"Snitch – Ein riskanter Deal" (USA 20013) Kritik – Dwayne Johnson und die Hohlräume im Rechtssystem

Autor: Pascal Reis

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„You better wake up. You better wake up right now.“

Der Name Ric Roman Waugh dürfte selbst in kompetenten Fachkreisen für ein kleines Fragezeichen über den Köpfen der selbsternannten Cineasten sorgen, dabei hat sich der Mann in seinem Spezialgebiet als ein vertrauenswürdiger Arbeiter erwiesen. Waugh war nämlich verantwortlich für sämtliche Stunts in großen Hollywood-Produktionen, von „Total Recall – Die totale Erinnerung“ über „Hook“ bis hin zu Tony Scotts verehrtem Kultfilm „True Romance“. Die Zeiten sind jedoch vorbei, in denen Waugh sich in waghalsige Situationen katapultierte um den Zuschauer vorzugaukeln, dass sich der beliebte Action-Star hier gerade wirklich in einer brenzligen Lage befindet, und hat seine Position vom Kaskadeur zum Regisseur umfunktioniert. Mit seinem ersten Film, dem rauen Direct-to-DVD Gefängnis-Thriller „Felon“, der bei seinem Publikum aufgrund seiner schroffen und ehrlichen Art durchaus ankam, könnte Waugh sein Talent evaluieren und ebenso präsentieren. Sein zweiter Film „Snitch – Ein riskanter Deal“ hat den Weg samt namhafter Besetzung auf die große Leinwand gefunden, es hätte allerdings niemandem wehgetan, wenn der Thriller direkt in der Videothek gelandet wäre.

Ein unerwarteter Schlag in die familiäre Magengrube: Ohne die leiseste Ahnung zu haben, wird Familienvater John mit der Nachricht konfrontiert, dass sein Sohn Jason wegen eines Drogenvergehens für 10 Jahre ins Gefängnis wandern soll. John hat allerdings von Anfang an Recht, denn die Drogen waren nicht für Jason bestimmt, sondern für einen Freund, der ihn darum bat, die Drogen bei sich eine Zeitlang aufzubewahren. Was Jason nicht wusste: Sein Freund handelte im Auftrag der Polizei, die ihn vor die Wahl stellten, dass er die Drogen entweder weiterleitet um so seine eigene Haftstrafe zu verkürzen, oder direkt ins Kittchen wandert. Jason wird ein ähnlicher Deal vorgeschlagen, denn wenn er sich im Gefängnis als Spitzel nützlich erweist, könnte er seine Haftstrafe ebenfalls reduzieren, allerdings schlägt Jason das Angebot aus. Sein Vater John hingegen versucht alles, um seinen Sohn wieder ins traute Heim zu holen und wird vor eine harte Aufgabe gestellt: Er soll sich in die Kreise des berüchtigten Gangster „El Topo“ einschleusen und ihn dingfest machen, ansonsten wird er seinen Sohn für eine lange Zeit nicht mehr auf freiem Fuß erleben…

Wie es sich für einen standhaften Action-Star gehört, muss es einen bestimmten Abschnitt in der eigenen Karriere geben, in der sich der Testosteronbolzen dazu entscheidet, einen anderen Pfad einzuschlagen. Vielleicht weil ihn die stumpfen Schläger-Streifen langweilen, vielleicht weil er ein Comeback braucht, vielleicht aber auch, weil er der Welt beweisen möchte, dass er noch mehr auf dem Kasten hat, als nur die Muskeln spielen zu lassen. Im Falle von „Snitch – Ein riskanter Deal“ trifft es den ehemaligen Wrestling-Camp Dwayne „The Rock“ Johnson. Als Familienvater John Matthews bleiben die Muskelpakete unter dem Hemd und wenn es tatsächlich mal zu einer Schlägerei kommt, dann bekommt Johnsons verkörperter John gehörig die Hucke voll. Es fällt schon relativ schwer, diesem stählernen Adonis den kampfunfähigen Otto Normalverbraucher abzukaufen, doch Johnson gibt sich sichtbar Mühe, seinem Charakter die nötige Glaubwürdigkeit einzuflößen. Das wirkt streckenweise hölzern, ist aber immer noch besser als sämtliche seiner Hau-Drauf-Kollegen. Als One-Man-Show lässt sich der Film aber nicht gänzlich titulieren, denn der besser aufspielende John Bernthal als Ex-Krimineller Daniel, Barry Pepper als zottelbärtiger Agent Cooper und Susan Sarandon als kaltschnäuzige Joanne Keeghan haben noch ein paar Wörtchen mitzureden.

