Kritik: The Cabin in the Woods (USA 2012)

„-Wir müssen uns aufteilen. -Ja, gute Idee. -Echt jetzt?“

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Angst kommt immer unvorbereitet, immer genau dann, wenn man es nicht will. So scheinen Horrorfilme erstmal wenig Sinn zu machen. Man löst ein Kinoticket um sich zu fürchten. Man weiß, was einen erwartet und benimmt sich wie ein Klugscheißer. Da man nicht zulassen will, dass der Film einem Angst macht, lacht man über ihn, hält das Verhalten der Protagonisten für unglaubwürdig und alles für vorhersehbar. Natürlich ist das nur die eine Seite der Medaille. Viele Horrorfilme sind leider auch schlecht und bedienen mehr die Abwehrtechniken des Verstandes als den Affekt der Angst. So entstand eben das Bild, dass Horrorfilme mehr Komödien, mehr Trash als Film und Müll statt Kunst seien. Kein anderes Genre wird so gerne zerpflückt, wirkt so banal, hat so viele Gesichter und macht sich so leicht angreifbar.

In den letzten Jahren hat sich der Horrorfilm mit seinen Remakes und Sequels weit ins Abseits katapultiert. Behaupten wir mal das Genre sei tot, dann ist Drew Goddards „The Cabin in the Woods“ der Film über den Tod des Horrorfilms, wenn er nicht gerade selbst damit beschäftigt ist die Klinge tiefer zu bohren und genüsslich umzudrehen.

Fünf Studenten, die blonde Nymphe, die Sportskanone, der Streber, der Kiffer und die scheue Jungfrau, fahren in die Wälder um dort ein Wochenende in einer Hütte zu verbringen und Spaß zu haben. So viel sei verraten. Das Wochenende wird nicht so rosig. Menschen werden sterben. Das wussten sie schon? Ich auch, darum geht es. Kurz davor gibt es eine verwirrende Einführung. Zwei Schlipsträger laufen durch die Flure einer Hightech-Basis und unterhalten sich über ihr Privatleben und die Wichtigkeit ihrer Arbeit. An einer unbedeutenden Stelle gefriert das Bild und der Titel erscheint in großen roten Lettern wie ein Schock. Dann beginnt die eingangs beschriebene Backwood-Story.

Alles was in der Inhaltsangabe steht, klärt sich bereits in den ersten zehn Minuten auf. Wie hängen diese zwei Welten, das Bekannte und das Unbekannte, zusammen? Der Film zieht nicht nur seinen Schrecken, sondern auch seinen Humor aus dieser Gegenüberstellung. Es ist ein Spiel der Erwartungen, das die beiden Autoren Whedon und Goddard hier spielen und sie benehmen sich wie die verhassten Klugscheißer. Sie meinen das Genre, seine Stärken und Schwächen zu kennen und pressen alles durch den Fleischwolf. Das Marketing verspricht sich dadurch „Unvorhersehbarkeit“. Ist das denn überhaupt wichtig? Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass dies nicht der Reiz von „The Cabin in the Woods“ ist und ein striktes Spoilerverbot gilt hier ganz besonders, aber man sollte Goddards Film nicht nur als Versuch anerkennen einen witzigen und unvorhersehbaren Meta-Horrorstreifen zu machen. Hier geht es um viel mehr.

