Kritik: Splice – Das Genexperiment (USA 2009)

„Was sollen wir tun? Sie vor der Welt wegsperren?“

null

Den beiden genialen Chemikern Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley) gelingt im Zuge ihrer Genforschungen das Undenkbare: Die Erschaffung eines geklonten, menschen-ähnlichen Hybrid-Wesens. Eigentlich ein guter Grund zum Feiern, doch Gefahr droht, nicht nur von legaler Seite. Ihr geheimer Schützling entwickelt sich schneller und ganz anders als erwartet

Vincenzo Natalis Familiendrama „Splice“ ist ein Experiment wie viele seiner Filme. Äußerlich auf den Pfaden des Sci-Fi-Kinos wandelnd, kristallisiert sich mit zunehmender Filmdauer eine Vielzahl von Strömungen heraus und ähnlich wie bei David Cronenberg werden diese unterschiedlichen Stimmungen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern sie tragen zum Gesamt-Ton bei. So verwundert es nicht, dass „Splice“ überhaupt gar keinen Bock darauf hat, sich auf sein Genre reduzieren zu lassen.

Adrien Brody und Sarah Polley passen chemisch sehr gut zusammen. Schon auf dem Papier hat Natali den beiden Hauptfiguren eine enormen Überbau an Motivationen, Hintergründen und Ambivalenz aufgeladen. Den beiden Charakterdarstellern wiederum gelingt es spielend leicht ihre Figuren vom Papier zu lösen und zum Leben zu erwecken. „Splice“ funktioniert nur, weil Brody und Polley funktionieren. Anfangs gönnt sich der Film einen wohltuenden ironischen Unterton, garniert mit splattrigen Einlagen und nerdigen Witzen. Erst gegen Ende, verabschiedet sich Natali von allem Schmückenden und lässt nur noch seine Figuren stehen.

Vielleicht leidet „Splice“ unter seiner heftigen Überkonstruiertheit, die nunmal zu einer Versuchsanordnung dazu gehört. Jedenfalls lässt Natali selten eine Möglichkeit zur Dramatisierung ungenutzt. Jede Andeutung wird auch eingelöst. Eine sexuelle Anspielung reicht nicht allein, sie muss eskalieren. Da leistet sich der Film Schwächen, nicht weil er seine Familientragödie bis zum Inzest zu Ende denkt, sondern eher, weil es vorhersehbar bleibt. Eine wirkliche Story-Wendung, die man im Genre erwartet, kann der Film nicht liefern. Selbst den Moment, wenn sich „Splice“ zum waschechten Monsterfilm wandelt, hat der Zuschauer schon erwartet.

Es bleiben ganz andere Qualitäten, z.B. Delphine Chanéac. Sie spielt Dren, das Mischwesen, die hybride Schönheit. Ihr differenziertes Spiel sorgt für komische Gänsehaut. Mit glaubhaften kindlichen Zügen und einer tierischen Erotik bewegt sich Dren immer auf dem schmalen Grat zwischen Monster und Mensch, wobei man garnicht so recht sagen kann, welche ihrer Eigenschaften für was verantwortlich sind. In erster Linie wird klar, dass man das Monströse ebenso im Menschen finden kann, wie umgekehrt. Das trifft vielleicht auf das Elternpaar noch eher zu. Besonders Sarah Polleys Figur geht ganz eigene tragische Wege. Da zeigt der Film sogar größtes Feingefühl und man kann Natali nur dankend die Hand schütteln dafür, dass er das Kindheitstrauma der Mutter nicht an die große Glocke gehängt hat. Hier bleibt es mal bei ein paar Anspielungen, die dadurch noch viel stärker wirken.

Was macht uns zu einem guten Menschen? Unsere Erziehung oder unsere Gene? Ist Drens aufkeimende Aggresivität eine Ausprägung ihrer Gene oder liegt das eher an den repressiven Erziehungsmethoden der Nerd-Eltern? Inwieweit gibt die Mutter die Gewalt weiter? Was haben die sexuellen Spannungen zwischen Vater und Tochter damit zu tun. Stellenweise reift „Splice“ bei diesen Fragen zu wahrer Größe, weil er eben auf gründliche Charaktere setzt, die die teils derbe Handlung zusammenhalten. Die vielen negativen Kritiken kann ich stellenweise sogar nachvollziehen, aber jetzt mal ehrlich, deswegen eine schlechte Bewertung zu geben, da rebellieren meine Gene dann endgültig.

Bewertung: 7/10 Sternen