"The Company You Keep – Die Akte Grant" (USA 2012) Kritik – Die politischen Narben der Vergangenheit

Autor: Pascal Reis

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„Würden Sie es wieder tun?“

Jim Grant (Robert Redford) ist ein verwitweter und alleinerziehender Vater einer 12-jährigen Tochter und führt ein angesehenes Leben als Anwalt in der amerikanischen Oberschicht. Als die Polizei eines Tages auf Sharon Solarz (Susan Sarandon) aufmerksam wird, die in den 60er- und 70er Jahren zu der linksradikalen Oragnistation „Weather Underground“ gezählt hat, ist auch das Leben von Jim Grant schlagartig in Gefahr, denn was die Leute nicht wissen: Auch Jim war in diesen Jahren ein Aktivist der Gruppierung und lebt seit 30 Jahren unter dem Schutz einer falschen Identität. Nachdem Solarz inhaftiert wurde, schaltet sich der Chefredakteur (Stanley Tucci) der Albany Sun Times ein, um den engagierten Journalisten Ben Shepard (Shia LaBeouf) die ganz große Story an Land ziehen zu lassen. Als Ben herausbekommt, wer Jim Grant in Wirklichkeit ist, sieht er seine Stunde für den großen, allesüberstrahlenden Durchbruch kommen. Jim Grant ist von nun an auf der Flucht…

Blickt man auf die deutsche Historik und ihre schwarzen Kapitel zurück, dann wird man in erster Linie unweigerlich an die katastrophalen Ausmaße, Bilder und Folgen des zweiten Weltkrieges denken, die sich für alle Zeit in die Köpfe der Menschen eingebrannt haben. Macht man aber einen Sprung in die deutsche Nachkriegszeit, wird man wohl oder übel in den Jahren 1967 bis 1977 pausieren müssen und sich mit den Geschehnissen der linksextremistischen Terrororganisation RAF (Rote-Armee-Fraktion) auseinandersetzen, die Deutschland in diesen Jahren in Angst und Schrecken versetzte, sämtliche Anschläge verübte und mehr Unschuldige, als politisch Betroffene in Mitleidenschaft zog. Die RAF setze sich zum Ziel, den Faschismus, den Kapitalismus und den Imperialismus vollkommen auszumerzen und das deutsche Staatssystem in den Egalitarismus zu führen. Letztlich konnte sich die Gruppierung um Alexander Baader und Ulrike Meinhof nicht durchsetzen und scheiterte gnadenlos an ihren eigenen Idealen. Nun stellt sich jedoch die Frage, was die RAF mit Robert Redfords neustem Werk „The Company You Keep – Die Akte Grant“ zu tun hat.

Und genau damit diese Frage in der Zukunft nicht mehr gestellt werden muss, auch auf internationaler Basis, hat sich Altmeister Robert Redford berufen gefühlt, einen Passus in der amerikanischen Geschichte zu thematisieren, der selbst für die amerikanische Bevölkerung der heutigen Zeit, rein national betrachtet, noch unbeflecktes Neuland ist: Es geht um die linksextremistisch-militante Weathermen Underground Organisation (Später Weather People getauft, aufgrund von weiblicher Diskriminierungsanleihen), die sich in der Zeit der 1960- bis in 1970er Jahre durch ihre ebenfalls terroristischen Operationen durch die Vereinigten Staaten bewegten und nicht nur lautstark gegen den Vietnamkrieg und den Rassismus protestierten, sondern auch Taten sprachen ließen, die in Form von Bombenanschlägen auf Regierungsgebäuden auftraten. In den 1980er Jahren zersplitterte sich die Gemeinschaft, wenngleich nach wie vor Anschläge geplant wurden. Doch wie wir wissen, verrennt sich die Vergangenheit nie und Verbrechen können zwar ad acta gelegt werden, verstummen in ihrer Brisanz aber ebenso wenig.

