenlosen zum gefeierten Publikumsliebling. Dabei begleiten wir Jamal durch die verschiedenen Abschnitte seines Lebens. Vom brutalen Tod seiner Mutter, über die schwere Kinderarbeit in einer Bettlerorganisation und die gemeinsame Flucht mit seinem Bruder Samil. Wie er dabei Latika kennengelernt hat und immer wieder verlor und vieles mehr. Bis er schließlich in der Quizshow „Wer wird Millionär?“ angekommen ist. Dabei erzählt Jamal seine Lebensgeschichte einem interessierten Polizeikommissar, denn er wird fälschlicherweise für einen Betrüger gehalten, der sich quer durch die Fragen mogelt. Doch die einzelnen Fragen passen immer zu einem Lebensabschnitt und ermöglichen Jamal so die richtige Antwort zu geben. Jamal will allerdings gar nicht die 20 Million Rupie gewinnen, er ist nur dort, um seine Liebe Latika wieder zu finden und sieht diesen Weg als letzte Chance.

‚Slumdog Millionär‘ ist eine fiktive Geschichte, die zwischen Märchen und bittere Realität umherspringen will. Das klappt leider nur sehr, sehr selten bis gar nicht. Da haben wir dann also das dreckige und harte Leben der indischen Straßenkinder, die sich irgendwie durch das Leben in der chaotischen Stadt schlagen müssen. Kinder, dessen Augenlicht genommen wird, nur damit sie als Bettler mehr Mitleid erregen können und so Geld bekommen. Keinerlei Unterstützung und die Kriminalität mit der daraus resultierenden Brutalität fängt viele ein. Auf der anderen Seite haben wir aber eine vollkommen kitschige Liebesgeschichte zwischen Jamal und Latika, die wegen ihrer oberflächlichen Ausarbeitung, immer vollkommen emotionslos bleibt. Wir sehen diese schrecklichen und menschenunwürdigen Zustände an jeder Ecke. Mitreißen tut das aber wirklich nur sehr gelegentlich. Denn das ganze Gemisch wirkt nicht nur unausgegoren, sondern auch unrealistisch. Dann wäre da auch noch die Sache mit „Wer wird Millionär?“. Der Ärmste der Armen schafft es in die Show und sitzt auf dem heißbegehrten Stuhl, kennt alle Antworten durch verschiedene Zufälle, zögert diese Antworte natürlich immer extrem lang raus, nur um Spannung aufzubauen. Leider ist das Geschehen so furchtbar vorhersehbar, das Spannung gar nicht aufkommen kann. Jamal sitzt ja auch nur da, weil er seine Liebe auf sich Aufmerksam machen will. Das Geld ist ihm nicht wichtig. Hachja, schön. Das der mögliche Betrüger direkt und ohne Umschweife in ein dreckiges Hinterzimmer gezogen wird und ohne weiteres gefoltert, spielt dem Film in Sachen Realismus auch nicht gerade in die Karten und trägt einfach zu dick auf. Zufälle gibt es schon, klar, aber hier sind sie einfach zu konstruiert und aufgesetzt.

Boyles Inszenierung ist aber dennoch überdurchschnittlich und schafft es, den Zuschauer vor der totalen Langeweile zu bewahren und doch phasenweise zu unterhalten, wenn auch nicht gerade auf hohem Niveau. Quasi wie der berühmte rote Faden, der sich langsam durch den Film schlängelt, dabei aber die ganze Zeit von einer stumpfen Schere bearbeitet wird und ordentlich ins Wanken gerät, aber nie ganz durchreißt. Der Zuschauer wird hier einfach viel zu oft durch die genannten Schlaglöcher ausgebremst und ‚Slumdog Millionär‘ schafft es so nie, richtig zu fesseln. Das liegt natürlich auch noch daran, dass der Film sich einfach nicht entscheiden kann, was er eigentlich will. Harter Straßenfilm? Gesellschaftskritik an indischen Umständen? Oder eben süße Lovestory? Von allem ein bisschen und von allem zu wenig. Schlussendlich ist der Film einfach zu glatt, nicht ehrlich genug mit sich selbst und der unnötige Kitsch wiegt zu schwer. Dazu schleichen sich noch einige Längen ein und der eh schon geschwächte Gesamteindruck, fällt noch enttäuschender aus. Schade, von einem Boyle Film, erwarte ich eigentlich immer viel. Zum Glück fand er zwei Jahre später mit ‚127 Hours‘ zurück in die Spur.

Fazit: Schlussendlich bleibt ein Film, der irgendwie nicht mitfühlen lassen kann und genauso wenig begeistert. Vorhersehbar, spannungsarm und einfach nichts Besonderes. Zwischendurch bekommt Boyle jedoch immer wieder die Kurve und schaffte es, doch ab und an ein wenig Interesse zu wecken. Der klare Höhepunkt sind die exzellenten Bilder, die wirklich beeindrucken. Mehr kommt aber am Ende leider nicht wirklich rüber. ‚Slumdog Millionär‘ will zu viel, wirkt zu gewollt und verliert sich in einem kruden Genre-Mix. Nett anzusehen, aber dennoch eine riesige Enttäuschung. Verpassen tut man hier rein gar nichts.

„Sie ist mein Schicksal.“

Bewertung: 4/10 Sternen