"The Devil’s Double" (BE 2011) Kritik – Der doppelte Despotensohn

Autor: Sebastian Groß

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„Please be clear about this, Latif. Uday has chosen you. You belong to him.“

1987: Der irakische Soldat Latif Yahia wird von Saddam Husseins ältestem Sohn Uday, wegen einer enormen Ähnlichkeit, auserwählt sein Doppelgänger zu sein. Latif bleibt keine andere Wahl, wenn er ablehnt lässt Uday Latifs Familie verhaften und foltern. Nach ein paar chirurgischen Eingriffen ist Latif die optisch perfekte Kopie des Despoten-Sohnes und wird in einer luxuriösen Behausung untergebracht. Doch er wird wegen seiner Nähe zu Uday auch immer wieder Zeuge von dessen eruptiven Exzessen. Schon bald muss sich Latif eingestehen, dass er für einen Wahnsinnigen arbeitet, der weder Anstand noch Moral kennt.

Doppelgänger von bekannten Persönlichkeiten soll es ja wirklich geben. Warum auch nicht? Keine Lust über den roten Teppich zu stolzieren? Na dann einfach den Quasi-Zwilling hinschicken. Zugegeben, im Zeitalter des World Wide Web scheint dieses Vorgehen so antiquiert wie fiktional zu sein – und wenig erfolgsversprechend noch dazu. Doch in den späten 1980er, im Irak und dann auch noch in der Manege der Politik und Macht? Ja, das könnte funktionieren. Hat es ja auch. Zumindest wenn man dem Iraker Latif Yahia Glaube schenken mag, der lange Zeit als Doppelgänger von Saddams Husseins Sohn Uday gearbeitet hatte. So steht es zumindest in seinem Buch, dessen Wahrheitsgehalt aber mehrfach angezweifelt wurde. Das ist durchaus berechtigt. Die ganze Geschichte klingt schon recht abnorm und beinhaltet einen nicht zu verschleiernden Charakter der Übertreibung. Wie wahr die Geschichte von Latif Yahia ist, ist aber im Falle von „The Devil’s Double“, der auf dem gleichnamigen Buch von Yahia basiert, eher uninteressant, solange der Film seine Aufgabe erfüllt und sein Publikum unterhält und fesselt.

Der Neuseeländer Lee Tamahori, der einst als hoffnungsvoller Blockbuster-Regisseur galt und seinen Ruf mit Filmen wie „James Bond 007 – Stirb an einem anderen Tag“, „Next“ oder „xXx 2 – The Next Level“ rabiat selbst zertrampelte, führte hier nach langer Pause wieder Regie. Grund für die Pause war neben Flops an der Kinokasse wohl auch eine von Tamahori begangene Gesetzeswidrigkeit. Er wurde 2006 in Los Angeles verhaftet, als er einem Stricher Geld für sexuelle Dienste anbot. Der Stricher entpuppte sich als Undercover-Cop, der Tamahori, der zu diesem Zeitpunkt als Drag Queen verkleidet war, festnahm. Klar, dass so etwas in Hollywood die Runde macht und so ist es auch kaum verwunderlich, dass „The Devil’s Double“ keine amerikanische Produktion ist, sondern mit Geld aus Belgien und den Niederlanden finanziert wurde. Ob ein höheres Budget dem Film geholfen hätte bleibt aber mehr als fraglich. Denn letztlich scheitert die (un)wahre Geschichte am Script und auch an der zimperlichen Inszenierung von Tamahori.

Im Zentrum von „The Devil’s Double“ steht, na klar, das Original und sein Doppelgänger. Also Uday Hussein und Latif Yahia. Gespielt werden beide Rollen von Dominic Cooper (bekannt aus „Mamma Mia“, „Captain America“ und „Abraham Lincoln: Vampirjäger“). Das Problem bei Coopers Spiel ist, dass er weder den krankhaft narzisstischen Uday, noch den zweifelnden Latif stimmungsvoll verkörpert. Beiden Rollen fehlt es an Zwischentönen. Zwar wird Udays Leben und sein Verhältnis zu seinem mächtigen Vater immer wieder angerissen und es werden auch ein paar dramaturgische Spitzen in den Film eingefügt, doch alles passiert darstellerisch, wie auch inszenatorisch, einzig und alleine mit dem Dampfhammer. Uday und Latif, wirken beide wie Exzesse, die sich in gegenüberliegende Richtungen entwickeln.

Eine Entwicklung die ohne außergewöhnliche Facetten auskommen muss. Das ermüdet und streckt „The Devil’s Double“ auf unschöne Weise. Auch die Geschichte an sich ist mehr anstrengend als aufregend, denn worauf es im Finale hinausläuft ist klar und die politische Dimension, die der Stoff inne hat, wird nicht konsequent genutzt. Krieg ist böse! Das reicht Tamahori als Aussage. Das ist ja durchaus richtig und wahr, wirkt aber – ähnlich wie die gesamte Doppelgänger-Story – doch recht bemüht. Tamahori zeigt in „The Devil’s Double“ zwar die Wunden des Krieges, aber dies verkommt zum Abgrasen üblicher Standards. Vielleicht hätte er noch mit dem Finger etwas darin herum bohren sollen, um eine wuchtigere Wirkung zu erreichen. So verkommt der Aspekt des Krieges hier zu einer mutlosen Fassade, um den Plot weiter zu bringen.

Ohne richtigen Druck, verwirkt „The Devil’s Double“ leider auch das Spiel mit den gesellschaftlichen Unterschiedlichkeiten des Iraks. Wenn Latif als Uday in seiner Villa hockt, sich der lasziven Sarrab (Ludivine Sagnier, „8 Frauen“, „Public Enemy No. 1“) hingibt, die vom Script auch noch eine steife Entwicklung spendiert bekommt, dann erzeugt dies oftmals mehr den Eindruck einer phantasielosen Seifenoper. Wenn dann die Armut der irakischen Bevölkerung gezeigt wird, wirkt dies nicht wie ein Aufzeigen der gesellschaftlichen Differenzen, sondern mehr wie ein lästige Pflichtübung, die doch bitte die Second Unit übernehmen soll. Da ist es durchaus Schade, dass auch das komödiantische Potenzial der Geschichte ungenutzt brach liegt. Wenn Saddam Hussein mit seinem Doppelgänger Tennis spielt, dann funkelt kurz etwas Komik auf und dann wird auch kurz der ganze Wahnwitz der Geschichte spürbar, doch dies ist eine von wenigen Ausnahmen. „The Devil’s Double“ will einfach ernst sein und verpasst deswegen die große Chance den Wahnsinn einer Diktatur rigoros mit der Macht des Humors offen zu legen.

Fazit: „The Devil’s Double“ wird Regisseur Lee Tamahori nicht wieder auf die Erfolgspur bringen. Dafür ist seine Herangehensweise an den Stoff zu uncouragiert und kraftlos. Die Geschichte von Latif Yahia ist durchaus ansprechend, besitzt Potenzial und hätte gewiss eine bessere Verfilmung verdient. So aber bleibt das ansprechendste an „The Devil’s Double“ darüber zu philosophieren, wie viel Wahrheit in der Doppelgänger-Handlung steckt, die hier zumindest so erzählt und inszeniert wurde, dass sie wie eine müde Lügengeschichte daher kommt. Ein wenig so, als ob Baron Münchhausen 1987 im Irak war.