"The Grey" (USA 2012) Kritik – Liam Neeson im Kampf um das Überleben

„Once more into the fray,
into the last good fight I’ll ever know.
Live and die on this day…“

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Von Regisseur Joe Carnahan weiß man nie so genau, was einen als nächstes erwartet. Sein bester Film, der Cop-Thriller ‚Narc‘, liegt nun auch schon bald 10 Jahre zurück. Danach kamen das hyperaktive Feuerwerk ‚Smokin‘ Aces‘ und die Serienverfilmung von ‚Das A-Team‘. Sehenswert waren beide nicht wirklich und außer viel Geballer gab es nichts zu sehen. Jetzt steht das heißerwartete Survival-Drama ‚The Grey‘, basierend auf der Kurzgeschichte von Ian McKenzie Jeffers, vor der Tür. Carnahan inszeniert endlich wieder einen guten Film, schöpft aber nicht seine ganzen Möglichkeiten aus.

An erster Stelle muss man sagen, ohne dabei zu übertreiben: ‚The Grey‘ ist exzellent fotografiert. Die Aufnahmen der endlosen Schneelandschaft Alaskas sind wunderschön und in gleichermaßen beeindruckenden Einstellungen festgehalten. Vor allem auf der großen Leinwand geht einem bei diesen Bildern das Herz auf. Kameramann Takayanagi versteht es auch, mit der Dunkelheit und dem Tageslicht zu spielen und leistet wirklich tolle Arbeit. Komponist Marc Streitenfeld steuert einen Score bei, der den Film in seiner ganzen Emotionalität und Anspannung passend unterstreicht und erzeugt eine Atmosphäre, die niemanden locker lässt.

Mit Liam Neeson hat der Film seinen klaren Dreh und Angelpunkt. Zwar bekommen Dallas Roberts, Frank Grillo und Dermot Mulroney auch ihre guten Szenen zugesprochen, doch Neeson zieht ganz klar die Kamera durch seine tolle Ausstrahlung immer wieder auf sich. Neeson spielt den Jäger John Ottway, der die Öl-Bohrer vor wilden Tieren beschützen soll und sich schließlich als Anführer in der Wildnis beweisen muss und zeigt eine facettenreiche und kraftvolle Darstellung. Vor allem gegen Ende kann er noch ganz groß aufspielen.

Eine Gruppe von Öl-Bohrern, darunter auch Jäger John Ottway, soll nach erfülltem Auftrag wieder zurück nach Kanada fliegen. Ottway selbst befindet sich seit dem Tod seiner Frau in einem tiefen Loch, aus dem es kein Entkommen gibt. Das Unglück lässt nicht lange auf sich warten und das Flugzeug stürzt ab. Ottway und eine Handvoll anderer Männer finden sich in einem Schneesturm, mitten in Alaskas Weiten wieder und sind auf sich selbst gestellt. Irgendwie müssen sie zu einer bewohnten Stelle gelangen. Die Kälte und der Hunger sind nicht das einzige Problem, denn ein gnadenloses Wolfsrudel hat sie längst entdeckt und macht sich bereit zum Angriff.

Wenn man sich die Story von ‚The Grey‘ durchliest, könnte man auf den ersten Blick vielleicht etwas falsche Erwartungen hegen. Den Kampf von Mensch gegen Tier, irgendwo in der Wildnis, haben wir ja schon einige Male gesehen. Ob in ‚Auf Messers Schneide‘ gegen Bären oder in ‚Der Geist und die Dunkelheit‘ gegen Löwen. Mit ‚The Grey‘, in dem es eben Wölfe sind, sollte man keinen antreibenden und durchgehend nervenaufreibenden Kampf erwarten. Natürlich ist der Film spannend und die unsichere Atmosphäre weiß durchgehend ein unwohles Gefühl zu erzeugen, doch der Film nimmt sich zwischendurch viel Zeit für Gespräche. Zu viel manchmal, denn die eigentliche Story gerät so immer wieder ins Stocken. In den Gesprächen selbst will der Film auch gerne philosophischer sein als er in Wirklichkeit ist.

Durch diese Gespräche kriegen wir aber auch die weiteren Charaktere vorgestellt und die typischen Muster werden zugeschoben. Es gibt das Großmaul, den Feigling und den, der den klaren Durchblick hat. Nichts Neues. Ausgearbeiteter kommt dagegen der Charakter von John Ottway daher. Er hat den Tod seiner Frau nie überwunden und treibt in einem Meer aus Trauer. Gefangen in einer unüberwindbaren Depression und geplagt von Selbstmordgedanken. Nur in seinen kurzen Träumen kann er sich noch seiner Frau widmen, doch die Realität reißt ihn immer wieder von ihr weg. Nun findet er sich in der weißen Endlosigkeit wieder und muss sich als Anführer, quasi als Fels in der Brandung, beweisen. Es beginnen ein Kampf gegen die Natur und ein Kampf gegen sich selbst. In der Gruppe entstehen zunehmend Reibungen. Angst und Verzweiflung gekreuzt mit Eiseskälte und Hunger ist keine gute Verbindung.

Die Beine werden schwerer und schwerer. Allein kommt man nicht weit und man ist durchgehend auf andere angewiesen. Ein Einzelkämpfer ist hier niemand. Vor allem nicht die Wölfe. Wenn sie wie aus dem Nichts angreifen und einen nach dem anderen zerfleischen, dann krallen sich die Fingernägel des Zuschauers nicht selten in den Sitz. Und genau in diesen Situationen entfaltet ‚The Grey‘ seine ganze Klasse. Der Moment des Ungewissens. Man hört die Wölfe heulen und zähnefletschend die Männer umkreisen. Doch der Augenblick in dem sie angreifen, bleibt im Unvorhersehbaren. Purer Nervenkitzel. Grandios ist auch die furchterregende Einstellung, in der sich nachts ein Wolf den Männern nähert und man im Hintergrund nur die leuchtenden Augen der anderen Wölfe aufblitzen sieht. Auch eine Klippenüberquerung wird zu einem spannenden Highlight. Die Männer müssen an einem Seil über eine riesige Schlucht klettern. Dabei muss man auch wieder die lobend die Kamera erwähnen, die das Ganze eindrucksvoll festhält.

Aber auch die emotionalen und berührenden Szenen beherrscht Carnahan. So ist es zum Beispiel äußerst tragisch, wenn sich einer der Männer schlussendlich aufgibt, um sich vor der Kulisse eines Gebirgsflusses seinem Ende hinzugeben. Wenn sich das Ende nähert, setzt Carnahan dem Film sogar noch die Krone auf und beweist viel Mut. ‚The Grey‘ gelingt es Schönheit und Schmerz gegenüberzustellen und dann zu verbinden. In den Momenten der Stille ist er zwar manchmal zu still und zieht sich gelegentlich, doch das gewünschte Verschnaufen wird immer wieder brachial genommen.

Fazit: Mit ‚The Grey‘ inszenierte Carnahan ein blutrünstiges, raues, düsteres und spannendes Survival-Drama. Zwar kann der Film nicht über einige Längen hinwegarbeiten und will manchmal mehr sein, als er vorgibt. Nichtsdestotrotz ist ‚The Grey‘ dank eines starken Liam Neeson, herausragenden Landschaftsaufnahmen, schönem Soundtrack und einem tollen Ende äußerst sehenswert.

Bewertung: 7/10 Sternen

Kinostart ist der 12. April