Unsere Hassliebe zum Genre ist ein Thema. Wir hassen es, wenn wir den zwanzigsten Aufguss der gleichen Geschichte sehen, aber wir lieben auch das Vertraute. Wir meinen die Geschichte zu kennen und warten nur darauf, dass man uns ein Messer in den Rücken sticht. „The Cabin in the Woods“ lotet all diese Irrsinnigkeiten aus, führt sie vor, reflektiert und ordnet sie neu. Figuren, die unglaubwürdig handeln, haben nun einen guten Grund dazu. Der Wunsch des Zuschauers, dass die Charaktere sterben, findet ebenso seinen Platz. Das Publikum selbst ist im Film dabei, ähnlich wie in Quentin Dupieuxs „Rubber“, und Whedon/Goddard nutzen es zur maliziösen Manipulation. Da niemand gesagt bekommen möchte, was er zu fühlen hat, reagiert der echte Zuschauer gerne anders als das Publikum im Film. Wenn es über seine „Versuchskaninchen“ lacht, erzeugt das Mitleid und umgekehrt. Die Zuschauer im Film sind Arschlöcher. Sie sind die wahren Antagonisten. Das Spiel mit dem Publikum ist nur eine der brillanten Wege des Films den Tretminen des Genres auszuweichen.

Ganz egal wie genial solche Metaspielereien auch sind oder wie man es geschafft hat das Klischee des Klischees vom Klischee zu überlisten. Am Ende stellt sich die Frage, ob „The Cabin in the Woods“ nicht eher ein Film ist, der Grenzen festlegt als sie zu durchbrechen, der hämisch lacht, wenn er sieht, dass es nicht mehr weitergehen kann. Das ist die Gefahr, postmodernes Fieber. Niemand würde verleugnen, dass Whedon und Goddard ihre Vorlagen nicht mögen. Sie suhlen sich ja nur so in Zitaten, in einer blood orgy of references, doch ihr Film ist auch eine deutliche Dekonstruktion. Sie schaden ihren Vorbildern, allerdings auch nicht mehr als es nicht schon die zig Remakes und Sequels getan haben.

Kein anderer Horrorfilm der letzten Zeit hat seiner Vergangenheit so sehr gehuldigt, wie er sie gleichzeitig verachtet hat. Der Schlussstrich ist deutlich. Nach diesem Film kann man nicht mehr einfach zurückkehren zu Jason und Co. Beinahe ärgerlich, wenn es Whedon und Goddard nicht ohnehin um die Zerstörung alter Werte gehen würde. Nun gut, die beiden Klugscheißer machen es sich zwar ein wenig leicht, wenn sie die Verantwortung in andere Hände geben und fröhlich die Einrichtung im Horrorfilm-Kabinett zerschmettern, aber jeder zerstörerische Akt ist ebenso kreativ. Die alte Welt geht unter und eine neue entsteht. Der politische Subtext ist ganz klar zu lesen. Die Anarchie des Horrorfilms ist da.

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Auch unser Autor dexter-morgan war von „The Cabin in the Woods“ sehr angetan. Er hat für euch in wenigen Worten zusammengefasst, warum ihr den Film auf keinen Fall verpassen solltet.

Eine Hommage an die großen Genre-Klassiker, eine Anti-Hommage an all die Klischees, welche sich über die letzten Jahrzehnte angesammelt haben. Laut und sinnfrei, aber super durchdacht. Zum Lachen und zum Abfeiern bis der Arzt kommt. Ein Ritt direkt in die Hölle der Unterhaltungsindustrie, vor allem aber eine sagenhafte Leistung, auf wie vielen Ebenen diese Liebeserklärung an ein in Tiefschlaf gefallenes Genre funktioniert. Selten musste man mehr Wissen mit ins Kino bringen, denn „The Cabin in the Woods“ stammt aus dem Hirn zweier Nerds: Joss Whedon und Drew Goddard. Mit der Zitierwucht eines Tarantino und dem Ideenreichtum eines Allen haben sie den größten Metafilm seit „Scream“ geschaffen. Wenn hier Effekte schlecht sind, dann ist das Absicht, und wenn sie überragend sind, dann ist das umso genialer, oder kurz gesagt: Besser werden moderne Horrorfilme nicht mehr. Und wer etwas tiefer gräbt, der wird in der Aneinanderreihung von scheinbar sinnfreien Szenen vielleicht doch so etwas wie eine tiefere Bedeutung finden, und ein Erlebnis haben, welches sich kaum in Worte fassen lässt, und über das man noch Stunden und Tage später diskutieren kann.