Kritik: Sympathy for Mr. Vengeance (KR 2002)

„Ich dachte ich würde ein ehrliches Leben führen.“

null

Ryu ist taubstumm und seine Schwester braucht dringend eine neue Niere. Er lässt sich mit der Organmafia ein und verliert nicht nur seine Niere, sondern auch das Geld für die Operation seiner Schwester. Aus einem Akt der Verzweiflung entführt er zusammen mit seiner Freundin die Tochter eines reichen Geschäftsmannes.

Nur wenige Regisseure haben die Nullerjahre des neuen Jahrtausends so geprägt wie Chan-wook Park. Die Speerspitze des südkoreanischen Kinos hat spätestens seit seinem Cannes-Erfolg „Oldboy“ Kultstatus. Dabei war dieser Film erst der zweite Teil seiner thematischen Rache-Trilogie. Nach „Oldboy“ folgte die intellektuelle „Kill Bill“-Variation „Sympathy for Lady Vengeance“. Beide Filme sind virtuose Genrekonstruktionen. Ihre Geschichten spielen in abgeschotteten Welten, deren Verbindung zur Wirklichkeit nur zum Fortführen der Handlung gebraucht wird. „Oldboy“ wie auch „Lady Vengeance“ leben in ihren ganz eigenen Welten. Davon unterscheidet sich „Sympathy for Mr. Vengeance“, also der Beginn von Parks Rachetrilogie erheblich, aber nicht nur das. Wo bei „Oldboy“ ein klares Ziel formuliert wird. Der Zuschauer wie auch der Protagonist haben das gleiche Ziel und es ist von vornerein klar, dass der Film mit dem Erreichen dieses Ziels endet. Alles was im Dienste der Handlung steht, konsumiert das Publikum leichter. „Oldboy“ nimmt den Zuschauer an die Hand und führt ihn durch ein Meer aus Blut, was an der Kleidung aber nur zur Hälfte kleben bleibt. Diese narrative Klarheit teilt auch „Lady Vengeance“. Beide Filme erzählen auf makellose Weise ihre Geschichten, absolut fiktiv, aber nicht fern der Wahrheit.

Nun geht es mir gar nicht darum eine bloße Differenzierung vor zu nehmen, doch auffällig ist, dass eben der erste Film der Trilogie, „Mr. Vengeance“, eher verhaltene Reaktionen hervorrief, verständlich bei einem Film, der seinen beiden Nachfolgern kaum ähnelt. Wo bei „Oldboy“ die Musik als emotionaler Katalysator dient, verzichtet Park hier so gut wie auf jede Musik und arbeitet lieber mit harten akustischen Schnitten und Bild-Ton-Scheren. „Oldboy“ war auch die Geschichte einer Nahaufnahme. Kein Gesicht und dessen Wandel können wir besser beobachten als das Oh-Dae Sus. Grundsätzlich sind wir in diesem Film näher an den Figuren, da Park will, dass wir ihnen vertrauen. Bei „Mr. Vengeance“ ist die Nahaufnahme eine Seltenheit. Es regiert die Totale und zwar unnachgiebig. 121 Minuten in denen man glaubt, man könnte die Schnitte an einer Hand abzählen.

Nie kommt Park auf die Idee seine Erzählung zu beschleunigen. Nur in unscheinbaren Momenten springt der Schnitt, wenn es zum Beispiel darum geht, einen Tag zu überbrücken, aber niemals geht es darum das Handeln der Figuren vorweg zunehmen. „Mr. Vengeance“ erzählt seine Geschichte abseits bekannter Konventionen. Bis zum Ende des Films kriegt man noch nicht mal raus, wer hier eigentlich der Protagonist ist und nein, es ist kein Episodenfilm. Dieser Film ist, anders als eben „Oldboy“, ein Gesellschaftsporträt und setzt sich mit realen Problemen unserer Zeit auseinander. Seine Melodramtik ist nicht zeitlos, obwohl die Kernfragen so alt wie die Menschheit selbst sind. Das Rachethema dient nicht hier nicht nur als bloßes Insistieren von Gerechtigkeit. Was ist denn Gerechtigkeit? Das ist wohl eher die Frage. Wie kann in solch einer Welt überhaupt Gerechtigkeit existieren? „Mr. Vengeance“ kommt zu einem rein nihilistischen Schluss. Am Ende, wenn alle Schuldigen tot sind, stellt sich widersprüchlicherweise so etwas wie ein Gefühl von Gerechtigkeit ein. Vielleicht kann sie nur noch so existieren?

Definitv lohnt es sich Parks ersten Rachefilm mehrmals zu sehen, auch wenn das kaum erträglich ist. Keine Einstellung verfehlt in diesem Film hier ihr Ziel und seine distanzierte Erzählung macht die Berge an Leichen und Wannen voll Blut umso unerträglicher. Gewalt hat hier kein Ziel, außer dem eigenen. Als Zuschauer wird man nicht damit befriedigt, dass der oder diejenige für eine „gute“ Sache gestorben ist, genauso wenig sind es einfach nur böse Menschen, die das „Recht“ hätten zu sterben. Wahrscheinlich ist „Sympathy for Mr. Vengeance“ der künstlerisch eindringlichste Film der Trilogie, ein Film den man schwer mögen kann, der dadurch aber umso mehr nachwirkt. Auch ich sehe mir lieber „Oldboy“ nochmal an. „Oldboy“ ist eben das bessere Kino. „Sympathy for Mr. Vengeance“ ist dagegen der bessere Film. Schließlich höre ich sie immer noch, diese Echos der Gewalt und ich kann mir nicht einreden, das hätte nichts mit der Welt zu tun in der ich lebe.

Bewertung: 8/10 Sternen