Robert Redford sagte im Vorfeld der Dreharbeiten zu „The Company You Keep“, dass ihm das Projekt ganz besonders am Herzen lege, nicht nur um die heutige Bevölkerung ein stückweit über die damaligen Zustände aufzuklären, sondern einfach, weil es eine amerikanische Geschichte ist und damit auch die Geschichte eines jeden amerikanischen Bürgers. „Es ist genügend Zeit vergangen, um eine Auseinandersetzung mit der Weathermen Underground Organisation in die Tat umzusetzen“, so Redford. Dass Redford dabei noch lange nicht zum alten Eisen gehört und dem Regietitan Clint Eastwood ebenfalls problemlos in die Augen blicken kann, zeichnet sich allein daran ab, dass der in Santa Monica geborene Kalifornier und Oscarpreiträger nicht nur auf dem Regiestuhl Platz genommen hat, sondern auch als einer der Hauptdarsteller fungierte und sich ebenfalls an der Produktion des Polit-Thriller beteiligte. Leicht lässt sich feststellen, dass die persönlichen Ambitionen Redfords in Bezug auf die Thematik nicht nur bloße Behauptungen sind.

Mit authentischen Archivaufnahmen werden wir mit den Protesten, der Motivation und den Zuständen der damaligen Zeit im Kontext der Handlungen der Weathermen Underground Organisation konfrontiert, um mit dem nächsten Schnitt direkt in der Gegenwart anzukommen und in die eigentliche Geschichte, nach der Festnahme von Sharon Solarz, eingebunden zu werden. Was Robert Redford und Lem Dobbs die nächsten 120 Minuten darbieten, ist reinrassiges und altmodisches Polit-Kino, in dem die Handlung nicht auf einen signifikanten Klimax zusteuert, sondern die einzelnen Geschichten um den flüchtenden Grat und den Journalisten Shepard nach und nach ineinander laufen lässt. Es ist ein Film über Verleumdung und Schuldbekenntnis, über Kontrolle und Vergangenheitsbewältigung, während „The Company You Keep – Die Akte Grant“ dabei nie den Fehler begeht, die Aktionen der Weathermen in irgendeiner Weise zu romantisieren oder legitimieren, er verdeutlicht einzig die Tatsache, dass Gewalt durch Ratlosigkeit nachvollziehbar sein kann, doch niemals eine Option zur Problemlösung darstellt.

Robert Redford hält seine Geschichte zwar nicht immer im narrativen Gleichgewicht, sondern verhaspelt sich hin und wieder gerne einmal im auferlegten Takt, doch der Altmeister hat es geschafft, einer nationalen Thematik auch internationalen Zugang zu gewährleisten und zeichnet „The Company you Keep – Die Akte Grant“ dabei hauptsächlich durch die inszenatorische Sachlichkeit aus, die sich nie in dokumentarische Muster drängen lassen möchte und durchweg von ihren Dialogen lebt. Glücklicherweise verzichtet auch das Drehbuch von Lem Dobbs auf jedes pathetische Beiwerk und konzentriert sich voll und ganz auf die Charaktere, die die Analogien innerhalb ihrer Berufsfelder freilegen und gleichzeitig den Kontrast des heutigen Individualismus mit den politischen Impulsen der Vergangenheit verknüpfen. Dabei ist vor allem Ben Shepard der ansprechendste Charakter, denn in ihm reflektiert sich nicht nur der arrogante Zwang von kontemporären Journalismusmechanismen, sondern auch die Interessenkonflikte zwischen dem Beruf und der eigenen Ideologie.

Fazit: Robert Redford meldet sich engagiert auf der großen Leinand zurück und zeigt, dass er noch lange nicht ausgedient hat. Überaus sehenswert inszeniert der Kalifornier einen Polit-Thriller, der nicht nur zur Aufklärung dient, sondern gleichermaßen dem politischen Charakter-Kino der 70er Jahre Tribut zollt. Sicher ist „The Company You Keep – Die Akte Grant“ kein Meisterwerk, dafür fehlt ihm letztlich die absolute Brisanz und die narrative Vollkommenheit, doch spannend erzählt und großartig gespielt, überraschenderweise trumpft im von Stars durchsäten Cast vor allem Shia LaBeouf auf, ist der Film ohne jeden Zweifel.