"Take Shelter" (USA 2011) Kritik – Hier fehlt nicht viel zum Meisterwerk

„You think I’m crazy? Well, listen up, there’s a storm coming like nothing you’ve ever seen, and not a one of you is prepared for it.“

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Die letzten Jahre haben viele Filme hervorgebracht, welche sich mit den Nachwirkungen von 9/11 oder der Finanzkrise beschäftigen. Die meisten davon sind entweder von zu viel US-Pathos geprägt oder werden von Szenen verdorben, welche unsere Tränendrüsen attackieren, anstatt sich mit den wahren Problemen dieser zwei Jahrhundertereignisse auseinanderzusetzen. Erst vor kurzem wollte man uns mit „Extrem laut und unglaublich nah“ einbläuen, dass uns mit aufgesetztem Gefühlskino Aufklärung vermittelt werden kann. Leider weit gefehlt. Nun präsentiert uns Jeff Nichols mit „Take Shelter“ sein erst zweites Werk in Spielfilmlänge und verpasst dem Zuschauer einen unerbittlichen Schlag in die Magengrube. Dabei lässt er die Vergangenheit ruhen und setzt sich stattdessen mit der ungewissen Zukunft eines Individuums, welches für die Allgemeinheit steht, auseinander.

Curtis LaForche (Michael Shannon) hat alles, was er sich gewünscht hat. Er führt ein erfülltes Leben mit seiner Frau Samantha (Jessica Chastain) und seiner Tochter Hannah. Er hat ein geregeltes Einkommen, ein eigenes Haus und einen Freund, mit dem er über vieles sprechen kann. Das einzige, was er noch in den Griff bekommen muss, ist sich mit seiner taubstummen Tochter zu verständigen. Dafür besucht er regelmäßig Seminare. Von einem Tag auf den anderen wird er allerdings von Albträumen gequält, die sich dermaßen realistisch anfühlen, so dass er sogar eines Tages in seinem durchnässten Bett aufwacht. Vor seiner Frau verheimlicht er diese Träume, in der Hoffnung, sie mögen bald wieder verschwinden. Das ist leider nicht der Fall und irgendwann glaubt er, dass seine Träume eine Botschaft enthalten. Er beginnt einen aufkommenden Sturm wahrzunehmen.

Der Sturm steht an dieser Stelle für vieles. Ängste, Ungewissheit, Tod, Verzweiflung, es ist eine Metapher für die eine Sache, welche unsere moderne Gesellschaft fürchtet: Unser geordnetes Leben könnte sich eines Tages ohne Vorwarnung in ein Chaos verwandeln. Erkennt man erst einmal die sozialkritischen Einflüsse in „Take Shelter“, so versteht man Curtis scheinbare Krankheit, die vielleicht doch keine ist, sondern nur ein Sinnbild für die Ängste in jedem von uns. Ob Curtis unter eine psychischen Krankheit leidet oder seine Vorahnungen berechtigt sind, wird glücklicherweise trotzdem offen gelassen und so ergibt sich viel Interpretationsspielraum, in dem der Zuschauer Emotionen entwickeln und über das Gesehene nachdenken kann. Was ist, wenn unsere schlechten Träume zur Realität werden? Bauen wir dann auch einen Luftschutzkeller wie Curtis? Wahrscheinlich nicht, aber wir werden auch versuchen, Zuflucht vor der unbekannten Gefahr zu finden.

Sehr schön verdeutlicht der Film auch die Bedeutung von Familienzugehörigkeit und Freundschaft und wie wichtig es ist, eine soziale Absicherung zu besitzen. Ja, der Film spielt dabei hier und da mit Klischees, aber die grausamen Bilder, mit Hilfe dessen Jeff Nichols diese Thematik präsentiert, machen den Film zu einem Horrorerlebnis. Finsternis, Monster, Albträume, Tornados, jeder Mensch hat andere Ängste und die werden nicht nur mit der grandiosen Kameraarbeit verdeutlicht, sondern vor allem durch Michael Shannons nuanciertes und vielseitiges Schauspiel, welches unfassbar authentisch daherkommt und jedem Zuschauer ein anderes Gefühl und andere Blickwinkel eröffnen dürfte. Auch die Dialoge sind ganz große Klasse und machen die ganze Situation noch realistischer. Der Soundtrack und die Chemie zwischen Shannon und Chastain verpassen dem Film letztendlich den letzten Feinschliff und machen aus „Take Shelter“ ein Kunstwerk der Emotionen, welches ultra-depressiv ist, jedoch auch immer wieder Optimismus aufleuchten lässt. Man muss nur danach suchen.

Fazit: Jeff Nichols fordert sein Publikum, vor allem aufgrund der sehr trägen Erzählweise, welche die Authentizität zwar unterstützt, aber teils doch zu übertrieben langatmig ist. Weniger wäre hier mehr gewesen. Trotzdem, der Film ist ehrlich und spielt dermaßen gekonnt mit den tiefsten Ängsten der Gesellschaft, so dass einem immer wieder der Atem stockt. Allerdings habt ihr bis dahin noch nicht das Ende gesehen und dieses Finale setzt dem zuvor Gesehenen die Krone auf. Das ist die Arbeit eines zukünftigen Meisters.