"Spider-Man 3" (USA 2007) Kritik – Sam Raimis furioser Abschied von der menschlichen Spinne

„Was uns im Leben auch widerfährt, welche Kämpfe wir auch in uns ausfechten, wir haben immer eine Wahl.“

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Fast drei Jahre mussten die Comic-Fans warten, bis sich ihr geliebter Spinnenmann 2007 zum dritten Mal wieder die Kinohallen schwingen durfte und den Zuschauern funkelnde Augen verschaffte. Nachdem ‚Spider-Man‘ und ‚Spider-Man 2‘ locker das Einspielergebnis von über 800 Millionen knacken konnte, war die Messlatte in diesem Fall natürlich wieder mal unglaublich hoch. Doch nicht nur das Geld musste am Ende in den Kassen stimmen, sondern auch die kritischen und verwöhnten Fans sollten das Kino zufrieden und erfüllt verlassen können. Raimi bewies zweimal, wie man das eindrucksvoll schaffen kann und inszenierte vor allem mit ‚Spider-Man 2‘ einen herausragenden Film, der wirklich in jedem Punkt aufging. Würde ‚Spider-Man 3‘ diese Qualität einhalten oder versagt Raimi, wie man es ihm vor Teil 1 voraussagte, auf ganzer Linie? So viel vorweg: ‚Spider-Man 3‘ ist tatsächlich der schwächste Teil der ‚Spider-Man‘-Reihe, aber dennoch in jedem Fall ein guter Film, der das erfolgreiche Ende von Raimis Trilogie bildet.

Peter Parker hat sein schwieriges Doppelleben endlich unter einen Hut bekommen. Auch seine Liebe zu Mary Jane kommt er endlich gestehen und steht ihr näher denn je. Doch die schweren Zeiten lassen natürlich nie lange auf sich warten. Eine unbekannte Substanz nimmt Spider-Man als Wirt und verändert damit auch genauso das Verhalten von Peter. Dazu kommen noch einige andere Probleme. Flint Marko, frisch aus dem Gefängnis entflohen, wird durch einen Unfall mit dem Partikel-Beschleuniger zum Sandman und kann sich vom riesigen Sandmonster bis zum Sandsturm beliebig verwandeln. Harry Osborn hat die versteckte Ausrüstung seines Vaters gefunden und macht nun als neuer Kobold jagt auf Peter. Es kommt für Peter wieder zum alles entscheidenden Kampf gegen sich selbst und gegen seine drei neuen Gegner, denn diese außerirdische Lebensart verlässt Spider-Man bald wieder und überträgt sich auf den Fotografen Eddie Brock, bei dem Peter sich nicht gerade beliebt gemacht hat.

In die Effekte wurde noch mehr Geld gesteckt, dementsprechend kann ‚Spider-Man 3‘ auch mit eindrucksvoller Technik auffahren. Der erste Kampf von Peter gegen den grünen Kobold ist zwar leider wieder zu deutlich als Effekt erkennbar, aber das ist wirklich die Ausnahme. Die weiteren Luftkämpfe oder auch Verwandlungen sind atemberaubend dargestellt. Auch die Szene, in der ein riesiger Kran außer Kontrolle gerät, ist aufregend festgehalten worden. Dazu wieder die fantastische Kameraführung von Bill Pope, die die Sprünge über den Wolkenkratzern und durch die Häuserschluchten wie gewohnt hervorragend aussehen lässt und unzählige tolle Einstellungen zu bieten hat. Leider zerstritten sich Sam Raimi und Danny Elfman vor den Dreharbeiten des Films, so dass Christopher Young nun die Musik komponieren durfte. Youngs Score ist mit Sicherheit nicht schlecht und passt sich der düsteren Grundstimmung des Films genau an, doch Elfmans Soundtrack war einfach emotionaler und facettenreicher. Das geniale Main Theme ist zum Glück geblieben.

