"Sons of Anarchy" 1. Staffel (USA 2008) Kritik – Anarchismus, Ehre und Blut

„Du lebst ein Leben, was ich wahrscheinlich niemals verstehen werde.“

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In der Serie „Sons of Anarchy“ von Kurt Sutter geht es um einen Motorradclub in Nordkalifornien. Unsere Hauptfigur ist Jackson „Jax“ Teller, Vizepräsident des Clubs, der zunehmend die Handlungen und Sichtweisen des Clubs hinterfragt und die skrupellosen Vorgänge vom Club Präsidenten Clay Morrow, gleichzeitig sein Stiefvater, nicht mehr voll hinnehmen möchte und einen neuen Weg zur Problemlösung sucht. Tagsüber betreiben die Sons eine große Werkstatt, die als Grundstein und Tarnung dient, doch in Wirklichkeit ist der Club längst im landesweiten Waffenhandel verstrickt und das versucht der Club so gut wie möglich vor der Polizei und dem ATF zu verheimlichen. Doch nicht nur das Gesetz könnte bei den Sons für Probleme sorgen, sondern auch die weiteren Gangs, die ihre Wege kreuzen und schnell einen Bandenkrieg anzetteln können.

All das ist jedoch nur der Kern der Serie, das Fundament, aus dem sie aufgebaut wird. Wir werden hier in ein brutales Leben eingeführt, in denen man nach eigenen Regeln und Standards lebt und wo die Gewalt und Angst ein stetiger Begleiter ist. Die Charaktere der Sons, die man lieben und hassen lernt, sind harte Schwerverbrecher, die kaum vor etwas zurückschrecken. Jeder von ihnen ist einer der Menschen, denen man eigentlich nie über den Weg laufen möchte, doch jeder wird uns immer wieder so liebenswert und sympathisch dargestellt, dass wir uns schon nach wenigen Folgen selbst als der Teil der Sons sehen. Wir fiebern, wir leiden, wir fallen und wir stehen gemeinsam mit ihnen wieder auf. Immer und immer wieder. Von Folge zu Folge eröffnen sich immer weitere Facetten. Sowohl von einzelnen Charakteren, als auch von der Story selbst. Es geht zunehmend um Verantwortung, Rivalität, Rangordnung, Ängste und weitere Dinge, die auch in unserem Leben zählen. Was bedeutet es, ein Vater zu sein? Wie weit muss man gehen, um seine alte Liebe endlich wieder befreit annehmen zu können? Und wie weit muss man gehen, um den gebührenden Respekt zu bekommen? Das wird uns in extrem tiefen und einzigartigen Charakteren gezeigt, die sich alle entwickeln und uns immer vielschichtiger gegenübertreten.

Zarte Gemüter mit schwachen Nerven sollten jedoch lieber zu einer anderen Serie greifen, denn in „Sons of Anarchy“ geht es oft erschreckend kompromisslos zur Sache und vor kaltblütiger Gewalt schreckt die Serie zu keiner Zeit zurück. Realismus wird hier großgeschrieben, denn wo Kugeln treffen, da fließt auch Blut und hier treffen unzählige Kugeln. Wobei das wirklich noch die harmloseste Sache ist. Wenn sich die Antihelden mit einem Kastrationsmesser einen Vergewaltiger schnappen und ihn sich vorknöpfen, eine Tankstellenschlägerei mit einem gespaltenen Schädel endet oder ein ehemaliges Mitglied mit einem Bunsenbrenner das Club-Tattoo vom Rücken gebrannt wird, werden bei vielen sicher einige Grenzen überschritten. Doch die kompromisslose Gewalt drängt sich nicht in den Vordergrund. Es geht um ein uns völlig fremdes Leben, mit völlig unbekannten Figuren, die es versuchen, den Club und das Familienleben zu bewältigen. Mit all den zwischenmenschlichen Tönen, all den Eigenschaften, die auch uns auszeichnen und den unzähligen Problemen, denen man direkt in die Augen blicken muss, denn sonst zerbricht man. Unterstrichen wird das mit harten und dröhnenden Rock oder gefühlvollen wie zarten Balladen.

„Anarchismus steht für die Befreiung des menschlichen Geistes von der Herrschaft der Religionen.
Die Befreiung des menschlichen Körpers von der Herrschaft des Eigentums.
Befreiung von Fessel und Zwang durch die Regierung.
Es geht für die soziale Ordnung, basierend auf der freien Gruppierung von Individuen.“

„Sons of Anarchy“, das bedeutet Wut, Zorn, Blut, Hass, Gewalt und Schmerzen. Liebe, Sympathie, Zuneigung, Nähe und echte Emotionen. Tränen und Lachen. Perfekt gespielt, ohne Halt, voller brachialer Kraft, viel Coolness, Humor, eindringlicher Intensität und Authentizität. Kein Kitsch, keine Verlogenheit, keine Worte zu viel. In 13 Folgen schaffte es die erste Staffel eine riesige Bandbreite von Emotionen und einmaligen Charakteren zu entfalten, wie man sie so sicher nie gesehen hat. Eine Serie mit undurchdringlicher Atmosphäre und großem Suchtfaktor.

Bewertung: 9/10 Sternen