"Stadt der Gewalt" (HK 2008) Kritik – Jackie Chan kehrt sich selbst den Rücken zu

„Ich will mein Leben nicht im Schatten verbringen.“

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Viele Schauspieler wird man auf immer und ewig mit einem bestimmten Charaktermuster in Verbindung bringen. Wenn man sich da einige Darsteller aus den Genres pickt, dann wären es Namen wie Louis de Funes, den man nur als genialen Grimassenschneider und Choleriker kennt, oder auch Arnold Schwarzenegger, der mit den größten Wummen und stählernsten Muskeln durch die Actionfilme polterte. Einige von diese festgefahrenen Schauspielern, wollen jedoch auch über ihre Standartrollen hinaus überzeugen und nicht immer nur mit der gleichen Figur identifiziert werden und nehmen sich meistens einen ernsten Charakter, oder Charakter-Drama vor, um sich und ihren Stand in der Filmwelt weiterzuentwickeln. Da wären zum Beispiel Jerry Lewis, der in Martin Scorseses ‚The King of Comedy‘ neben De Niro überzeugte, Mickey Rourke in Darren Aronofskys ‚The Wrestler‘, in dem er die Rolle seines Lebens verkörperte, oder auch Jean-Claude van Damme, der in ‚JCVD‘ ebenfalls in eine seriöse Rolle schlüpfte. Ein ganz anderer Schauspieler entsprang 2008 seinen Charakter-Prototypen: Jackie Chan. Der Akrobatik-Hampelmann zeigt im bitterernsten Crime-Drama ‚Stadt der Gewalt‘ von Derek Yee mal so richtig, was er auf dem Kasten hat.

Unzählige Flüchtlinge kommen über das Wasser nach Japan. Unter ihnen auch Tietou, der ebenfalls auf dem Frachter war und an der Küste angeschwommen wurde. Er trifft seinen kleinen Bruder Jie wieder und versucht sich als Schwarzarbeiter über Wasser zu halten. Doch die beiden und viele ihrer Freunde wollen nicht mehr dieses wertlose Leben führen und sich eine Zukunft schaffen, doch mit zunehmender Macht, folgt auch schon bald der schwere Fall…

Regisseur Derek Lee versteht es, ab der ersten Minute eine extrem dichte und düstere Atmosphäre zu erzeugen und diese auch durchgehend auf dem gleichen, hochwertigen Level zu halten. Diese Atmosphäre entsteht vor allem durch die starke Kameraarbeit von Kita Nobayasu, der sowohl die weiten Einstellungen beherrscht, am Anfang gibt es gleich eine fantastische Aufnahme des höchsten Berges von Japan, dem Fuji, als auch die dunklen Farben der Unterwelt. Dazu der vielschichtige Score von Peter Kam, der mit seiner Musik die Tragik unterstreichen kann, Spannung heraufbeschwörenden und mit dem schweren Hämmern das Feeling der Unterwelt genau unterstreicht. Das wahre Highlight in ‚Stadt der Gewalt‘ ist jedoch Jackie Chan, der sich hier als ernstzunehmender Schauspieler beweist und seinen eigenen Mythos gänzlich zerstört. Hier wird nicht gelacht, rumgehüpft und sich zum Affen gemacht. Chan wird zum illegalen Einwanderer Tietou, der noch irgendetwas aus seinem Leben machen will, aber alles dadurch in einen Abgrund reißt. Wir sehen Chan weinen, verzweifeln und beim Sex. Dinge, die wir mit seiner Person nie verbinden konnte und die er trotzdem vollkommen beherrscht und beeindruckend ausspielen kann. Auch dass er keinE Kampfkünste beherrscht, sondern der Gewalt oft einfach ausgeliefert ist und sich dabei wie jeder andere mit Stock oder Faust wirr verteidigen will. Neben Chans toller Performance bleibt vor allem Daniel Wu als Bruder Jie in Erinnerung, der vom ängstlichen Pechvogel zum drogensüchtigen Anführer einer Gang wird und alles völlig aus den Augen verliert. Die weiteren Rollen sind auch mit Naota Takenaka als Inspektor Kitano und Masaya Kato als Eguchi stark besetzt.