Die alten Gesichter sind auch zum dritten Mal wieder vereint. Tobey Maguire gibt Peter Parker/ Spider-Man und spielt den Superhelden mit neuen und altbekannten Problemen wieder sehr stark und kann sich diesmal auch als arroganter Arsch beweisen. Kirsten Dunst verkörpert ihre Mary Jane wieder schön emotional und stellt ihre zweifelnden Gefühle besser denn je dar. James Franco als Harry Osborn/neuer Kobold kriegt endlich die verdiente Zeit zugesprochen und kann seinen interessanten Charakter weiter ausbauen, gut ausspielen und endlich richtig auf den Putz hauen. Auch Rosemary Harris als moralische Stütze Tante May und Schreihals J.K. Simmons als Chefredakteur des Daily Bugle sind wieder mit dabei, ihre Einsatzzeit ist jedoch etwas kleiner als zuvor. Aber auch die neuen Gesichter überzeugen durch die Bank. Thomas Haden Church, der vorher in ‚Sideways‘ eine brillante Leistung zeigte, spielt den Sträfling Flint Marko, der durch einen Missgeschick zum Sandman mutiert. Ein sehr vielschichtiger Charakter, für den es einen guten Darsteller gebraucht hat und das ist Church in jedem Fall. Topher Grace, der für diese Rolle extra die Serie Die wilden Siebziger beiseitelegte, spielt den Fotografen Eddie Brock, der sich ebenfalls noch durch die außerirdische Substanz zu Venom verwandeln wird. Grace kann wieder zeigen was in ihm steckt, wirkt zwar in manchen Momenten etwas unausgeglichen, bringt aber größtenteils eine gute Vorstellung. Zuletzt die hübsche Bryce Dallas Howard als Gwen Stacy und zweite Frau in Peters Leben. Sie ist nicht nur etwas für die Augen, sondern auch eine passende Darstellerin, die das Nötigste aus ihrer Figur holt.

Spider-Man ohne zwischenmenschliche Probleme wäre einfach nicht Spider-Man. Doch dieses Mal ist es so extrem wie noch nie und ein Gefühlschaos sondergleichen bahnt sich an. Peter hat seine Identitäten endlich verknüpft und ist ein wichtiger Teil der Verbrechensbekämpfung geworden. Die Menschen lieben und feiern ihn, er wird zum Ehrenbürger und der Erfolg steigt ihm nach und nach zu Kopf. Er bekommt mehr Selbstvertrauen, wird selbstverliebt und der Stolz auf sich selbst wächst immer weiter. Doch Peter verändert sich durch diese unbekannte Substanz. Sein Anzug färbt sich schwarz, seine Art wird zum arroganten und rücksichtslosen Widerling, der ohne mit der Wimper zu zucken seinen Freunden schaden würde („Oh, unser kleiner Kobold Junior! Heul doch“). Peter entfremdet sich zunehmend, trifft sich mit Gwen und verletzt Mary Jane immer wieder. Harry will Peter nach wie vor töten, ebenso wie der Fotograf und Konkurrent Eddie Brock, den Peter öffentlich demütigte. Und auch Flint Marko will seinen Zorn ausleben, obwohl er in seinem Herzen etwas Gutes plant. Alles führt zusammen und droht in einer großen emotionalen Explosion riesige Krater zu reißen. ‚Spider-Man 3‘ wird zu einem Film zwischen Rachegefühlen, Vergebung und Freundschaft, die am Ende alles überlebt, selbst den Tod.

Was die ‚Spider-Man‘-Filme immer ausgemacht hat, war das sympathische und unglaublich menschliche Auftreten. Das wurde natürlich bewahrt, allerdings geraten die Gefühle vom Zuschauer zu Peter immer wieder ins Wanken, denn durch seine Veränderung zum schmierigen Kotzbrocken, wird er zum klaren Ekelpaket. Wir geraten zwischen die Fronten und alles wird durcheinander gewürfelt. Doch ‚Spider-Man 3‘ kann aus einem ausschlaggebenden Punkt nicht mit seinen Vorgängern mithalten: der Film ist einfach zu vollgepackt mit Nebensträngen und Charakteren. Da wären drei Gegner, zwei Frauen in Peters Leben und Peter selbst, der natürlich unzählige eigene Probleme hat. All das braucht Zeit und eine sorgfältige wie feinfühlige Ausarbeitung. Und diese kommt eben an einigen Ecken und Enden zu kurz. Natürlich sind die Charaktere zu keinem Zeitpunkt oberflächlich oder geraten in Vergessenheit, sie hätten nur einfach mehr Zeit gebraucht um die Tiefe zu erreichen, die sie in ‚Spider-Man 2‘ von Anfang an erlangen konnten. Was jedoch in jedem Fall voll punkten kann sind die brillanten Effekte, ganz besonders hier die Geburtsstunde des Sandmans und der bahnbrechende Endkampf. ‚Spider-Man 3‘ ist wieder herrlich selbstironisch, es kracht spektakulär und unterhält einfach auf höchstem Niveau über die volle Strecke.

Fazit: ‚Spider-Man 3‘ macht Spaß, donnert gewaltig und hält durchweg die Spannung oben. Die starken Darsteller, die hervorragende Kameraarbeit, der schöne Score, die überwältigenden Effekte und Raimis Inszenierung machen ‚Spider-Man 3‘ zum würdigen Trilogie-Abschluss. Zwar ist der Film zu überladen und charakterlich nicht ausgearbeitet genug, doch ‚Spider-Man 3‘ ist und bleibt ein guter Film.

Bewertung: 7/10 Sternen