„Snitch – Ein riskanter Plan“ impliziert vorerst ein einfaches Problem, welches sich seit einigen Jahren wie ein Rattenschwanz durch die Filmwelt schlängelt: Die altbekannte und ebenso verhasste Wackelkamera. Es gibt Filme, in denen diese flexiblen Kameraaufnahmen einen symbolischen Wert zum Geschehen vermitteln können und eine gewisse Dynamik suggerieren. Hier ist es nur mal wieder der Fall, dass es in schnellen Szenen nicht vital wirkt, sondern unübersichtlich hektisch und dem Zuschauer vielmehr die Aufmerksamkeit für das Wesentliche entreißt. Ein formales Defizit, das zwar nie den inhaltlichen Fundus zerschmettert, das Sehvergnügen bei kontinuierlicher Verwendung aber komprimiert. Hier ist die Ausführung zwar noch in einem erträglichen Rahmen, jedoch fällt sie bereits in der ersten Verfolgungsjagd mehr als negativ auf. Dafür weiß der Film mit seiner musikalischen Untermalung umzugehen und lässt dank Antonio Pintos‘ fast elegischen Streichern und Gitarrenzupfen den Wunsch nach einem Kamerastativ für einige Zeit verstummen.

Ric Roman Waugh ist ambitioniert zu Werke gegangen, soviel lässt sich ohne Frage feststellen. Die Themen, die sein mit Justin Haythe zusammenverfasstes Drehbuch ankreiden, liegen dem ehemaligen Stuntdouble auch persönlich am Herzen. In „Snitch – Ein riskanter Deal“ wird an erster Stelle das lukrativste Geschäft der Welt angeprangert: Der Drogenhandel. Aus diesem brisanten Ausgangspunkt evoziert Waugh die Zentralfrage, wie man bei einem rigorosen Drogendelikt das amerikanische Justizsystem hinsichtlich einer Haftminderung bearbeiten kann. Die Frage beantwortet sich, wie der Titel bereit ankündigt, mit Spitzeldiensten, die dafür sorgen, gesuchte Verbrecher auf dem Silbertablett zu servieren. Waugh spricht in seinem Film anfänglich durchaus einige Aspekte an, die ihre gesellschaftskritische Resonanz verdient haben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Rechtssystem mehr Hohlräume als ein Bienenstock besitzt. Allerdings begeht Waugh schnell den Fehler, dass er kritische Anleihen beiseitelegt, um sich der antizipierten Dramaturgie des Vater-Sohn-Schicksals zu ergeben.

Wo „Snitch – Ein riskanter Deal“ recht ansprechend beginnt, verrennt sich die kalkulierte Vorstellung schnell in einem klischeehaften Sumpf aus moralisierenden Leitstandarten und zweifelhaften Storybausteinen. Es fängt ja bereits mit der Grundlage an, die angeblich auf einer wahren Geschichte aufgebaut sein soll, in ihrer Konstruktion aber vollkommen reißerisch wirkt und jeden Bezug zur authentischen Auseinandersetzung mit Gesetzeslücken und moralischen Zwickmühlen mit Füßen tritt. Man würde dem Werk zwar Unrecht tun, wenn man es als gänzlich schlecht bezeichnet, allerdings scheitert Waugh an den altbekannten Mainstreamkonventionen, die eine interessante Säule zugunsten (über-)dramatisierter Einzelschicksale schlagartig fallen lassen. Am Ende scheint jeder glücklich zu sein und das Leben wieder in gewohnten Bahnen zu verlaufen, in der Realität gäbe es diese Normalität nicht mehr und eine Existenz mit fortwährendem Seelenfrieden wäre ein utopischer Kalauer. „Snitch – Ein riskanter Plan“ hätte solides Genre-Kino mit Substanz werden können, biedert sich der Masse aber viel zu deutlich an.

Fazit: Wer kritisches Kino mit treffsicheren Anklagen in Richtung Justizsystem erwartet, der wird enttäuscht. Genau wie diejenigen, die von „Snitch – Ein riskanter Deal“ reinrassiges Action-Kino erwarten, in dem Dwayne Johnson mal wieder zeigt, wer die größten Muskeln besitzt. Hier wird alles etwas ruhiger, aber auch moralisierender und klischeebetuchter angesprochen. Die Narration dreht sich so einige Male im Kreis und am Ende steht der Film mit leeren Händen da, während nur Ausländer Drogendealer zu sein scheinen und die Amerikaner immer das fragwürdiger Recht der Ehre vor Augen haben. Wenigstens blickt Dwayne Johnson über seinen Action-Tellerrand und macht als sorgengeplagter Vater eine annehmbare Figur.