"The Act of Killing" (DK/GB/NO 2012) Kritik – Eine Expedition ins dunkle Herz der Menschlichkeit

Autor: Pascal Reis

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„I believe even God has secrets.“

Ein Straftat jeder Art beginnt immer mit einer akzidentiellen Variation der folgenschweren Entwendung: Ob es der konkrete Diebstahl ist, der Eigentumsdelikt, in dem das Hab und Gut einer Person gezielt geraubt wird, der unsittliche Voyeurismus, in dem die Privatsphäre eines Menschen miss- und verachtet wird und natürlich der Extremfall Mord, in dem das Leben, alles, was ein Individuum von Grund auf besitzen durfte, zerschlagen und beendet wird. Und hierbei spielt es keine Rolle, von welchen Seiten ein solch radikales Verbrechen legitimiert ab, ob aus politischer, religiöser oder emotionaler Sicht, egal wie affektiert und nachvollziehbar dieser Schritt aus dem menschlichen Blickwinkel auch gewesen sein mag, ein Mord bleibt immer ein Mord und scheitert damit ausnahmslos an der moralischer Instanz unseres Seins. Das Gewissen fungiert als letzte pressive Bastion; nur was passiert, wenn man die innerseelischen Reflexion über Jahrzehnte vollständig verdrängt und torpediert hat?

Joshua Oppenheimer fühlt dieser mehr als komplexen Frage in seiner Dokumentation „The Act of Killing“ auf den Zahn. Im Mittelpunkt steht Anwar Congo, ein in die Jahre gekommener Indonesier, und doch scheint er unverständlicherweise nicht vom Leben gezeichnet. Warum unverständlich? Congo gehörte zur Zeit der politischen Transitionen im Jahre 1965 zur Todesschwadron, die, unter dem Kommando von General Suharto, unzählige (Die Schätzungen gehen bis in den 3-Millionen-Bereich) Kommunisten, Bevölkerungsgruppierungen mit chinesischen Wurzeln und Intellektuelle bestialisch töteten. Congo und seine Freunde selbst haben tausende Menschenleben auf dem Gewissen, wurden für ihre Taten aber nie zur Rechenschaft gezogen, ganz im Gegenteil: Sie werden von weiten Gesellschaftsteilen frenetisch gefeiert, dürfen in Fernsehsendungen mit ihren Methoden prahlen und manipulieren die Jugend dahingehend, die antikommunistische Ideologie aufrechtzuerhalten.

Werner Herzog hat es in seiner Dokumentation „Tod in Texas“ zu Anfang bereits exakt auf den Punkt gebracht: Eine effektive Dokumentation kann nur dann wirksame Wellen in der (Film-)Welt schlagen, wenn sie die Objektivität nie aus den Augen verliert: „Ich muss Sie nicht mögen, doch ich respektiere Sie als Mensch“, sagt Herzog einem jungen Mann, der im Todestrakt auf seine Hinrichtung wartet. Kein Wunder, dass die deutsche Arthouse-Legende bei der Premiere von „The Act of Killing“ in wahre Jubelströme ausgebrochen ist, hat Oppenheimer dieser elementare Konzept doch in brillanter Form verinnerlicht. Es geht in „The Act of Killing“ zu keiner Sekunde darum, über die fokussierten Massenmörder subjektiv zu urteilen und sie dadurch in irgendeiner Art abzustrafen. Oppenheimer begleitet intensiv Schritt für Schritt, wahrt aber die Distanz zu den Beteiligten, um es ihnen – insbesondere Congo – zu ermöglichen, selbst in die eigene Seele zu blicken und all die verdrängten Reminiszenzen der schwarzen Tage zu rekapitulieren.

Und diesen bedrückende Tauchgang in die seelischen Untiefen erzeugt Oppenheimer dadurch, indem er den einstigen Tätern ermöglicht, ihre Verbrechen noch einmal aufzuführen und filmen zu lassen und sie so durchgehend mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, in dem sie die Perspektiven wechseln. Es sind keine reißerischer Taschenspielertricks, mit denen Oppenheimer hier versucht sein Publikum erschüttern, es ist ein psychologischer Prozess den Oppenheimer hier anvisierte und – das darf an dieser Stelle durchaus erwähnt werden – mehr als erfolgreich festhält. Und genau darum geht es in „The Act of Killing“: Um die Dokumentation von einem bedeutsamen Prozess und die daran geknüpften Folgen, die Konsequenzen, natürlich gänzlich ohne irgendwelche banalen Weltverbesserermentlitäten im Schlepptau. Dabei erscheinen die Dreharbeit in dieser grenzenlosen Vehemenz so grotesk, überzogen und surreal, dass sie die Verblendung und fehlende Selbstreflexion der Mörder nur noch deutlicher ausbreiten.

Wenn Congo mit Sonnenbrille und Lederjacke über das Set schreitet und man meint, er könnte geradewegs einem Johnnie To-Film entsprungen sein, dann ist das keine inszenatorische Stilisierung. Congo fühlt sich wirklich wie ein Star, wie ein Gangsterboss, von dem die Welt sich zu fürchten hat. Tatsächlich ist die Angst vor den ehemaligen paramilitärischen Anhängern immer noch so tief verankert in der Gesellschaft, dass sie sich nach wie vor mehr erlauben können, als ihr eigentlicher Wert entspricht. Und wenn Congo und seine Freunde in ihrer verzogenen Selbstgefälligkeit über die Tötungen schwärmen und sich selber zu Volkshelden erklären, dann schleicht sich der Eindruck ein, man würde direkt in die diabolische Fratze des Bösen starren, so gewissenlos und ohne jedes Schuldbewusstsein, wie hier über einen der grausamsten Genozide geplaudert und gejubelt wird. Bis schließlich doch der letzte, vernarbte Funke an Menschlichkeit aufkocht, den Zuschauer aber niemals um den Finger wickeln möchte. „The Act of Killing“ bleibt seinem Abstand fortwährend treu und dringt dadurch umso massiver ins Mark, wie er sich auch in das Gedächtnis brennt. Ein regungsloser Kinosaal ist hier garantiert.

„We shoved wood in their anus until they died. We crushed their necks with wood. We hung them. We strangled them with wire. We cut off their heads. We ran them over with cars. We were allowed to do it. And the proof is, we murdered people and were never punished. The people we killed…There’s nothing to be done about it. They have to accept it.“