Eine Flucht steht nicht immer für Feigheit, sondern kann auch ein Neubeginn bedeutet. Das hofft zumindest der chinesische Farmer Titou, dessen damalige Freundin nach Japan ging, aber niemals zurückkehrte. Titou, ebenfalls in Japan angekommen, muss bei null anfangen, ohne jegliche Aufenthaltsberechtigung oder Papiere. Als er einige ebenfalls geflohene Chinesen trifft, darunter auch ein kleiner Bruder Jie, kann der Neubeginn endlich wirklich in Angriff genommen werden, doch wer groß raus will, muss erstmal klein anfangen. In der Kanalisation oder auf der Mülldeponie arbeiten die Chinesen vorerst, immer mit der Angst im Hinterkopf, von der Polizei entdeckt zu werden. Dazu will Titou auch seine damals verschwundene Freundin endlich wiederfinden, die jetzt jedoch mit einem Unterweltgangster verheiratet ist. Durch diesen Gangster, Eguchi, bekommt Titou jedoch die Chance aufzusteigen, indem er ihm das Leben rettet und für ihn ein paar dreckige Aufträge erledigt, die ihm Macht einbringen, wenn auch natürlich nicht auf dem legalen Wege. Doch auf diesem Weg nach oben, gab es immer wieder Probleme, ob mit Unterweltgangs oder der Yakuza. Eines steht jedenfalls fest: Chinesen sind nicht gerne gesehen in diesem Teil von Tokio. Unter diesen Angriffen litt vor allem Jie, der eigentlich immer nervös und ängstlich auf die krummen Dinger reagierte und nur Kastanien in der Stadt verkaufen wollte, doch es traf ihn immer wieder auf brutalste Weise. Die Zeit vergeht, Titou genießt Respekt, wird angesehen und steht höher denn je, doch das nur mit illegalen Mitteln, die er eigentlich vermeiden wollte, denn dabei verlor er auch seinen Bruder, der sich nun mit Drogen vollkommen aus dem Leben schießt und die Tragödien lassen nicht lange auf sich warten.

„Aus einem Hundemaul wächst kein Elfenbein.“

Von der Story her klingt ‚Stadt der Gewalt‘ wie ein chinesischer ‚Scarface‘-Verschnitt, doch der Film entwickelt sich sofort zu einem eigenständigen Gangster-Drama. Das ‚Scarface‘ hier wenig bis gar nicht in Erinnerung gerufen wird, liegt erstens am Charakter von Hauptfigur Titou, der eigentlich ein gutes Herz hat, doch durch seine dunklen Machenschaften, denen er eigentlich auch aus dem Weg gehen wollte, auf die falsche Seite gerät, ohne es zu bemerken. Er wollte sich, seinen Freunden und den Chinesen in Japan ein Zukunft geben, doch zerstörte damit nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das, von allen anderen. ‚Stadt der Gewalt‘ ist ein pessimistisch-ehrliches Drama, das uns zeigt, wie sich die unausweichliche Brutalität auf das Leben und die Freundschaften wie Familien auswirken kann. Regisseur Lee ging es hier nicht um die Darstellung eines tragischen Einzelschicksals, sondern um das Schicksal einer ganzen Zeitspanne, in der Japan von chinesischen Flüchtlingen förmlich überschwemmt wurde. Jeder hatte einen Traum, jeder wollte Ziele erreichen und es nach oben schaffen, doch die Wahrheit ist das genaue Gegenteil. Die Farben der Großstadt sind verlockend und verführen schnell, doch sie zerbrechen Existenzen noch viel schneller. Korruption, Mord, extreme Gewalt und Geld. Mehr gibt es in dieser Welt nicht und alles explodiert irgendwann in einem Teufelskreis, aus dem es keinen Ausweg gibt und nie geben wird. ‚Stadt der Gewalt‘ spiegelt uns das Bild von Tokios Unterwelt wieder, in der nie geruht wird und ein Aufstieg sofort gleichbedeutend mit dem Abstieg ist. Ein finsterer Untergang, der sich aus gutem Willen und schwerer Schuld zusammenfindet und in seiner falschen Macht eskaliert. Zwar kann Lee die hohe Spannung nicht immer ganz aufrecht halten und dreht sich in manchen, kurzen Momenten im Kreis, ohne den richtigen Schritt zu gehen, doch das Ergebnis seiner Inszenierung ist ein überdeutlich starkes. ‚Stadt der Gewalt‘ bedeutet unrühmliche Selbstfindung und bodenlose, aber umso realistischere Eigenzerstörung.

Fazit: Wenn man das Thema der Macht auf falschem Wege angehen will, dann ist ‚Stadt der Gewalt‘ genau der richtige Film. Hier gibt es keine Schönheit, keine warmen Momente und lockere Lacher. Hier befindet sich alles in der Schwärze und der Ausweglosigkeit, denn einen Fehler kann man nicht mehr ruckgängig machen, egal wie gut man im Herzen auch sein mag. Mit tollen Darstellern, allen voran Jackie Chan, der zeigt, zu welchen Leistungen er in der Lage sein kann, wenn man ihm vertraut und die richtige Rolle gibt, der starken Atmosphäre, der tollen Kameraarbeit und dem passenden Score wird ‚Stadt der Gewalt‘ zu einem Crime- und Charakter-Drama, das zwar seine Schwächen hat, aber trotzdem überaus sehenswert ist.