"The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro" (US 2014) Kritik – Am seidenen Geduldsfaden

Autor: Jan Görner

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„Let’s go catch a spider.“

Johnny Marr und Pharrell Williams. Was haben der oscarnominierte Erfolgsproduzent („Happy“ aus dem „Ich, einfach unverbesserlich 2“-Soundtrack) und die Indie-Ikone (seines Zeichens Gitarrist der legendären The Smiths) gemeinsam? Da dies nicht PopgeschichteForever ist, nehme ich es mal vorweg: nicht viel. Außer dass beide mit Hans Zimmer (u.a.) am Soundtrack von „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ gearbeitet haben. Und das ist schon ein sehr schönes Sinnbild für das Superhelden-Sequel. Denn der ehemalige Musikvideoregisseur Mark Webb („(500) Days of Summer“) spannt den Nachfolger des Franchise-Reboots zwischen zwei ebenso unterschiedliche Pole: Er ist zum einen der wohl beste Spider-Man-Film, den wir je hatten. Aber er ist gleichzeitig auch unsäglicher Klumpatsch. Aber der Reihe nach.

Wir treffen Peter Parker alias Spider-Man (Andrew Garfield) nicht lange nach den Ereignissen des ersten Teils. Noch immer plagt ihn die Schuld, die er für den Tod des Polizeichefs George Stacy, Vater seiner Jugendliebe Gwen (Emma Stone) verspürt. Zum einen fühlt sich Peter dem Versprechen verpflichtet, dass er Gwen nie in Gefahr bringen würde, zum anderen sieht diese eben aus wie Emma Stone. Peters Jugendfreund Harry Osborne (Dane DeHaan) indes hat ganz andere Probleme. Sein entfremdeter Vater (in einem besseren Cameo: Chris Cooper) vermacht ihm auf seinem Sterbebett nicht nur das 500 Milliarden Dollar schwere Familienunternehmen OsCorb, er eröffnet dem Junior auch, dass dieser bald an der selben schmerzhaften Krankheit sterben wird wie sein alter Herr (eine mysteriöse Krankheit, die offenbar einen Sinn für Dramaturgie hat, denn sie bricht nur Minuten nach dieser Konversation aus und die zudem genetisch UND durch einen Retrovirus verursacht ist), wenn er nicht schleunigst ein Gegenmittel findet.

Nachdem Spider-Man den unauffälligen OsCorb-Mitarbeiter Max Dillon (Jamie Foxx) während einer Auseinandersetzung mit dem Mafiakiller Aleksei Sytsevich (Paul Giamatti) vor dem sicheren Tod bewahrt, ist dieser völlig in den Wandkrabbler vernarrt („That’s what they should call you: The Amazing Spider-Man!“). Als sich der bescheidene Fußabtreter nach einem bizarren Arbeitsunfall in Electro verwandelt, glaubt er, endlich von der Welt wahrgenommen zu werden, aber diese begegnet seiner Begabung elektromagnetische Felder manipulieren zu können mit Angst. Verraten schwört Max Rache. Währenddessen muss Peter Parker nicht nur das Geheimnis um das Verschwinden seiner Eltern lüften, sondern auch die angeschlagene Beziehung zu seiner Tanta May (Sally Fields) kitten.

Die Besprechungen zu Sam Raimis Abschluss der „Spider-Man“-Trilogie (2006) fielen durchwachsen aus. Relativ einig waren sich die Kritiker, dass der Streifen seinen drei Bösewichten nicht gerecht wurde. In „The Amazing Spider-Man 2“ versucht Mark Webb nun acht Jahre später ebenfalls drei Gegenspieler und einen Wildwuchs an Nebensträngen in den Griff zu kriegen. Dass es Nachfolger Webb trotz einer Laufzeit von 142 Minuten nicht gelingt all diese Bälle in der Luft zu halten, ist fast zwangsläufig. Und dabei ist dem Vernehmen nach ein ganzer Handlungsbogen um Mary Jane Watson („Divergent“-Star Shailene Woodley) der Schere zum Opfer gefallen.

Die Story von „The Amazing Spider-Man 2“ ist leider viel zu überladen, um beispielsweise die Motivation Electros nachvollziehbarer zu machen. An die Tragik eines Alfred Molina als Doc Ock in „Spider-Man 2“ reichen weder Foxx noch seine Figur je heran. Warum der deutsche Verleih unbedingt Electros „Rise“ im Titel haben musste, erschließt sich angesichts des Doctor-Manhatten-Lookalikes irgendwie nicht. Als „The Amazing Spider-Man“ 2012 anlief, stand das Reboot unter dem Druck der übermächtigen Konkurrenz von „The Dark Knight Rises“ und „Marvel’s The Avengers“. Und obwohl sich der Neustart als finanzieller Erfolg herausstellte, ist Webbs Spidey noch nicht aus dem langen Schatten von Marvels Mega-Hit getreten. Denn auch bei Sony hat man von den „Avengers“ eines gelernt: World Building ist das Gesetz der Stunde. „The Amazing Spider-Man 2“ hat viel zu sehr damit zu tun, Spin-Offs und Sequels in die Wege zu leiten, als sich wirklich um sich selbst zu kümmern. „Sinister Six“, ein Film über das gleichnamige Superbösewicht-Ensemble steht bereits in den Startlöchern. Man nimmt halt, was man kriegen kann.

