Kritik: Tango Libre (BE, FR, LU 2012)

Autor: Conrad Mildner

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„Du liebst nicht. Du tust nur weh.“

Tanzen ist ein Grundbedürfnis; Bewegung sowieso, aber wie das Träumen ist das Tanzen eine Tätigkeit, die keinen außerordentlichen Sinn verfolgt oder gar überlebenswichtig ist. Sie existiert um ihrer selbst willen; als Ausdruck von innen nach außen. So die Einzel-Theorie, aber im Tanz zweier Menschen treten andere Kräfte an die Oberfläche. Was beim heute üblichen Für-Sich-Rumzappeln im Club ein wahlloses Schleudern eigener Kräfte in den Äther ist, das ist beim Tanz zu zweit eine völlige Ausgrenzung der Außenwelt und die Entstehung einer körperlichen sowie geistigen Verbindung zwischen den Tanzenden; eine non-verbale und primitiv-reine Form der Kommunikation.

Frédéric Fonteynes neuer Film „Tango Libre“ widmet sich dem Titel entsprechend dem körperlich engsten aller Paartänze, dessen Image immer wieder mit Liebe, Sex und Leidenschaft assoziiert wird, was die Filmgeschichte auch schon oft heißblütig für sich genutzt hat. Nicht nur in den typischen Musicals des Hays-Code-Hollywoods wurden Tänze als Substitute „anstößiger“ Handlungen genutzt. Auch in üblichen Spielfilmen haben Tänze eine große symbolische Kraft. So wurde eine Sexszene in Ingmar Bergmans Komödie „Ach diese Frauen“ mithilfe einer Tango-Traumsequenz codiert. Zuletzt zeigten Bradley Cooper und Jennifer Lawrence eindrucksvoll ihre ganze Beziehungsgeschichte innerhalb der finalen Tanzszene in „Silver Linings“. Fonteyne nutzt die Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes ebenso auf eine einnehmende, aber auch sehr dynamische Art und Weise.

Alice (Anne Paulicevich) besucht einen Tangokurs, wo sie Jean-Christophe (Francois Damiens) begegnet, der zufällig in dem Gefängnis als Wärter arbeitet, wo Alices Ehemann (Sergi López) und ihr Geliebter (Jan Hammenecker) auf deren Freilassung warten. Der einsame Jean-Christophe fühlt sich zu der leidenschaftlichen, alleinerziehenden Mutter hingezogen. Alice ist zwischen allen drei Männern hin- und hergerissen. Weil ihr Mann befürchtet sie zu verlieren, fängt er an sich von seinen argentinischen Mitgefangenen Tango lehren zu lassen.

Hauptdarstellerin Anne Paulicevich hat zusammen mit Philippe Blasband das Drehbuch geschrieben und konnte sich so die perfekte Rolle auf den Leib schreiben. So verwundert es nicht, dass alle Konflikte und Spannungsbögen ihre Figur treffen und gerade daran mangelt es „Tango Libre“ definitiv nicht. Neben der ménage à quatre macht auch Alices pubertierender Sohn erhebliche Probleme. Parallel dazu versucht der Film noch den seelischen Verfall Alices Geliebten Dominic zu erzählen, dessen nicht enden wollende Haftstrafe ihn zu radikalen Mitteln greifen lässt. Das Drehbuch quillt förmlich über mit Geschichten, die Fonteyne auf souveräne Weise zu verknüpfen versteht. Dennoch blieb der Regie oft nichts anderes übrig als hastig von Handlung zu Handlung zu springen, was sich ganz besonders bei der Figur des Jean-Christoph negativ bemerkbar macht. Am Anfang nimmt sich Fonteyne noch viel Zeit seine Lebenswelt zu zeichnen, verliert ihn aber dann zwischenzeitlich so vehement aus den Augen, dass sein Auftreten in vielen späteren Szenen der anderen Charaktere fast fremdartig wirkt. Er ist zwar da, aber der Film kann ihn nur noch streifen. So erklärt sich auch die holzschnittartige Symbolik in Jean-Christophes Wohnung, die natürlich so gruselig leergefegt ist, dass sogar ein toter Goldfisch im Aquarium schwimmt; eine ziemlich vordergründige Metapher für das Leben des Protagonisten.

Von den vielen Baustellen, die Fonteyne beackert, ist Sergi Lopezs Tanzunterricht im Gefängnis die spannendste, da sie nicht nur titelgebend, sondern auch auf herrlich subversive Weise den enormen Berg an Gefängnis- und Männerklischees unterläuft, die das Kino so über die Jahre gehegt und gepflegt hat. Nicht nur verbindet den Ehemann Fernand mit seinem besten Freund Dominic, Alices Geliebten und eigentlichem Rivalen, eine sehr vielschichtige Beziehung, die von der Schuldfrage des abzusitzenden Verbrechens bis zur existenziellen Frage reicht, ob mein Leben in dieser Verfassung überhaupt noch lebenswert ist. Fernand beantwortet diese Frage mit Tangostunden. Dominic kann ihr nur mit Gewalt entgegnen. Als Fernand ihn mal zum Tanzen bewegen kann, bekommt Dominic eine Erektion, die Fernand mit einem freundschaftlichen Lachen quittiert, aber ihn nicht dazu rührt loszulassen. Dominic ist diese körperliche Nähe zu lange genommen worden. Sie erregt ihn, egal ob Mann oder Frau. López und Hammenecker sind überragende Schauspieler. Obwohl ihre Rollen typisch raubeinige Ganoven sind, schaffen es die Schauspieler und die Regie sich in dieser Szene dort hinzubewegen wo Männer selten im Kino gezeigt werden; sehnsüchtig nach körperlicher Nähe jenseits allem Sexismus.

Schade, dass „Tango Libre“ dieses Feld wieder frühzeitig räumen muss, um seine vielen anderen Konflikte zu bedienen und leider schafft es die Tragikomödie auch nicht bei jedem seiner kleinen Geschichten den richtigen Ton zu treffen. Ganz besonders die Rebellion von Alices Sohn strapaziert die Nerven des Publikums enorm, da Fonteyne nichts besseres eingefallen ist als das Klischee des aufbegehrenden Teenies bis zur melodramatischen Spitze, inklusive eines gefundenen Revolvers, auszureizen. Dabei ist „Tango Libre“ sonst von einem sehr charakterzentrischen, oft komischen, aber auch sehr nachdenklichen Blick geprägt. Die Pistolen-Nummer aus der Daily-Soap-Mottenkiste passt leider gar nicht dazu. Am Ende wird dennoch alles gut, so wie in jeder Komödie üblich, aber dafür würzt Fonteyne es mit einer gehörigen Portion Offenheit. Die meisten Filme würden nämlich erst da beginnen. Zum Glück ist „Tango Libre“ in vielen Momenten nicht wie die meisten Filme.