"The Deep Blue Sea" (GB/US 2012) Kritik – Rachel Weisz gefangen zwischen Liebe und Schmerz

„Let me give you a case: Jack and Jill. Jack loves Jill. Jill loves Jack. But Jack doesn’t love Jill in the same way. Jack never asked to be loved.“ – „And what about Jill?“ – „That’s Jill’s hard luck!“

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Die Liebe ist nicht nur in der Realität ein ständiges Thema für den Menschen, sondern auch der Film beschäftigt sich in aller Regelmäßigkeit mit der berauschenden Emotion, die jede noch so schwere Kette sprengen kann. Gerade erst hat es Michael Hanekes Cannes-Erfolg „Liebe“ in die Kinos geschafft und wir als Zuschauer dürfen wieder darüber philosophieren, wo der wahre Wert der Liebe liegt, wie wir ihn erreichen und für immer schützen können. Inzwischen wissen wir auch, denn das Leben und der Film hat es uns bereits unzählige Male erklärt, dass die Liebe nicht immer mit schönen und erfüllenden Gefühlen verbunden sein kann, sondern auch mit tiefen seelischen Narben und dem ewig anhaltenden Schmerz. Der britische Filmemacher Terence Davies, dessen Ruf als unverbesserlicher Querkopf schon so manches Mal die Runde in der Filmwelt gemacht hat, nimmt sich ebenfalls nur zu gerne dem Thema der Liebe und den Folgen dieser an. Sein neuster Film, „The Deep Blue Sea“ aus dem Jahre 2012, weiß jedoch nicht gänzlich zu überzeugen und wirft seine schauspielerischen Perlen kunstvoll vor die Säue.

Die 1950er Jahre, London: Die hübsche Hester Collyer führt ein geordnetes Leben als Frau des angesehenen Richters Sir William Collyer. Doch für Hester hat die Ehe längst ihren Reiz verloren und der pochende Hingabe ist schon lange in der Alltäglichkeit versunken. Doch ihre Liebe soll wieder aufkochen, jedoch nicht mit ihren Ehemann, sondern mit dem jungen Royal-Air-Force-Piloten Freddie Plage, in den sich die verheiratete Frau auf den ersten Blick verliebt und seinem Charme hilflos ausgeliefert ist. Allerdings sind diese beiden Beziehung gleichzeitig nicht möglich und Hester sieht sich irgendwann an dem Punkt der Entscheidung, in dem sie bestimmten muss, ob sie die Ehe aufgibt und ihrer Affäre folgt, oder doch das privilegierte und sorgenfreie Leben bevorzugt. Freddie hat mit einem schweren Kriegstrauma zu kämpfen, welches die leidenschaftliche Zweisamkeit immer wieder auf eine harte Probe stellt, aber nie zerbrechen lässt, bis ihr langsam klar wird, dass nicht nur ihr Ruf auf dem Spiel steht, sondern auch der ihrer Familie und die gesamte Zukunft, denn glückliche Vollkommenheit kann sie in der Beziehung mit Freddie nicht finden…

Schauspielerisch kann „The Deep Blue Sea“ mit zwei starken Kalibern auffahren: Rachel Weisz und Tom Hiddleston. Dass Rachel Weisz eine fantastische Charakterdarstellerin sein kann, wissen wir spätestens seit ihrem Oscar prämierten Auftritt im Polit-Thriller „Der ewige Gärtner“. Ihre zarte Weiblichkeit und sanfte Sensibilität sind einfach wunderbar und verleihen ihren Rollen immer einen anziehenden Reiz, dem man sich nur zu gerne hingibt und bei jedem ihrer Worte an den vollen Lippen der Britin klebt. Als Hester ist das wieder genau der überzeugende Punkt, den Weisz mit einer reizenden Zerbrechlichkeit ausfüllt und sich erneut von ihrer besten Seite zeigt, ohne sich in übertriebenen Gesten zu wälzen, oder ihre Mimik in einem Bruchteil einer Sekunde außer Kontrolle geraten zu lassen. Ihren männlichen Gegenpart gibt Tom Hiddleston, der seit seinem Auftritt in den Comic-Verfilmungen „Thor“ und „The Avengers“ nur noch mit der Rolle des Fiesling Loki identifiziert wird. Aber Hiddleston ist zu weit mehr in der Lage und zeigt das als schneidiger Pilot Freddie Plage auch. Seine emotionalen Ausbrüche sind authentisch, genau wie die wankende Traumatisierung seiner Person immer wieder glaubwürdig aufgezeigt wird. „The Deep Blue Sea“ hat dementsprechend immer dann seine besten Momente, wenn die beiden Schauspieler aufeinander prallen und sich zwischen Liebe und Schmerz gegenseitig offenbaren.

