Kritik: The Innkeepers (USA 2011)

Autor: Conrad Mildner

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„Everything happens for a reason Claire. Nobody just ends up at the Yankee Pedlar.“

„Sie wollen das gleiche wie sie, leben.“ Claire lauscht der Erklärung der etwas verschrobenen und angeblich hellsichtigen Schauspielerin, die sich für ein paar Nächte im heruntergekommenen The Yankee Pedlar Inn einquartiert hat. Das Hotel soll bald schließen wegen zu wenig Gästen und viel zu vielen grausamen Geschichten aus der Vergangenheit. Ein geheimnisvoller Ort an dem der Geist einer Selbstmörderin sein Unheil treiben soll und die beiden Hotelpagen Claire und Luke wollen das letzte Wochenende nutzen um diesen Geist aufzuspüren. Claire gelingt es Kontakt zur Verstorbenen aufzunehmen und ist ebenso fasziniert wie ängstlich. Sie will wissen was die Geister wollen und der hellseherische Gast gibt ihr die Antwort: Sie wollen das gleiche wie die junge Claire, einfach leben, aber will Claire das überhaupt?

Ti West hat spätestens mit seinem vorherigen Film „The House of the Devil“ für gehörig Aufsehen gesorgt und steht seitdem bei vielen Fans an der Spitze des gegenwärtigen Genrekinos. Die Geschichte über eine Studentin, die für einen Babysitting-Job in ein mysteriöses Haus geladen und zum Opfer einer satanistischen Verschwörung wird, war nicht nur eine willkommene Rückbesinnung auf die Stärken des heute nur noch despektierlich bezeichneten klassischen Gruselfilms, sondern auch eine historisch akkurate Hommage an das Horrorkino der 80er Jahre sowie eine groß angelegte Huldigung von Roman Polanskis Genremeisterwerk „Rosemary’s Baby“. Trotz zahlreicher beinah kitschig erzwungener Verweise und einem offensichtlichen Verzicht auf tiefgehende Charakterisierungen, zeigte bereits „The House of the Devil“ das Talent des Autors, Cutters und Regisseurs in Personalunion für punktgenaue Inszenierungen, die das Grauen im kleinsten Detail suchen um sie dann immer mehr im Kopf des Publikums eskalieren zu lassen.

West schließt mit „The Innkeepers“ direkt an diese Qualität an und ordnet seine Inszenierung einer weitaus stärkeren Geschichte unter. Die Retro-Ästhetik des vorherigen Indie-Films wich den visuellen Vorzügen einer höher budgetierten Produktion. Der Film erstrahlt in wunderbar komponierten Cinemascope-Bildern. Ton- wie Musikebene erreichen eine ähnliche Steigerung. Besonders der ruppige Score von Jeff Grace intensiviert die Bilder von Eliot Rockett nochmal um ein Vielfaches.

Doch bei einem höheren technischen Niveau belässt es Wests Film nicht. Die Besetzung ist, auch im Hinblick auf das kluge Drehbuch, spürbar besser. Pat Healy und Sara Paxton spielen angenehm natürlich und zurückgenommen. Ihre Figuren sind sogar dann interessant, wenn sie sich langweilen und nichts tun. Der Fokus liegt aber dennoch, wie schon bei „The House of the Devil“, auf dem weiblichen Charakter. Claire ist nicht nur sichtbar jünger als ihr Hotel-Kumpane Luke, für sie wird das Hotel auch zum Spiegel ihrer eigenen Seele.

„TimeOut London“ kürte vor kurzem die besten Horrorfilme aller Zeiten, wobei sie sich auch die Mühe machten Größen des Genres nach ihren Lieblingsfilmen zu fragen. Darunter war auch Ti West. Auf seiner Liste befand sich Stanley Kubricks „Shining“ auf dem ersten Platz, dessen Spukhauskonzept sich West völlig einverleibt hat. Jack Nicholsons eskalierender Wahnsinn findet nur seinen Ausdruck in den immer irrealer werdenden Ausformungen des Hotel-Interieurs. Die Welt der Geister und der Lebenden, das Physische wie das Seelische, alles ist miteinander verbunden. Zu den größten Errungenschaften des modernen Horrorfilms gehört doch auch, dass Gut und Böse untrennbar vereint sind. So ist auch der Geist der Selbstmörderin in „The Innkeepers“ anfangs gar keine wirkliche Bedrohung, sondern eher das kuriose Überbleibsel einer grausamen Legende, das es zu erforschen gilt.

Claires Suche nach dem Geist ist ihre Suche nach sich selbst, denn das Drehbuch lässt ihre Motivationen absichtlich im Unklaren. Warum sie in dem Hotel arbeitet, kann sie sich selbst nicht beantworten und was sie will im Leben, weiß sie auch nicht. Die Flucht ins Übernatürliche ist somit auch eine Abkehr von der Realität mit der Claire ohnehin nicht mehr viel anfangen kann. Selbst für die offensichtliche Zuneigung ihres Kollegen scheint sie blind. Claires Todesfaszination wandelt sich immer mehr in eine Selbstmordfantasie, deren Ausgang unausweichlich scheint. Dabei erinnert die Beziehung zwischen ihr und der Hellseherin an Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Auch Claire ist, wie Donald Sutherland im Horrorklassiker, unfähig zu begreifen welchen Sinn all diese übernatürlichen Erscheinungen haben.

„The Innkeepers“ ist ein zutiefst trauriger und melancholischer Film, kein typischer Horror nach Schema F mit parodistischen Splatter-Einlagen und dümmlichen Plot-Twists. Der Tod hat hier nichts von seiner zerstörerischen Kraft verloren, und dass dieser scheinbar sogar von der Protagonistin selbst ausgeht, macht Ti Wests Film umso erschreckender. Ein guter Horrorfilm sollte uns eben immer die eigenen Ängste vor Augen führen. Die Furcht davor Selbstmord zu begehen gehört ebenso dazu. Daher passt „The Innkeepers“ so unmissverständlich in unsere Gegenwart, die Zeit der großen Depressionen. Menschen sterben durch eigene Hand und niemand spricht darüber. Die Geister sind schuld.