"Der Soldat James Ryan" (USA 1998) Kritik – Steven Spielberg im Kampf um Ehre und Mut

Autor: Pascal Reis

„What I mean by that, sir, is if you was to put me and this here sniper rifle anywhere up to and including one mile from Adolf Hitler… with a clean line of sight… Pack your bags, fellas. War’s over. Amen.“

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Normandie, Omaha Beach, 6. Juni 1944: Die Invasion der Amerikaner gegen die deutschen Truppen. Nach einem unerbittlichen Strandkampf, bekommt die kleine Soldatentruppe rundum John Miller (Tom Hanks) den brisanten Sonderauftrag, den Gefreiten James Ryan hinter den feindlichen Linien zu finden und zu retten, denn dessen drei Brüder sind allesamt auf dem Schlachtfeld ums Leben gekommen. Eine nicht nur gefährliche Aufgabe, sondern auch eine beinahe unlösbare, mitten im Herz der Finsternis. Die acht Männer ziehen los und versuchen zu verstehen, wieso sie alle ihr Leben für einen einzigen Soldaten aufs Spiel setzen müssen…

…Und es beginnt doch so hervorragend: Die Alliierten landen am D-Day in der Normandie, die Luken der Transportboote klappen herunter und die Hölle des zweiten Weltkrieges eröffnet sich dem Zuschauer in einem erschreckenden Realismus, der beim Anbetracht der grauenhaften Bilder den Atem stocken lässt. Im Kugelfeuer werden die amerikanischen Soldaten reihenweise von Soldaten der Wehrmacht durchsiebt, kein Entkommen, überall schleudert der blutige Dreck des Strandes von Omaha Beach durch die verrauchte Luft, die Gliedmaßen werden von den Körpern gerissen, junge Männer liegen auf dem Boden, schreien nach ihren Müttern, flehen nach Erlösung, verrecken elendig an ihren Verletzungen. Die Handkamera zeigt, welch effektiven Ertrag sie bringen kann und wie nah sie dem Betrachter bei dem richtigen Umgang wirklich gehen kann.

Gute 20 Minuten nimmt das unvorstellbare Chaos kein Ende, doch nach dieser beeindruckenden Eröffnung, die genau den inszenatorischen Ton angibt, der in einem Anti-Kriegsfilm auch herrschen muss, kehrt Steven Spielberg seinem Gespür für die unverfälschten Tatsachen den Rücken zu. Man muss „Der Soldat James Ryan“ mal wieder, wie jeden Film von Spielberg, in den audiovisuellen Bereichen loben, keine Frage. Die grobe Optik ist genau richtig und entwickelt gerade in den Schlachtenszenen eine vortreffliche Wirkung, die Ausstattung ist detailgenau, hier wurden die Orden vom Kleeblatt bis zum Sturmabzeichen sorgfältig eingebaut, die Uniformen sind authentisch nachgestellt und die Äußerlichkeiten nahezu perfekt. Aber was bringen diese „oberflächlichen“ Dinge, wenn Spielberg den Film in genau die Richtung lenkt, in die ein Kriegsfilm niemals gehen darf.

„Der Soldat James Ryan“ besitzt nämlich die bodenlose Frechheit, gerade in Bezug auf Zeitzeugen und die Männer, die auf den Schlachtfeldern geblieben sind, dem Krieg einen Sinn zu verleihen. Das fängt damit an, dass der kleine amerikanische Trupp auf eine Sondermission geschickt wird, die es in dieser Form auch gegeben hat, ein historischer Fakt, aber dennoch niemals als patriotische Projektionsfläche für verlogene Heldengeschichten dienen darf, denn Helden gibt es in einem Anti-Kriegsfilm nicht. Es gibt keine Trennlinien zwischen guten und bösen Soldaten, in „Der Soldat James Ryan“ sind die Rollen klar verteilt: Die Amerikaner verleihen dem zweiten Weltkrieg einen fundamentalen Wert, der sich aus den verstorbenen Soldaten zusammensetzt und jeden Toten im Nachhinein rechtfertigt (Wenn Tom Hanks Matt Damon gegen Ende einen bestimmten Satz in die Ohren flüstert und Matt Damon dann eine Grabesrede hält, bahnt sich der steife Hals bereits vor lauter unglaubwürdigen Kopfschütteln an). Die deutschen Soldaten hingegen sind durchtriebene Wilde, wie Tiere schlachten sie sich durch die tapferen US-Boys und werden als vollkommen widerwärtige Unmenschen stilisiert, die das Leben nicht verdient haben. Jaja, die ekelhaften Krautfresser.

Das der „Der Soldat James Ryan“ eine radikale Kehrtwende im moralischen Sinne vollzieht und das Kriegsgrauen durch plumpe Semantik offenbart, ist nicht nur verwerflich, sondern auch schlichtweg eine Katastrophe in Sachen Aufklärung und Darstellung von schwarzer Zeitgeschichte. Wenn Barry Pepper als strenggläubiger Sniper vor jedem Schuss noch ein Stoßgebet gen Himmel schickt und durch den Glauben die eigene Treffsicherheit heraufbeschwört, dann geht jede bedeutungsvolle Botschaft verloren und die Aufnahmen der Schüsse in Zeitlupe durch die Köpfe deutscher Soldaten erfüllen ihren Zweck als Pro-Kriegsfilm, der auf dem Meeresboden vergraben werden sollte, aber niemals als abschreckender wie schockierender Genre-Beitrag, der die Augen öffnen sollte, anstatt sie mit Verlogenheiten zu strafen.