Regisseur Terence Davies ist ein Filmemacher, der sich einen Dreck um Konventionen und Vorschriften schert. Davies hat seinen Plan strickt im Kopf und sollte eine Produktionsfirma bestimmte Änderungen vornehmen wollen, platzt dem Briten auch gerne mal der Kragen und das Projekt wird erst dann fortgesetzt, wenn der Wille des Regisseurs unverfälscht durchgesetzt wird. Verständlich ist es schon, denn welcher Künstler lässt sich schon gerne Vorschriften machen und in seine Arbeit reinreden. In dieser typischen Davies-Art begrüßt uns „The Deep Blue Sea“ auch von Beginn an. Eine lange, schleichende Einstellung fährt das englische Wohnhaus ab und fängt jede Einzelheit des Gebäudes in aller Ruhe ein, unterstützt von einer weinenden Violine, die das künstlerische Bild vollständig abrunden soll. Ein durchaus ansprechender Auftakt, der die optische Stärke des Films ansprechend dargestellt und den leichten nebulösen Schleier um die Fotografien wie ein Gemälde erscheinen lässt. Doch Terence Davies Inszenierung hat bereits ab diesem Momente eine Sphäre erreicht, die sich zwar als durchaus konsumierbar bezeichnen lässt, sich aber auf Dauer ohne Halt im anstrengten Schwerfälligkeit verliert.

„The Deep Blue Sea“ erzählt uns im London der 50er Jahre über eine Affäre zwischen der verheirateten Hester und dem Piloten Freddie. Doch Terence Davies schafft es dabei zu keinem Zeitpunkt wirklich, die Geschichte und seine Inszenierung mit der nötigen Emotionalität zu füllen. Die Schauspieler spielen gegen eine erzwungen-künstliche Wand an, die in ihrer spröden Langatmigkeit nicht nur die Geduld des Zuschauers erprobt, sondern den offensichtlichen Wunsch etwas Besonderes zu sein viel zu deutlich äußert. Eine solche Liebesgeschichte haben wir schließlich schon zu genüge begutachten dürften und neue Facette werden uns in „The Deep Blue Sea“ sicher zu keinem Zeitpunkt serviert. Es geht um Nähe, Leidenschaft, die sexuelle Erfüllung und die lustvolle Hingabe. Genauso werden die Schuld, die enttäuschende Verletzlichkeit, das aufbrausende Kriegstrauma, die schmerzhafte Auffassungen von Liebe zwischen den Charaktere und der Suizid zum Thema gemacht, doch was bringen diese anspruchsvollen Bereiche, wenn sie nicht gekonnt angepackt werden und sich in ihrer aufgesetzten Langsamkeit das Gähnen nicht verkneifen können. Zwischen bitterer Gegenwart und zarten Erinnerungen umherspringend wird „The Deep Blue Sea“ zwar zum äußerlich stimmigen Film, doch die eigentliche Tiefe wird durch die oktroyierte Übertreibung verdeckt.

Fazit: „The Deep Blue Sea“ ist ein durchschnittlichen Film über die Liebe und dem damit verbundenen Schmerz, der sich dank der tollen Schauspieler und der wunderbaren, wenn auch gerne übertriebenen Optik noch gerade so in das Mittelfeld retten kann. Rachel Weisz und Tom Hiddleston überzeugen durchgehend und müssen gegen die sture Künstlichkeit Davies‘ hilflos ankämpfen. Die Story selbst wurde bereits unzählige Male erzählt und es gibt weder neue Facetten noch Überraschungen. Ein Kunstfilm, der die Kunst zu wörtlich nimmt und jede Emotionalität und gefühlvolle Intensivität immer zugunsten der schimmernden Äußerlichkeiten übergeht.