"Soul Kitchen" (DE 2009) Kritik – Hamburg, meine Perle

„Der Reisende ist noch nicht am Ende, er hat sein Ziel noch nicht erreicht.“

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Jeder der sich leidenschaftlich mit Filmen beschäftigt und nicht nur gelegentlich mal die Glotze am Nachmittag anwirft, oder sich zum Einschlafen abends nebenbei etwas berieseln lässt, wird zugeben müssen, dass das deutsche Kino immer schmerzhaftere Worte einstecken muss, ja sogar Hasstiraden sind inzwischen nicht mehr neu oder verwunderlich. Man wiederholt sich natürlich damit schon und jeder wird zugeben, dass die Qualität über die Jahre schon ziemlich deutlich abgenommen hat. Aber zwischen der ganzen Wut auf den filmischen Auswurf vom Heimatland und der grenzenlosen Verachtung gegenüber seichten Komödien mit Axel Stein und Konsorten, dürfen auch die Perlen und Rohdiamanten nicht vergessen werden, die in Zukunft noch etwas richtiges reißen könnten und den deutschen Film vielleicht in neuem Glanz erstrahlen lassen. Andreas Dresen, Özgül Yildirim und David Wnendt sind Namen, die man in jedem Fall im Hinterkopf behalten sollte. Wenn man allerdings nach der gegenwärtigen Spitze im deutschsprachigen Film sucht, dann trifft man auf den Deutsch-Türken Fatih Akin, der nicht nur eine beachtliche Vielseitigkeit besitzt, sondern auch sein Talent längt in klares Können umgesetzt hat. Erstaunlich war es dementsprechend auch rein gar nicht, dass seine Hamburg-Komödie „Soul Kitchen“ 2009 ein erneutes Highlight im deutschen Film wurde.

Zinos betreibt ein kleines und stinkiges Restaurant in Hamburg-Wilhelmsburg, wo er seine Gäste mit fettigem Essen zufriedenstellt. Aber Zinos steht ein schwieriger Abschied bevor, denn seine Freundin Nadine steht vor dem Abflug nach Shanghai, wo sie ihren neuen Job als Journalistin antritt. Dazu kommt auch noch ein schmerzhafter Bandscheibenvorfall, der Zinos zum unbeweglichen Pechvogel macht. In seiner Not stellt er den eigenwilligen Koch Shayn ein, der zwar toll kochen kann, aber sich weigert, den Gästen Zinos Standardfraß zu servieren. Die Stammgäste flüchten, das Finanzamt will Geld und das Gesundheitsamt will das Soul Kitchen schließen, Gründe dafür gibt es genug. Zu allem Überfluss steht auch Zinos krimineller Bruder Illias wieder auf der Matte und braucht einen Job, damit er täglich Freigang hat und nicht nur am Wochenende aus dem Knast kann. Die Probleme häufen sich und Zinos ehemaliger Schulkamerad Thomas Neumann will Zinos Laden dazu auch noch einstampfen lassen. Zinos will den Laden loswerden, doch ausgerechnet in dieser Zeit boomt der Schuppen auf einmal wie noch nie, aber auch hier hält das Glück nicht lange an…

Ein Händchen für Schauspieler hat der gebürtige Hamburger Fatih Akin einfach. Die Mischung macht es, das beweist er auch in „Soul Kitchen“, in dem er namenhafte Darsteller mit aufstrebenden Schauspielern vermischt und so genau die richtige Harmonie erzeugt. In der Hauptrolle sehen wir Adam Bousdoukos, der auch mit Akin zusammen das Drehbuch verfasst hat, der hier gleichzeitig zum ersten Mal in einer tragenden Rolle zu sehen ist. Bousdoukos ist ein Hamburger Original, durch und durch, und lässt das in Verbindung mit seinen griechischen Wurzeln in jeder Szene wunderbar zur Geltung kommen. Bousdoukos ist nicht nur Sympathieträger, sondern auch die perfekte Besetzung für den Pechvogel Zinos. Moritz Bleibtreu sollte inzwischen jedem ein Begriff sein, nicht nur weil er zu den populärsten deutschen Darstellern zählt, der auch schon unter anderem für Spielberg gearbeitet hat, sondern auch weil er einfach einer der besten deutschen im Geschäft ist. Als Illias lässt er genau wie Filmbruder Zinos, den Hamburger Griechen genüsslich raushängen und liefert eine durch und durch überzeugende Performance. Birol Ünel als Shayn Weiss gibt den mehr als exzentrischen Koch und wirft auch mal mit dem Messer durch die Küche, wenn ihm irgendetwas nicht passt. Ünel hat nicht nur Feuer im Hintern, er ist auch ein toller Darsteller, der wie für die Rolle gemacht scheint. Und genau so passend geht das weiter, ob Anna Bederke als Lucia, Wotan Wilke Möhring als Thomas Neumann, Demir Gökgöl als Skorates oder Pheline Roggan als Nadine. Hier stimmt schauspielerisch alles.

Fatih Akin liebt sein Hamburg, das hört man nicht nur bei den Interviews mit dem Regisseur heraus, sondern merkt man „Soul Kitchen“ in jeder Szene an, den Akin zu seiner ganz eigenen Liebeserklärung an die Hansestadt gemacht hat. „Soul Kitchen“ zieht uns in ein unscheinbares, aber ebenso ehrliches Restaurant, mitten in der industriellen Mittelschicht von Hamburg. Hier liegt Teppichboden in der Küche und von einer Dunstabzugshaube hat Zinos noch nie ein Wort gehört. Alte Bekannte wollen ihn vertreiben, sein krimineller Bruder sorgt immer wieder für Probleme, sein Rücken schmerzt wegen des Bandscheibenvorfalls extrem und seine Freundin verzieht sich nach China. Zwischen diesen ganzen Problemen, den Höhen und den Tiefen, inszeniert Akin einen Film über das Leben, den Zufall und die eigenen Pläne, die immer wieder durchkreuzt werden und kann dabei die waschechte Atmosphäre Hamburgs in jedem Moment einfangen. Mit authentischer Energie, entspannender Lockerheit und schrulligem Charme, ist Akin mit Leib und Seele dabei und lässt den Zuschauer das Herz seiner Inszenierung immer schlagen hören. Das Drehbuch ist zwar ab und an löchrig, klischeehaft, überladen und zuweilen auch unglaubwürdig, so das gewisse Handlungen etwas aus dem Rahmen tanzen, aber „Soul Kitchen“ ist einfach ein wunderbarer Heimatfilm und gleichzeitig ein Feel-Good-Movie der liebenswürdigsten und sympathischsten Sorte.

Fazit: Fatih Akin hat sein Können erneut bewiesen und einen herzlichen Heimatfilm der ganz besonderen Sorte inszeniert. Zwischen Essen, Musik und Problemen, wird „Soul Kitchen“ ein sympathischer und einladender Film, voller schrulliger und sympathischer Charaktere, die man einfach mögen muss. Sicher hat „Soul Kitchen“ auch seine unübersehbaren Drehbuchschwächen, doch die weiß Akins Inszenierung immer wieder vergessen zu machen. Ein schöner, lustiger und atmosphärischer Film, den man immer wieder sehen kann.