Die Besonderheit der Spider-Man-Figur war stets, dass der Mann hinter der Maske mindestens so wichtig war wie sein Alter Ego. Aus den Beziehungen zu seiner Umgebung ergibt sich die Fallhöhe des Helden, denn er ist nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für die Menschen um ihn herum. So bemüht sich „The Amazing Spider-Man 2“ auch redlich darum uns die komplizierte Beziehung zwischen Gwen und Peter näher zu bringen. Immer wieder hält der Film den Atem an, um den Zuschauer zu erinnern, wie wichtig dieser Punkt doch ist. Webb ergeht sich derart in der Intimität zwischen Gwen und Peter, dass sich der Zuschauer schon mal wie das fünfte Rad am Wagen vorkommt. Als würden wir einem Rendez-vous beiwohnen, bei dem beide Seiten unbedingt wollen, dass es funkt, aber einfach nichts passiert. Ob zwischen zwei Schauspielern Chemie besteht oder nicht, ist eine ganz persönliche Frage, für mich fremdelten Stone und Garfield spürbar miteinander. Besonders Garfields Interpretation der Rolle, die offenbar locker und naturalistisch wirken soll, kommt mehr daher wie einer dieser Schaumschläger, die wir sicher noch alle aus der Schule kennen. Der, der immer betont cool und unbeteiligt wirken wollte und doch stets darauf bedacht war, wie er auf andere wirkte. In einem Satz: Andrew Garfield und seine Darstellung des Peter Parker sind meiner Auffassung nach die großen Schwachstellen von „The Amazing Spider-Man 2“. Mir jedenfalls war jederzeit bewusst, dass ich da jemanden schauspielern sehe und das ist nie ein gutes Zeichen.

Das Gut an „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ sind beispielsweise die Szenen, in denen der Titelheld tatsächlich mal etwas zu tun bekommt. Um den Zuschauer auf ca. 40 Minuten Teenager-Schmachtstück einzustimmen, werden wir prophylaktisch mit zwei Action-Sequenzen entschädigt, die sich gewaschen haben. Die erste entstammt recht eindeutig den geschnittenen Szenen des ersten Teils und lässt uns erfahren, wie es Peters Eltern nach ihrer überstürzten Flucht erging. Die zweite direkt im Anschluss zeigt, wie sich Spider-Man in seine Aufgabe als Superheld eingelebt hat. Rasant inszeniert und mit einigen flotten Sprüchen garniert stimmt Webb seine Publikum auf eine Comic-Adaption ein, die endlich wieder Spaß machen darf und die keinen grübelnden Helden um seiner selbst willen hat, dem die Last seiner Verantwortung zu viel wird. Auch wenn sich diese Hoffnung als Etikettenschwindel herausstellen muss, sind die Parts des Streifens, die tatsächlich einem Spider-Man-Comic entnommen wirken, zum Teil grandios. Webb gelingt es dabei nicht nur diese Sequenzen übersichtlich zu inszenieren, sondern auch guten Gebrauch vom 3D-Effekt zu machen. Erstmals habe ich ein Gefühl dafür bekommen, wie Spider-Man Gefahrensituationen wahrnimmt und wie sein sechster Sinn funktioniert. Doch diese Szenen allein reichen nicht für einen guten Film.

Fazit: Versteht mich nicht falsch: Die Action in „The Amazing Spider-Man 2“ begeistert, doch ich möchte in einer Superhelden-Verfilmung zusätzlich auch konsequent durchdachte Charaktere sehen. Die Action-Sequenzen sind ausgezeichnet, vielleicht sogar die besten aller bisherigen Spider-Man-Verfilmungen, aber das macht nur umso deutlicher wie viel Schlagseite Webbs Zweitling in dieser Hinsicht doch hat. Es sind eben die charakterbildenden Parts, die nicht funktionieren wollen. Dies ist dem geschwätzigen, alles bis ins kleinste Detail erklärenden Drehbuch (erinnert im negativen Sinne auch an Webbs geistlosen Kitsch aus „(500) Days of Summer“), an dem unter anderem die „Star Trek Into Darkness“-Autoren Kurtzman und Orci mitgearbeitet haben, ebenso geschuldet wie der meiner Meinung nach enttäuschenden Performance von Andrew Garfield. Der Mann war noch nie ein guter Schauspieler und wird es so schnell wohl auch nicht werden.