"State of Mind" (USA 2003) Kritik – Die Geschichte eines außergewöhnlichen Mörders

„Es gibt zwei Möglichkeiten wie man die Welt sehen kann. Entweder man sieht die Traurigkeit, die hinter den Fassaden der Leute steckt, oder man beschließt, sie nicht an sich ranzulassen. Das Herz kann einem nicht gebrochen werden, wenn man nicht zulässt dass die Welt einen berührt.“

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Und wieder widme ich mich einem Film der wieder einmal völlig an mir vorbeigegangen ist. Wie ich dann trotzdem auf den Film gestoßen bin? Durch seinen Hauptdarsteller, wer könnte es bei mir zurzeit auch anderes sein, Ryan Gosling. Mit dem unscheinbaren Indie-Drama ‚State of Mind‘ von 2003 inszeniert Regisseur Matthey Ryan Hoge einen zwar durchaus hochwertigen aber unaufdringlichen Einblick in das Seelenleben eines Mörders. Und genau das ist auch gleichzeitig der größte Kritikpunkt des Films.

Das ‚State of Mind‘ kein Film mit großen Budget ist merkt man ihm direkt an seinen Bildern an. Diese sind zwar klar, aber mit Sicherheit nicht außergewöhnlich oder gar in irgendeiner Weise besonders. Kameramann James Glennon ist dafür immer am richtigen Platz und liefert undistanzierte Aufnahmen. Der melancholische Soundtrack von Jeremy Enigk passt direkt ins Thema des Films und steuert größtenteils die nötigen Emotionen zur Geschichte bei. Die Atmosphäre des Films will aber trotzdem nicht so richtig umklammern, was aber nur bedingt an der visuellen Klasse des Films liegt.

Schauspielerisch ist ‚State of Mind‘ in jedem Punkt stark besetzt. Mit Ryan Gosling, Don Cheadle, Michelle Williams, Kevin Spacey, Jena Malone und Chris Klein hat man hier viele bekannte und starke Schauspieler gefunden. Am meisten gefördert wird der zum diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannte Ryan Gosling. Er spielt den intelligenten Mörder durchgehend authentisch und glaubwürdig und schafft es, trotz seiner Tat, sympathisch für den Zuschauer zu werden. Don Cheadle als Gefängnislehrer Pearl, der sich aus Leland nur neues Material für sein Buch schlagen möchte, liefert ebenfalls eine überzeugende Leistung ab. Michelle Williams, Jena Malone und Chris Klein kriegen nur wenig Zeit Impulse zu setzen, sind in ihren Szenen aber immer präsent und zeige gute Leistungen. Und zuletzt Kevin Spacey der hier wohl die kleinste Rolle bekommen hat, aber wie von ihm gewohnt auch in sehr kurzen Szenen das Maximum herausholen kann.

‚State of Mind‘ bietet mit Leland einen hochinteressanten und eigenwilligen Charakter. Ein Charakter der den Zuschauer bei der Stange hält und von dem man immer mehr erfahren will. Wieso hat er diese Tat begangen? Was spielt sich wirklich im Kopf dieses Menschen ab? Leland macht zwar den Eindruck etwas anders zu sein, aber dass er von einer Sekunde zur anderen zum Mörder werden kann, der einen behinderten Jungen ohne weiteres mit zwanzig Messerstichen umbringt? Diesen Anschein macht er zu keiner Zeit. Leland wird trotz seiner brutalen Tat zum Anhaltspunkt der Geschichte und für den Zuschauer selbst.

Die Geschichte würde also allein mit der Charakterisierung von Leland genügend Tiefgang und Vielschichtigkeit besitzen. Umso tragischer ist es, dass ‚State of Mind‘ zwar seine Emotionen, eben nur durch Goslings präziser Darstellung, erzeugen kann, bei den anderen Figuren aber sonst durchgehend an der Oberfläche kratzt. Der Film möchte unbedingt aufwühlen und eindringlich sein. Er möchte nicht nur die Tat an sich beleuchten, die Psyche des Täters, nein, er will uns auch die Welt des geistig behinderten Opfers, der leidenden Familie des Opfers, so wie das durcheinandergebrachte Leben von Gefängnislehrer Pearl näher bringen und beleuchten. Das schadet dem Film leider in jeglicher Hinsicht. ‚State of Mind‘ hat das große Problem, dass er die Gefühle der anderen Charaktere, so wie ihre Eigenschaften immer nur anschneiden kann und bleibt somit leider an der äußeren Schale kleben. Wie erwähnt, Leland ist ein durch und durch faszinierenden Charakter, aber das der Film sich nicht nur um Leland kümmern will ist einfach viel zu deutlich erkennbar. Das packt oder berührt den Zuschauer nur selten und es bleibt zu distanziert und kühl, weil der Film in seiner Darstellung ebenfalls viel zu inkonsequent ist. Das führt natürlich auch zu dem Punkt dass die Opfer-Täter-Beschreibung nach und nach immer verdrehter wirkt. Das heißt die Opfer an sich können keine Sympathiepunkte sammeln, während der Täter hier ganz klar hervorgehoben wird und nach und nach fast schon eine Person wird die wir immer mehr verstehen können.

Fazit: ‚State of Mind‘ hätte ein eindringliches, packendes und aufwühlendes Drama sein können, leider verkommt der Film zu einer einseitigen Angelegenheit, die zwar immer noch interessant dargestellt ist, aber so nicht vom Regisseur geplant war. Am Ende bleibt ein Film mit starken Darstellern und spannender Grundthematik, der aber so viel mehr sein könnte und sich viel zu oft aus den Augen verliert. Schade drum.

Und man sollte noch was über Tränen wissen: sie können jemanden, der dich nicht mehr liebt, nicht dazu bringen dich wieder zu lieben.“

Bewertung: 5/10 Sternen