Kritik: Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht (US 2015)

Star Wars

© The Walt Disney Company Germany GmbH

„As long as there’s light we’ve got a chance“

Das Warten hat ein Ende. Nach über zwei Jahren der Ankündigungen, Spekulationen und Vorfreude startet mit „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ endlich das nächste Kapitel der Sternen-Saga in den deutschen Kinos. Und wenn man sich JJ Abrams‘ („Star Trek Into Darkness“) Liebesbrief an das Franchise so ansieht, könnte man fast meinen, es sei der erste neue Eintrag seit 1983.

Von Anfang an zeigt sich Regisseur Abrams geschichtsbewusst. Vom obligatorischen Opening-Crawl über John Williams‘ Fanfare bis zu der Tatsache, dass selbstverständlich ein Sternenzerstörer ins Bild fliegen muss: Es soll wirklich niemand sagen können, er wusste nicht, dass er sich in einem Star-Wars-Film befindet. Und doch gelingt es dem siebten Eintrag nicht nur im verwehten Nachruhm des Originals zu schwelgen. Zu niemandes Überraschung hat Episode VII einen deutlich hangemachteren Look als die 2000er Trilogie. Man muss den Hut ziehen vor so viel Detailliebe, die Szenen wimmeln nur so vor verspielten Alien- und Droiden-Designs. Auch die Drehorte sind fantastisch gewählt, wobei es sicherlich kein Zufall ist, dass wir uns auf einem Wüsten-, Eis- und Waldplaneten wiederfinden.

Soviel Liebe für die Original-Trilogie da ist, so verzweifelt versucht „Das Erwachen der Macht“ Abstand zwischen sich und die Prequel-Trilogie zu bringen. Wenn das Star-Wars-Franchise eine Familie ist, dann sind Episode I bis III der kauzige Cousin, der auf Facebook YouTube-Videos über „Chemtrails“ teilt und von dem man insgeheim hofft, dass möglicherweise doch kein Blutsverwandter an der Zeugung beteiligt war. Verweise auf Lucas‘ größtenteils verpfuschte Vorgänger-Filme sucht man vergebens, allenfalls C-3POs Hinweis, dass er sich mit Prinzessinnen auskennt könnte dem Zuschauer ein wissendes Lächeln entlocken. Glücklicherweise aber sind Bezüge dieser Art organisch in das Sequel eingewoben und ergeben sich meist aus der Handlung. Auch wenn sich Abrams und Co. den ein oder anderen allzu frappanten Fingerzeig nicht verkneifen können. So fühlt es sich an als wäre eine eher überflüssig wirkende Action-Sequenz an Bord eines Frachtschiffes eher um Han Solos Zeile „I’ve got a bad feeling about this“ herum geschrieben worden als anders herum.

Besonder die erste Stunde von „Das Erwachen der Macht“ weiß zu überzeugen. Selbst Harrison Ford, in den letzten Jahren eher als gelangweilter Grüßaugust von Film-Set zu Film-Set geschlurft, scheint so etwas wie Respekt für seine Arbeit wiedergefunden zu haben. Möglicherweise liegt es an der dankbaren Weise, wie Han Solo das Tempo der Geschichte vorgibt, sobald er die Szenerie betritt. Dabei muss sich der pfiffige Graufuchs nicht nur mit der ungewohnten Vaterrolle für Rey und Finn arrangieren, er ist gleichzeitig der verschmitzte Doyen des Franchises, und Ford dabei zuzusehen macht einfach unheimlich viel Spaß. Willkommen zurück, Harrison, wir haben dich vermisst! Bei aller Nostalgie setzt Episode VII hier einen Charakterbogen fort, der schon von vornherein in der Figur des abgefeimten Schmugglers angelegt zu sein schien. Es liegt in Han Solos Natur vor Konflikten zu fliehen und sich nach Möglichkeit durch Trickserein aus der Affäre zu ziehen. Dies ist ihm nun endlich nicht mehr möglich und es beschert dem Charakter eine neue, nicht gekannte Tiefe, dass er damit umzugehen lernen muss. Ein Verdienst, das man sicher „Toy-Story-3“-Autor Michael Arndt anrechnen kann, von dem der erste Drehbuchentwurf stammt.

