"Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen" (USA 2012) – Ein Märchen von eifersüchtigen Königinnen und raubenden Zwergen

„It’s not a wrinkle… it’s a crinkle.“

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2005 drehte der „Fear and Loathing in Las Vegas“-Regisseur Terry Gilliam einen sehr speziellen Film über die Gebrüder Grimm. Diese waren in seiner Version weniger Sprachwissenschaftler als abgebrühte Trickbetrüger, die es alsbald mit vielen Figuren der grimmschen Märchenwelt aufnehmen mussten. Zugunsten des Unterhaltungswertes scherte sich Gilliam wenig um die literarischen Vorlagen und kreierte einen unterhaltsamen Märchen-Actioner. Dieses Konzept findet inzwischen reichlich Nachahmer, und so erwarten uns in nächster Zeit einige actionlastige Märchen-Neuerzählungen, die mit ihren Vorlagen kaum noch etwas gemein haben. Neben einer Hexenjagd mit Hänsel und Gretel in „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“, die 2013 schwer bewaffnet die Wälder auf der Suche nach finsteren alten Damen durchstreifen, erwarten uns gleich zwei neue Schneewittchen-Adaptionen. Zum einen „Snow White & The Huntsman“ von Rupert Sanders, der die Zuschauer mit brachialer Gewalt und eindrucksvollen Bilderwelten in die Kinosäle locken will, und zum andern „Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ von Tarsem Singh („The Fall“), der sich hier zum ersten Mal als familienfreundlicher Regisseur versucht. Singh verzichtet diesmal auf die für ihn üblichen bedeutungsschweren Bilderorgien, glücklicherweise muss man sagen, denn so konnte ein Märchen-Abenteuer ohne Anspruch, dafür mit großem Unterhaltungswert entstehen.

Es ist nicht leicht, ein ganzes Königreich zu regieren. Das muss auch die böse Königin (Julia Roberts) feststellen, die durch ihr extravagantes Leben ein ganzes Königreich an den Rand des Bankrotts geführt hat. Um Geld aufzutreiben, beschließt die Königin den reichen Königssohn Andrew Alcott von Valencia (Armie Hammer) zu ehelichen, und dabei scheint es ihr egal, ob dieser nun will oder nicht. Doch die Königin hat ihre Rechnung ohne ihre Stieftochter Schneewittchen (Lily Collins) gemacht, denn statt an der Königin zeigt sich Prinz Alcott eher an der bezaubernden Schneewittchen interessiert, eine Entwicklung, die die Königin gar nicht gutheißen kann. Doch kampflos gibt sich die raffgierige Monarchin sicher nicht geschlagen…

Eigentlich wollen wir doch alle ein bisschen böse sein, oder? Und genau deswegen schlägt unser Herz manchmal doch für den Film-Schurken, obwohl zumeist alle Hoffnung vergebens ist. Wer will denn schon zum x-ten Mal sehen, wie der goldene Recke auf edlem Ross die Prinzessin aus den Fängen des Drachen/bösen Zauberers rettet? Viel mehr Spaß macht es da doch, wenn plötzlich der Antagonist zur Figur des allgemeinen Interesses gemacht wird und man das (in Märchen) vorherbestimmte Scheitern in all seiner Tragik und aus nächster Nähe miterleben kann. Auch „Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ rückt man einen echten Bösewicht ins Rampenlicht: Die böse Königin aus Schneewittchen! Perfekt in Szene gesetzt wird dieses egoistische, skrupellose und hinterhältige Frauenzimmer von einer glänzend aufspielenden Julia Roberts, die hier ihr Good-Girl-Image mal so richtig auf die Schippe nimmt und ganz nebenbei noch ihren langjährigen Kampf gegen den Schönheitswahn in Hollywood augenzwinkernd fortführt. Leider haben sich die Drehbuchautoren Melissa Wallack und Jason Keller („Machine Gun Preacher“) scheinbar nicht getraut diesem herrlich überzeichneten Charakter einen ganzen Film zu widmen und so rückt – wie sollte es auch anders sein – nach und nach immer mehr Schneewittchen in den Vordergrund.

Doch langweilig wird die Geschichte dadurch noch lange nicht. Allein Tarsem Singhs gewohnt brillante Optik und die opulenten Kostüme sind schon das Eintrittsgeld wert. Besonders der Maskenball im Schloss gehört zu den besten Szenen im ganzen Film. Die detailverliebten Tierkostüme versetzen einen in ungläubiges Staunen und sorgen zudem noch für ausgelassene Heiterkeit, denn wann sieht man schon mal einen Adligen mit einer überdimensionierten Spinne auf dem Kopf Walzer tanzen?

Wider erwarten entpuppt sich auch der Schneewittchen-Handlungsstrang als ungemein unterhaltsam. Mit Lily Collins („The Blinde Side“) hat Tarsem Singh rein optisch gesehen einen wahren Glücksgriff gelandet, denn die junge Schauspielerin scheint ihrer literarischen Vorlage wahrlich aus dem Gesicht geschnitten. Das war dann aber auch schon alles, was sie mit der grimmschen Königstochter gemein hat, denn Collins gibt hier ein schlagfertiges und vor allem emanzipiertes Schneewittchen, das auch vor Waffengewalt nicht zurückschreckt. Zwar schafft es die Schauspielerin nicht immer als toughe Schneewittchen-Variante zu überzeugen, doch im romantischen Zusammenspiel mit dem überaus charmanten Armie Hammer („J.Edgar“), der hier den (fast) perfekten Bilderbuchprinzen Andrew Alcott von Valencia abgibt, weiß letztendlich auch Collins zu begeistern.

Die eigentlichen Helden in „Spieglein Spieglein“ sind jedoch ohne Zweifel die sieben Zwerge. Diese haben inzwischen dem Bergbau abgeschworen und versuchen sich nun als Scheinriesen und Wegelagerer und entpuppen sich als wahre Stimmungskanonen. Auch wenn keiner der Zwerge eine wirkliche Persönlichkeit besitzt, verbreitet die Truppe eine so ausgelassene Stimmung, dass man als Zuschauer gerne bei dieser munteren Runde mitmischen würde. Diese Truppe ist so ursympathisch, dass man ihnen gerne noch mehr Leinwandzeit zugestanden hätte. Wer weiß, vielleicht schaffen es die sieben Zwerge in einem eigenen Spin-Off sich endlich aus dem Schatten von Schneewittchen zu lösen, verdient hätten sie es schon lange.

Fazit: Tarsem Singhs Ausflug in die grimmsche Märchenwelt kann durch wunderbar aufgelegte Schauspieler, eine gewohnt großartige Optik und die coolste Zwergentruppe seit den Time Bandits begeistern.

Bewertung: 7/10 Sternen