"Am Sonntag bist du tot" (GB/IE 2014) Kritik – Was in Trümmern liegt, wächst nicht mehr zusammen

Autor: Pascal Reis

null„I think there’s too much talk about sins and not enough about virtues.“

Vermutlich darf sich „Am Sonntag bist du tot“ nicht nur als einer der wichtigsten Beiträge zum Thema ’sexueller Missbrauch und seine Folgen im späteren Leben‘ titulieren lassen, sondern auch als eine ganz konkrete, zeitweise sogar erschreckend ätzende Infragestellung unserer gesellschaftlichen Definition von Gerechtigkeit und Moral – und letztlich auch deren Dekonstruktion. Pater James Lavelle (Brendan Gleeson) begibt sich wie gewohnt in seinen Beichtstuhl, um sich den Sünden seiner Schäfchen anzunehmen, wenige Sekunden später wird ihm ein Ultimatum aufgebrummt: Bis Sonntag bliebe ihm nun Zeit, mit Gott und der Welt ins Reine zu kommen, und wenn es sich einrichten lässt, könne er ja auch noch seinen Haushalt auf Vordermann bringen, denn den darauffolgenden Montag wird er nicht mehr erleben, erklärt ihm die Stimme von gegenüber. Der Unbekannte selbst wurde als 7-Jähriger bis in das zwölfte Lebensjahr jeden zweiten Tag von einem Geistigen vergewaltigt, trägt die zerfurchten Früchte seiner seelischen wie körperlichen Zerschlagung allerdings erst Jahre später.

Für die Verbrechen eines Fremden muss nun der aufrichtig erscheinende Pater James Lavelle, dem sich das geschändete Opfer zum ersten Mal über seine Vergangenheit anvertraut hat, herhalten. Vor den Toren Jerusalems befinden wir uns mit „Am Sonntag bist du tot“ nicht mehr, das irländischen Sligo aber birgt ebenfalls Lavelles persönliches Golgatha, wie der weitaus passendere Originaltitel schon verkündet. Das zerklüftete Küstennest ist dabei besiedelt von Menschen, die jeden Glauben an sich und die Welt verloren haben, die vollkommen unfähig scheinen, einen Funken Empathie aufzubringen, Rücksicht auf ihr soziales Umfeld zu nehmen und sich ein Refugium aus beißendem Zynismus errichtet haben: Ehebrecher, Gewaltverbrecher, Misanthropen, Soziopathen – Das Leben hat sie desillusioniert, zerkaut und wie eine faule Traube wieder ausgespuckt. Zum Ende von „Am Sonntag bist du tot“, wenn sich die Situation langsam zuspitzt und Lavelle kurz davor ist, das Durchqueren der fünf Sterbephasen abzuschließen, kommt es zu einer Szene, die den funktionalen Charakter der gesamten Gemeinde auf den Punkt bringt.

Dr. Frank Harte (Aidan Gillen), der wohl abstoßendste Zyniker im Bunde, schildert dem stark alkoholisierten Pater einen Vorfall, der in seiner unermesslichen Tragik kaum zu verdauen ist: Bei einer Routineoperation ist das zu behandelnde Kleinkind nicht nach Plan aus der Narkose erwacht, sondern durch ärztliches Versagen taub, stumm, blind und gelähmt – Gefangen im Nirgendwo, nur der Geist und Tränen blieben in der geräuschlosen Finsternis. Diese Geschichte bohrt sich letztlich als symbolischer Ankerpunkt der gesamten Handlung in den Film, denn auch in „Am Sonntag bist du tot“ geht es darum, Menschen in den Fokus zu rücken, die unfähig sind, ihre Gefühl in irgendeiner Weise zum Ausdruck zu bringen, unfähig, adäquat zu reflektieren, weil sie durch explizite Vorkommnisse in ihrer Vergangenheit in ein emotionales Gefängnis gesperrt wurden, aus dem man schlichtweg nicht entkommen kann, dessen Gitterstäbe man auch mit höchster Kraft nicht verschieben kann. John Michael McDonagh, der den Film geschrieben als auch inszeniert hat, wechselt die Tonalität nach seinem rabenschwarzen „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“ radikal.

Sicher, es gibt einige Humorspitzen, die aber sind so brüchig, dass das Lachen unentwegt im Halse steckenbleibt. „Am Sonntag bist du tot“ ist indes nicht daran interessiert, die Kirche als Glaubensinstitution zu verdammen, ohnehin zeigt sich McDonagh für einen Film verantwortlich, der auch für Agnostiker und Atheisten problemlos anzunehmen ist, weil er in seiner Themenbehandlung von universeller Relevanz bleibt, die mit dem nationalen Hintergrund allerdings noch ein Quäntchen an Schärfe gewinnt, ruft man sich die man nur einmal die in Irland vorherrschende Bedeutung der katholischen Kirche ins Gedächtnis. Als zuweilen erschütternder Diskurs über Schuld und Vergebung grast „Am Sonntag bist du tot“ selbstverständlich keine Allgemeinplätze ab, spult kein Hohelied auf den integren Erlöser ab, der die Schuld seiner Mitmenschen auf sich nimmt. Vielmehr funktioniert „Am Sonntag bist du tot“ als gesellschaftliche Spiegelung, die aufweist, wie schnell Wertebilder in seinem System zerschlagen werden können, wie oft wir vor Verbrechen die Augen verschließen, wenn sie uns nicht selbst betreffen und dennoch die (selbst-)zerstörerische Macht der Vorurteile in uns aufflammen lassen.

Vergebung gut und schön, aber was einmal in Trümmer zerlegt wurde, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Dass „Am Ende bist du tot“ schlussendlich aber so brillant funktioniert, liegt nicht nur am famosen, scharfsichtigen Drehbuch, sondern ebenso an Brendan Gleeson, der einmal mehr unter Beweis stellt, dass er fraglos zu den besten Darstellern gehört und jeder noch so komplexe Rolle gewachsen ist. Wie Gleeson diesen in sich ruhenden, aber auch zweifelnden, innerlich ringenden Geistigen verkörpert, ist in seiner pointierten Subtilität ganz große Performancekunst. Gleeson gibt hier keinen Helden mit weißer Weste, sondern auch mit der Kollar gekleidet einen Menschen, der sich müßig zeigt, Hilfe anzubieten, wo sie ohnehin nicht mehr erwünscht ist, wird er als Repräsentant der Kirche doch unlängst nur noch als Affront verstanden, weil er noch Tugenden darbietet, die offensichtlich nur noch in einer äußerst abstrakten Form der Weltwahrnehmung greifbar scheinen. Traurig, aber leider wahr.