Aber auch das Debüt der neuen Charaktere glückt. Tatsächlich liegt hier die andere große Stärke von „Force“. John Boyega („Attack the Block“) ist ein Ursympath mit tadellosem komödiantischen Timing, der Brite brilliert mit einer charmanten Jedermann-Qualität, die ihn zu einer Identifikationsfigur werden lässt und dennoch nicht zu viel über den Charakter festlegt. Man kann nur hoffen, dass er für Episode VIII und IX unterschreibt. Auch Newcomerin Daisy Ripley meistert ihre Aufgabe, die Wandlung ihres Charakters glaubhaft zu machen, bravourös. Oscar Isaac („Inside Llewyn Davis“) seinerseits legt als Piloten-Ass Poe Dameron ungeahnte Leading-Man-Fähigkeiten an den Tag. Auch hier kann man nur auf eine größere Rolle in der Zukunft hoffen, atmet sie doch eindeutig den spitzbübischen Charme eines jungen Han Solo. Mit dem kleinen Ball-Droiden BB-8 (Stimmberater: Bill Hader) wiederum hat das Franchise seinen liebenswertesten Zuwachs seit R2-D2 erhalten.

Wo „Das Erwachen der Macht“ schwächelt, ist die eigentliche Handlung, welche in Sachen Struktur nicht aus dem Schatten seines Vorläufers von 1977 treten kann. Allzu deutlich spiegelt sich Lukes Bogen in Reys Geschichte wieder, zu sehr ist die Starkiller-Basis nur ein Todesstern-Abklatsch (was allerdings auch nicht ganz unkommentiert bleibt). Gerade in der Mitte verliert die Story zudem spürbar an Fahrt und ergeht sich in gespreizter Exposition und bereits erwähnter Action-Sequenz. Auch drei der vier Bösewichte des Films wirken mitunter trocken und eindimensional. „Girls“-Star Adam Driver setzt die Zerrissenheit seines Charakters zwar adäquat um, er vermag es in einer Szene sogar richtig zu glänzen, insgesamt wirkt Kylo Ren aber weniger wie eine Bedrohung als viel mehr wie ein grundlos rebellierender Jugendlicher. Etwas, das sicherlich in den Fortsetzungen zur Entwicklung der Figur beitragen wird, als Zuschauer fremdelt man dennoch mit der weinerlichen Art des Fieslings.

Der Inszenierung merkt man derweil die Achtung vor dem Material an. JJ Abrams begegnet „Star Wars“ mit deutlich mehr Respekt als er es bei „Star Trek“ tat, mit dessen 2009er Generalüberholung er sich eindrucksvoll um den Posten bei Episode VII ins Gespräch brachte. Nicht umsonst wird Abrams in Fan-Kreisen gerne die „Starwarsisierung“ Star Treks vorgeworfen. Allerdings sind die Voraussetzungen gänzlich andere. Während Gene Roddenberrys angestaubte Weltraum-Saga einer dringenden Frischzellenkur bedurfte, sucht man Wackelkamera und Lense Flares in „Das Erwachen der Macht“ größtenteils vergeblich. „Star Trek“ (2009) war ein JJ-Abrams-Streifen im Trek-Universum, Episode VII ist ein „Star-Wars“-Film von JJ Abrams. Und das ist schon gut so, dennoch hätte der Regie etwas mehr Persönlichkeit wohl nicht geschadet.

Fazit: „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ ist ein gelungener Auftakt für die Sequel-Trilogie. Der Boden für Episode VIII und IX ist bereitet. Ist er ein perfekter Film? Nein. Ist er ein perfekter Star-Wars-Film? Nicht ganz, aber dennoch versprüht er mehr das Gefühl eines Neubeginns als man das von einem siebten Teil erwarten dürfte.