"The Game" (USA 1997) Kritik – David Fincher zwischen Jubel und Enttäuschung

„Amüsieren Sie mich mit ein paar Einzelheiten.“

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Mit dem dritten Teil der legendären Alien-Sage wählte David Fincher nicht gerade den günstigsten Einstieg in die Filmwelt aus. Eigentlich konnte er mit ‚Alien³‘ nur enttäuschen, denn ‚Alien‘ und ‚Aliens – Die Rückkehr‘ das was Wasser zu reichen, schien in dieser Form eine Unmöglichkeit. Es kam wie es kommen musste und Fans wie Kritiker schlugen nicht selten die Hände über dem Kopf zusammen. Doch seine Zeit sollte kommen und im Jahr 1995 kehrte Fincher mit dem Psycho-Thriller ‚Sieben‘ direkt mit einem der besten und unvergesslichsten Filme zurück. Nun lag die Messlatte, anders als vor seinem Debüt, in extremen Höhenlagen. 1997 kam Finchers nächster Film in die Kinos. Ein erneuter Psycho-Thriller mit dem Titel ‚The Game‘. Und auch hier schaffte er es, fast durchgehend zu überzeugen, wäre da nicht das schreckliche Ende, denn das zerstört den tollen Eindruck von ‚The Game‘ gänzlich.

Nicholas Van Orten ist ein Karriermensch. Beziehungen und Gefühle interessieren ihn nicht, bis er von seinem Bruder Conrad zum 48. Geburtstag eine Einladung für ein ganz persönliches Spiel beginnt. Nicholas wird jedoch abgelehnt, sein Leben verändert sich trotzdem zunehmend. Er scheint in einer Verschwörung gefangen zu sein, doch einen Ausweg findet er nicht. Wer steckt hinter dem ganzen?

Das Aussehen eines Fincher-Films ist in jedem Fall immer hervorragend. Ohne unnötige Spielereien und erzwungenes Verlangen irgendjemanden mit der Optik zu beeindrucken zu wollen, fängt die Zuschauer trotzdem mit seiner visuellen Klasse ein, ohne auch nur im Ansatz zu übertreiben. Kameramann Harris Savides mischt unter seine herausragenden Aufnahmen immer wieder einen bläulich-kalten Ton, der auch zwischen den Zeilen den Charakter und Gemütszustand von Nicholas offenbart. Vor allem die Szene auf der mexikanischen Grabstätte ist absolut genial festgehalten worden. Komponist Howard Shore versteht es immer, sich mit seinem Soundtrack genau einem Film anzupassen. Hier ist das nicht anders und seine Musik unterstreicht die düstere und packende Atmosphäre durchgehend, ohne auf überzogene Emotionalität zu setzen.

Sein Händchen für Besetzungen hatte Fincher ebenfalls schon bewiesen. Die Hauptrolle in ‚The Game‘ wurde Douglas gegeben, der zu dem Zeitpunkt schon längst ein gestandener und beliebter Schauspieler war und sein Handwerk genau beherrschte. Als Kotzbrocken Nicholas Van Orten, der nur für seinen Job lebt, passt Douglas genau ins Bild und kann den Zuschauer nach anfänglicher Abneigung immer wieder auf seine Seite ziehen. Der grandiose Charakterdarsteller Sean Penn als Nicholas Bruder Conrad bekommt leider nur gefühlte fünf Minuten Screentime geschenkt und wirkt vollkommen verschenkt , auch wenn er in seinen kurzen Szenen natürlich immer überzeugt. Auch Deborah Kare Unger als Christine zeigt eine gute Leistung.

Mit dem Investmentbanker Nicholas Van Orten kriegen wir einen Menschen, für den nur noch eine Sache im Leben wichtig ist: die eigene Karriere. Durch den Berufserfolg hat er sein eigenes Privatleben erstickt. Zu seiner Ex-Frau und der gemeinsamen Tochter hat er keinerlei Bindung mehr und der Kontakt ist eingefroren. Freunde hat er in seinem Leben auch nicht und alles dreht sich nur noch um seine eigene Achse. Sein Bruder, der ihn ebenfalls nur selten sieht, will sich aber nicht dem Charakter abfinden und schenkt ihm eine Eintrittskarte für sein ganz eigenes Spiel des Lebens, doch Nicholas scheint nach unzähligen Tests ungeeignet. Hier zeigt David Fincher seine inszenatorische Klasse. Der Mensch, den wir am Anfang nicht im Ansatz sympathisch finden konnten, wird auf die gleiche Ebene wie wir gestellt. Wir wissen nicht in welche Richtung wir gehen, ebenso wenig wie Nicholas, dessen nächster Schritt im Leben genauso unvorhersehbar wird. Er wird wieder mit seiner verdrängten Vergangenheit verbunden und jegliche Kleinigkeiten, sei es nur ein Kugelschreiber, scheint gegen ihn zu spielen. Alles zieht immer größere Wellen und Nicholas ist nicht nur einmal in Lebensgefahr. Doch was steckt hinter dieser Veränderung und welche Verschwörung umkreist ihn?

So kriegen wir einen Thriller gezeigt, der fesselt und gleichzeitig neugierig macht. Nicholas wird zu einem Gefangenen in einem Netz aus Lügen, falschen Emotionen und dunkler Verzweiflung. ‚The Game‘ ist aber nicht nur hochspannend, sondern besitzt auch die Fincher üblichen kritischen Untertöne. Gezielt in die Richtung von gesellschaftlichen Zwängen, Veränderungen und den eigenen Eingrenzungen die daraus resultieren. Die Sucht nach Geld, während man es vollständig vergisst, was richtig leben bedeutet.

Doch was drückt ‚The Game‘ denn nun so deutlich runter? Der Film versteht es über 100 Minuten packende und gleichermaßen intelligente Unterhaltung abzuliefern. Wenn es jedoch auf das Finale zugeht, zerstört Fincher all das, was er sich vorher erarbeitet hat. Das was der Film eigentlich kritisieren wollte, auch die Manipulation der Kulturen und der Gesellschaft selbst, wird legitimiert. Hauptsache sie zeigt eine Wirkung, egal was dem Menschen zugemutet wurde und welche Folgen er nun tragen muss. Die Auflösung selbst wird zwar zwischendurch immer wieder deutlich gemacht, doch die Darstellung ist so unglaubwürdig und überzogen, das es nicht nur unfreiwillig komisch wird, sondern auch ziemlich ärgerlich. Fincher wollte hier nochmal besonders klug wirken und dem Film ein Paukenschlagfinale schenken, bewirkt aber das genaue Gegenteil und zerstört den tollen Eindruck. Was am Ende bleibt ist entsetztes und genervtes Kopfschütteln.

Fazit: ‚The Game‘ ist gut 100 Minuten ein erstklassiger Psycho-Thriller wie man ihn sich nur wünscht. Das Finale samt Auflösung zerbricht jedoch alles und macht das Ende zu einer schwachen Lachnummer. Schade, denn hier wäre wieder ein toller Film möglich gewesen. Dafür sprachen natürlich auch die starken Bilder, der ausgezeichnete Score und die Schauspieler. Mit seinem nächsten Film ‚Fight Club‘ fand Fincher aber zum Glück wieder zurück in die Spur und übertraf nicht nur sich selbst dabei in jedem Punkt aufs Neue.

Bewertung: 5/10 Sternen