Kritik: The Amazing Spider-Man (USA 2012)

„Es heißt es gibt eine neue Spezies in New York.“

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Peter Parker (Andrew Garfield) ist überdurschnittlich intelligent und für seine Mitschüler dennoch meistens unsichtbar. Er lebt seit er ein kleines Kind war bei seinem Onkel und seiner Tante. Seine Eltern haben ihn unter mysteriösen Gründen damals da gelassen. Als er im Keller eine alte Tasche findet, kommt er den Forschungen seines Vaters auf die Spur und sucht dessen alten Partner Dr. Connors (Rhys Ifans) auf. In seinen Laboren wird Peter von einer Spinne gebissen und entwickelt übermenschliche Fähigkeiten.

Eigentlich möchte man diesen „Spider-Man“-Film nicht mögen. Seit Ankündigung des Neustarts bzw. der Weiterführung des Franchises herrscht ein gewisser Unmut. Der Rebootism in Hollywood ließ sich auch nicht durch originelle Produktionen wie „Inception“ drosseln. Viel eher hat man das Gefühl, es ist alles noch viel schlimmer geworden. In den letzten Jahren hat eine Vielzahl an Remakes die Gemüter des Publikums irritiert. Zuletzt war es wohl David Finchers „Verblendung“. Wozu das ganze? Das fragt man sich leicht und die Antwort ist leider genauso naheliegend wie banal. Es geht um Geld. Dass hinter einem solchen Projekt immer noch Filmemacher stehen, bestenfalls Filmemacher, die einen gewissen künstlerischen Anspruch verfolgen, darf man dabei natürlich auch nicht vergessen. Letztendlich lautet wahrscheinlich eine Erkenntnis im Bezug auf solche „verfrühten“ Neuverfilmungen, dass der Film gefallen könnte, nicht nur wenn er gut ist, sondern wenn man die zugrundeliegenden Filme nicht gesehen hat.

Ich persönlich habe nichts gegen Remakes, grundsätzlich, aber ich kann die Kritik verstehen. Bestenfalls sind diese Filme wirkliche Neuinterpretationen, Filme, die eine andere Sicht wählen, abseits der wünschenswerten Motivation das Vorhandene wenigstens zu übertreffen. Ein beliebtes Beispiel dafür bleibt natürlich David Cronenbergs Meisterwerk „Die Fliege“, der nur noch schemenhaft dem Original ähnelte. Wahrscheinlich liegt die einzige Möglichkeit eines guten Remakes darin, möglichst vom Vorgänger Abstand zu nehmen, auch wenn das ein Dogma ist, aber nur solche Ansätze zeigen Erfolg.

Marc Webb bekam nach seinem Indy-Hit „(500) Days of Summer“ die schwere Aufgabe eben dies zu leisten, dabei würde man nie auf die Idee kommen, dass sich Webb mit seinem Debüt für eine Produktion dieser Größe empfohlen hätte. Seine RomCom mit Joseph-Gordon Levitt und Zooey Deschanel in den Hauptrollen war aber so erfolgreich, dass sie Webb einige Anhänger bescherte und wahrscheinlich zielte Sony gerade darauf ab. Webb ist eben nicht Raimi und schon gar nicht Singer oder wie irgendein anderes beschriebenes Blatt unter den Blockbuster-Regisseuren. Die Produzenten gingen ein Wagnis ein und wurde auch belohnt. „The Amazing Spider-Man“ ist ein guter Film geworden, obwohl die erwarteten Änderungen nicht so gravierend ausfallen. Sam, Raimis Trilogie fühlte sich zwar visuell der Vorlage verpflichtet, erzählte seine Geschichte aber anders als im Comic. Die neue Sicht, die ich ansprach und die jedes Remake nötig hat, ist hier eine alte, denn im neuen Film wird sich sehr viel stärker an das Comic gehalten, was zwar die Nerds befriedigen, dem gewöhnlichen Zuschauer aber nur ein Schulterzucken abringen wird.

Ok, Spiderman produziert die Spinnenfäden nun nicht mehr in seinem Körper selbst, sondern er nutzt dafür Apparaturen an seinen Handgelenken. Wenn der Film dieses neue Element wenigstens dazu nutzen würde um Spannung zu erzeugen, z.B. wenn ihm die Munition ausgeht, aber das geschieht nicht. Es bleibt ein Nerd-Pleaser. Dafür gibt es andere Änderungen, die dem Film gut tun. Mary Jane gibt es noch nicht. Peter Parkers erste Liebe heißt hier Gwen Stacey, was zu einigen Veränderungen zwischen den Figuren führt, wodurch die Handlung zum Glück nicht so vorhersehbar wird. Der Film gibt sich zwar Mühe mit Peters Vergangenheit und dem Schicksal seiner Eltern, um einen neuen Aspekt in die Reihe einzubringen, nutzt das Potenzial aber wenig und verweist müde auf den nächsten Teil.

Nun gut, es gibt sie schon, die kleinen und großen Unterschiede, aber besonders anders fühlt sich dieser „Spider-Man“ nicht an. Die Moral aller Filme – große Macht birgt große Verantwortung – ist auch hier vorhanden. Davon konnte sich das Reboot nicht lösen, was sowieso schwer möglich ist, aber die Eigenständigkeit wird dennoch dadurch beeinträchtigt. Man merkt trotzdem den Willen aller Beteiligten den Film besser als seine Vorgänger zu machen und wie vorhin schon bemerkt „The Amazing Spider-Man“ ist kein schlechter Film. Die Schauspieler sind sehr gut. Marc Webbs RomCom-Hintergrund macht sich hier bemerkbar. Andrew Garfield und Emma Stone spielen ein sympathisches junges Paar. Ohnehin sind die beiden eine bessere Wahl als damals Kirsten Dunst und Tobey Maguire. Das Drehbuch gibt den Beziehungen zwischen den Figuren viel Raum und spart sich seine Actionszenen für das große Finale auf. Auch die Entwicklung von Spider-Mans Gegner Lizard-Man ist gut erzählt, obwohl sie sehr stark an Willem Dafoes Rolle im ersten Film erinnert, Rhys Ifans ist aber ebenbürtig.

Wie ich zu Beginn schrieb, man will diesen Film am liebsten nicht mögen, aber Marc Webb macht es uns ziemlich schwer. Er kann mit Raimis visuellem Einfallsreichtum mithalten und hat ein hervorragendes Timing. Besonders schön, dass dieser Filmemacher noch etwas unter dem Wort Suspense versteht, was manchmal besser ist als eine bloße Explosion. „The Amazing Spider-Man“ ist also ein typischer Sommerblockbuster mit viel Humor und der allerneuesten Technik. Erzählt wird dagegen nicht viel neues und der Film wird eher denen gefallen, die den Vorgänger nicht kennen. Es bleibt also alles beim alten in Remakehausen. Webbs Film ist kein „Spider-Man 2“ und schon gar kein „The Avengers“, sondern schlicht ein guter Film.

Bewertung: 6/10 Sternen